Würdigung für die Brüder Ratzinger: „Sie waren einander die größten Fans“

Der Papst und sein Bruder: Nachrufe dokumentieren ein Jahr nach dem Tod Benedikts, wie verehrt er als Theologe war und ist. Sein Bruder Georg Ratzinger wäre am 15. Januar 100 Jahre geworden. Der Regensburger Bischof zelebriert für den verstorbenen Domkapellmeister, der in seinen letzten Lebenswochen noch Besuch von seinem Bruder aus Rom bekam, mit einem Gottesdienst im Dom.
Auch nach dem Tod sorgt Benedikt XVI. noch für Schlagzeilen. Kürzlich wurde bekannt, dass die Memores, Laienschwestern, die sich um ihn auf seinem Altersruhesitz Mater Ecclesiae im Vatikan gekümmert haben, seine privaten Predigten aufzeichneten – weltweite Berichterstattung darüber inklusive. Wer aber Ratzinger sagt, meint immer zwei: Lange Jahre war der frühere Domkapellmeister Georg Ratzinger der Berühmtere von beiden. „Orgel-Ratz“ und „Bücher-Ratz“ wurden die beiden im Traunsteiner Knabenseminar noch genannt. Jetzt wurde unter der Federführung des Regensburger Bischofs ein Band mit Nachrufen und Erinnerungen an den am 31. Dezember 2022 verstorbenen Pontifex aus Bayern veröffentlicht. Das Spektrum ist so beeindruckend wie das Schaffen des verstorbenen Theologen Joseph Ratzinger.
Pastorentochter würdigt ihn
Die Regensburger Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer, selbst Tochter eines protestantischen Pastors, kommt darin ebenso zu Wort wie Papst Franziskus, die Kardinäle Kurt Koch und Reinhard Marx sowie Gerhard Ludwig Müller, der Benedikt seine Berufung 2012 nach Rom als Glaubenspräfekt verdankte.
„Der Gedanke war, die Würdigungen und Nachrufe zu sammeln, damit sie nicht verloren gehen“, sagt Christian Schaller, Leiter des Instituts Papst Benedikt. Schaller war es, der nach dem Tod Benedikts von Benedikts Privatsekretär Georg Gänswein persönliche Gegenstände wie die Bibliothek des verstorbenen Papstes, aber auch den Schreibtisch erhielt und sie mit einer Spedition über die Alpen fahren ließ. „Die Gegenstände werden derzeit noch nach strengen Regeln archiviert“, sagt Schaller.
Schnell weitete sich die Zahl derer, die Benedikt auch über den Tod hinaus verbunden sind und einen Beitrag zum Buch leisteten. Da ist der Journalist Karl Birkenseer, der Benedikt in seinem Beitrag als „mein Befreiungstheologe“ bezeichnet. Ein zweideutiger Titel, war es doch die Befreiungstheologie in Südamerika, mit der sich Ratzinger als Glaubenspräfekt auseinandersetzen musste. Birkenseer fasst den Begriff anders und erläutert, wie die Verknüpfung von Vernunft und Glauben ihn elektrisierte: „So gesehen ist er für mich der eigentliche Befreiungstheologe unserer Generation“, würdigt er Benedikt. Weitere namhafte Autoren sind etwa der Theologe Karl-Heinz Menke und der frühere Vatikan-Sprecher Federico Lombardi. Edmund Stoiber und Markus Söder würdigen den verstorbenen Papst. Das Buch vereint aber auch die Kenner des breiten Werks Ratzingers.
Überraschender Besuch in Regensburg
Regensburgs Stadtoberhaupt Gertrud Maltz-Schwarzfischer erinnerte an ein historisches Ereignis, das die besondere Nähe der Geschwister beleuchtete: Als der emeritierte Papst im Juni 2020 überraschend aufbrach, um seinen Bruder Georg am Sterbebett zu besuchen. „Im Herzen trug er bis zu seinem Todestag am 31. Dezember 2022 Regensburg“, schreibt die SPD-Politikerin.
„Benedikt hat sich sofort durchgesetzt, als er erfahren hat, seinem Bruder geht es schlecht“, erzählt auch Peter Seewald, der renommierteste Biograph Ratzingers und ebenfalls Autor eines Beitrags in dem Band. „Morgen fliegen wir“, soll der emeritierte Papst zu seinem Sekretär Georg Gänswein damals gesagt haben. Georg war der größte Fan von Joseph, und Joseph war der größte Fan von Georg, beschreibt Seewald das Verhältnis der beiden.
Auch das Verhältnis zur Schwester Maria, die 1991 starb und auf dem Friedhof im Regensburger Stadtteil Ziegetsdorf begraben liegt neben den Eltern Josef und Maria sei prägend gewesen. „Sie hat viele seiner Texte abgetippt“, erzählt auch Schaller. Dass der damalige Kardinal Joseph Ratzinger nicht rechtzeitig nach Regensburg reisen konnte, als seine Schwester Maria nach dem Besuch am Grab der Eltern einen Herzanfall erlitt und einen Tag später starb, bewegte ihn tief – das sollte ihm bei seinem geliebten Bruder Georg nicht noch einmal passieren.
Messe zum Geburtstag
Zum 100. Geburtstag des Domkapellmeisters wird es am kommenden Sonntag im Dom zu Regensburg eine von Bischof Rudolf zelebrierte Messe geben. „Musik war für beide, für Georg ebenso wie für Joseph, ein Lebenselixier“, sagt dann auch Marcus Weigl vom Freundeskreis der Domspatzen.
„Signore, ti amo“, „Herr, ich liebe Dich“ heißt der Band im Verlag Schnell + Steiner, der nun erschienen ist.