Don Giorgios Wahrheiten über Joseph Ratzinger

Das Buch von Erzbischof Georg Gänswein ist auf Deutsch erschienen. Klar wird darin: Benedikt war schlecht beraten und als Pontifex überfordert.
Zuletzt hatte man Treueschwüre von ihm gehört. Don Giorgio, wie man Erzbischof Georg Gänswein auch im Vatikan mitunter nennt, musste zum Rapport bei seinem Dienstherren Papst Franziskus. Es geht um die Zukunft des Mannes, der Joseph Ratzinger als Privatsekretär diente, der mit ihm in die Räume der päpstlichen „Apartamenti“ zog, die Benedikts Nachfolger Franziskus nicht bewohnt. Gänswein gilt als einflussreicher Strippenzieher. Und letztlich als der Hüter des Erbes des ersten deutschen Papstes seit Jahrhunderten.
Am Dienstag stellte Gänswein sein Buch „Nichts als die Wahrheit“ im Münchner Cafe Luitpold auf Deutsch vor. Vieles ist schon bekannt über das Werk, das Benedikts letzte Geheimnisse zu enthüllen verspricht – und das Gänswein gut vorbereitet hatte, denn es kam pünktlich zum Tod Benedikts auf den Markt.
Benedikts Aufpasser?
Bekannt wurde schon dieser Satz, als das Buch in der italienischen Original-Version erschien: „Es scheint, dass Papst Franziskus mir nicht mehr traut und möchte, dass Sie den Aufpasser spielen!“, zitiert Gänswein Benedikt. Papst Franziskus hatte den Sekretär seines Vorgängers, der als Präfekt des Päpstlichen Hauses auch dem amtierenden Pontifex dient, beurlaubt. Er sollte sich nur noch um den emeritierten Papst kümmern. Beweisen lassen sich diese Aussagen letztlich nicht.
Gänswein wird in dem Buch sehr schnell persönlich. Die Nähe zu Benedikt ist sein Lebensthema. Das Drama des Pontifikats wird schnell deutlich: „Augenblicke der Freude und der Enttäuschung, der Begeisterung und der Anstrengung wechselten sich ab“, schreibt der Erzbischof. „Es mangelte nicht an Problemen“, umreißt Gänswein das Pontifikat Benedikts, „man denke nur an das Drama des sexuellen Missbrauchs durch den Klerus und an die schwierige Finanzlage des Vatikans.“
Das Buch liefert intimste Einblicke in das, was angesichts kirchenhistorischer Ereignisse hinter den Kulissen gesagt und gedacht wurde. Als sich unter dem Begriff „Vatileaks“ ein Skandal abzeichnete, der auf Grundlage von am Schreibtisch des Papstes entwendeter Papiere in die Medien kam, da traf es Benedikt wie ein Schlag, dass sein eigener Diener der Whistleblower war. Gänswein will Benedikt als Vorgesetzter des in flagranti erwischten Diebes sogar seinen Rücktritt angeboten haben. Solche Erzählungen wirken wie eine Verteidigung gegen die Kritiker auch im Vatikan und vor allem unter Franziskus` Vertrauten, die der Erzbischof schon lange gegen sich aufgebracht hat: Als faktischer Türsteher zu Benedikts Altersruhesitz in Mater Ecclesiae wurde der Sekretär auch zum wichtigen Mittelsmann für jene Kardinäle wie Gerhard Ludwig Müller und Kardinal Robert Sarah, die sich teils offen gegen Franziskus wenden.
All dies ist große Kirchenpolitik. Gänswein ist aber auch ein Chronist der Ereignisse, die den bayerischen Papst direkt mit seiner Heimat eng verbunden haben. Doch auch diese Ereignisse waren eng verstrickt mit Zeitgeschichte: Gänswein erwähnt Benedikts Regensburger Rede, die er am 12. September 2006 an der Universität hielt – und auf die Unruhen und sogar Morde auf Christen in muslimischen Ländern folgten.
Niemand warnte Benedikt XVI. vor Rede über Islam
Gänswein beschreibt, dass ihn niemand gewarnt hatte: „Fest steht jedenfalls, dass sich keine der Personen, die den Text im Vorfeld gelesen hatte, dem Papst gegenüber befremdet gezeigt hatte“, so Gänswein. Schließlich hätten ja alle gewusst, dass er sie an einer Universität halten würde. „Falsch verstandene Milde“ ist auch das Kapitel überschrieben, das Gänswein dem Debakel um die Rehabilitierung von vier Bischöfen der abtrünnigen Piusbrüder widmet. Auch hier wird deutlich: Ein Papst hat nur wenige Berater. Und die sind oft unbeholfen und können die Folgen eines Handelns für die Weltöffentlichkeit nicht abschätzen.
Medien und Anwälte schuld?
Auch die Domspatzen und der Missbrauchskandal werden thematisiert, ebenso wie die Empörung nach der Veröffentlichung des Gutachtens im Erzbistum München und Freising. Der Erzbischof skizziert ein Komplott aus Empörungsjournalismus und Anwälten, die Benedikt absichtlich hätten ins Messer laufen lassen. Gänsweins „Wahrheiten“ zeigen aber auch an dieser Stelle, wie überfordert Benedikts Berater waren. Anrührend wird es, wenn er über Benedikts letzte Reise berichtet. Sie führte ihn ans Sterbebett seines Bruders. Der deutsche Papst war bis zuletzt Mensch geblieben.
Es wird nicht die Absicht Gänsweins gewesen sein. Aber wer das Buch gelesen hat, kommt nicht umhin, das Tragische im Pontifikat Benedikts zu sehen. Ausgerechnet der hoch geschätzte Theologe strauchelte in einer Zeit, in der die Kirche am Scheideweg steht. Ob er als der Theologenpapst in die Kirchengeschichte eingeht? Oder als Gescheiterter? Das ist offen.