Leere Bänke, ratlose Hirten: Bayern wird zunehmend zur gottlosen Gesellschaft

Von Christian Eckl · 14. November 2023 um 19:00

Die Evangelische und die Katholische Kirche stellen die Glaubensfrage. Schon seit 1972 befragt die EKD ihre Mitglieder, jetzt erstmals hat sich auch die Katholische Kirche an der Studie beteiligt. Die Ergebnisse einer Befragung sind ernüchternd: So wenige Menschen glauben noch an Gott.

Es ist wie so oft: Aus den Gesprächen am Familientisch lässt sich erahnen, was Studien dann wissenschaftlich belegen. Für die Kirchen in Deutschland gilt das allemal: Ihr Ruf scheint ruiniert, selbst kirchlich Aufgewachsene sinnieren über den Kirchenaustritt. Hinzu kommt das Aufklärungs-Paradoxon: Immer dann, wenn ein katholisches Bistum den Missbrauch in der Kirche vor Ort mit einem Gutachten aufzuklären versucht, schnellen die Austrittszahlen in die Höhe.

Jetzt hat sich die Katholische Kirche in Deutschland erstmals an einer Untersuchung beteiligt, die ihre Kollegen von der Evangelischen Kirche seit 1972 durchführen. Für sie ist es die Sechste, für Katholiken die Erste. Und sie erschüttert die Kirchenführer in Deutschland und zwar nicht nur die, die sich mit dem Synodalen Weg auf Reformkurs wähnen. Und auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) geht neue Wege: Sie befragte erstmals seit 1972 nicht nur ohnehin evangelisch sozialisierte Christen, sondern weitete die Grundgesamtheit aus: Aussagen über die kirchliche Bindung aller Menschen in Deutschland ab 14 Jahren sind so möglich. Am Dienstag stellte zunächst die EKD die Ergebnisse aus ihrer Sicht vor, dann die Deutsche Bischofskonferenz für die Katholiken. Für beide Kirchen sind sie besorgniserregend – für katholische Bischöfe aber geradezu niederschmetternd.

„Die Gruppe der Konfessionslosen wächst um bis zu 1,5 Prozent“, sagte Christopher Jacobi, der auf der Synode in Ulm die Zahlen vorstellte. Knapp 40 Prozent der evangelisch Getauften haben demnach ihre Kirche schon verlassen. Bei den Katholiken lag die Zahl bei 27 Prozent, die einst die Taufe empfingen, dann aber im Laufe ihres Lebens austraten. Wer aber konfessionslos ins Leben startet, bleibt es.

Nur 27 Prozent sind der Kirche treu

Lediglich 13 Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind demnach noch religiös. An die Stelle der religiösen Leere tritt übrigens – nichts. „Wenn Religiosität abnimmt, ist es meistens auch ihr Ende und wird nicht ersetzt durch alternative Angebote“, so Forscher Jacobi. Der von manchen befürchtete Exodus von den christlichen Konfessionen in irgendwelche esoterische Ecken mit Räucherstäbchen und Klangschalen geben die Ergebnisse der Studie also nicht her. Dafür aber eine Angleichung der beiden christlichen Konfessionen im Abwärtstrend: „Es gibt kaum mehr Unterschiede zwischen katholischen und evangelischen Mitgliedern“, sagte Edgar Wunder. Das war früher anders: In früheren Studien war die Bindung der Katholiken an ihre Kirche viel stärker. Wunder nannte ein Beispiel: Vor 20 Jahren beteten noch 28,6 Prozent der Katholiken. Heute sind es knapp 15 Prozent – wie bei den Protestanten. Nur 27 Prozent der Katholiken in Deutschland schließen einen Kirchenaustritt aus. „Religion spielt für mich keine Rolle“ sagen 40 Prozent all derjenigen, die noch Mitglied einer der beiden Kirchen sind.

Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf, der die Zahlen für die Katholische Kirche einordnete, sprach von einem „deutlichen Erosionsprozess“ und eine „säkulare Mehrheitsgesellschaft“. Das ungeschminkte Bild der Studie dürfe aber nicht dazu führen, „dass sich die Restherde schmollend zurückzieht“. Der Rückzug des Religiösen sei ein umfassenderes Phänomen. „Wir würden uns also in die Tasche lügen, wenn wir glaubten, wir müssten uns nur besser auf die Menschen einstellen, dann wäre alles wieder in Ordnung“, sagte der Bischof.

Selbst im Herzen des einst katholischen Bayerns erlebt die Kirche seit Jahren einen Exodus. Regensburg, das flächenmäßig größte Bistum Bayerns, ist neben das einzige, in dem der Anteil der Katholiken in der Bevölkerung noch über 60 Prozent liegt. Doch der Mitglieder-Aderlass ist erheblich: In den vergangenen Jahren schrumpfte die Zahl der Katholiken im Bistum Regensburg von weit über 1,2 Millionen auf zwischenzeitlich noch 1,07 Millionen. Allein im vergangenen Jahr sind fast 24000 Katholiken ausgetreten. Zum Vergleich: Im Jahr 2010 waren es lediglich etwa 6700. In Passau traten vergangenes Jahr mehr als 9330 Menschen aus, im Jahr 2010 waren es lediglich 6658, also etwa ein Drittel weniger.

Im Bistum Eichstätt verdoppelte sich die Zahl der Ausgetretenen von 3180 im Jahr 2010 auf 8600 im vergangenen Jahr. Beide Kirchen schrumpfen zudem auch ohne Austritte schon demografisch, weil die Zahl der Taufen im Vergleich zu den Beerdigungen abnimmt. Dass dies wenig mit den als konservativ geltenden Oberhirten in den drei Bistümern zu tun hat, belegt aber das Beispiel München und Freising wo mit Kardinal Reinhard Marx ein Reformer seinen Sitz hat: Traten hier 2010 noch etwas mehr als 17000 Menschen aus, hat sich die Zahl der Austritte bis zum vergangenen Jahr mit fast 50000 fast verdreifacht. Im Augsburg, wo der unrühmliche Abgang des damaligen Bischofs Walter Mixa 2010 noch 12000 Katholiken zum Austritt bewog, stieg die Zahl auch ganz ohne Skandal auf über 30000.

Aber was können die Bischöfe eigentlich tun, um Vertrauen zurückzugewinnen? „Die innerkirchlichen Debatten über den Missbrauch und die Vorfälle haben zu einem gesamtgesellschaftlichen Vertrauensverlust geführt“, sagt Joachim Unterländer, Vorsitzender des Landeskomitees der Katholiken in Bayern. „Man ist jetzt auf dem Weg einer vernünftigen Aufarbeitung, aber es ist notwendig, Reformen anzugehen.“ Unterländer nennt für die Katholische Kirche den Umgang mit Frauen in kirchlichen Ämtern, aber auch die Frage, wie Laien einbezogen werden. Das Argument, das einst Joseph Ratzinger als Glaubenspräfekt gegenüber dem Passauer Autoren Peter Seewald nannte, dass dies schon in der Evangelischen Kirche verwirklicht ist, der aber auch die Gläubigen weglaufen, lässt er nicht gelten: „Die Menschen erwarten Veränderungen in der Kirche, auch als Zeichen.“

Harsche Kritik hat Horst Böhm parat: „Vertrauen kann man nur zurückgewinnen, wenn die Menschen den Aussagen der Kirche wieder uneingeschränkt vertrauen können“, sagt der frühere Landgerichtspräsident und Vorsitzende der Unabhängigen Aufklärungskommission von Missbrauch im Bistum Regensburg. „Die zahlreichen und schlimmen Missbrauchsfälle haben massiv zum Vertrauensverlust beigetragen“, sagte Böhm. Bei der Aufarbeitung gebe es eklatante Defizite. „Die Bischöfe agieren zum Beispiel bei den Entschädigungen völlig unterschiedlich, mal wird auf die Verjährung verzichtet, mal nicht und eine Zahlung von 300000 Euro akzeptiert.“ Böhm fragt sich: „Weniger Geld, weil man im falschen Bistum lebt? Das Leid der Betroffenen wiegt aber nicht weniger, weil man in einem anderen Bistum lebt. Das versteht kein Betroffener!“

„Kirche überzeugt, wo sie bei Armen ist“

Manche sehen die Rettung der Kirchen im Dienst am Nächsten. Der Regensburger Caritas-Direktor Michael Weißmann glaubt, dass das Vertrauen in die Kirche dort zurückgewonnen werden kann, wo sie den Bedürftigen hilft. „Wo die Caritas wichtige gesellschaftliche Arbeit leistet, da ist das Vertrauen in die Kirche größer“, sagt Weißmann. Bisher haben die Austrittszahlen noch keine finanziellen Auswirkungen auf die Caritas. „Aber das wird irgendwann mal kommen.“ Denn wenn immer mehr Menschen austreten, sinken auch die Kirchensteuer-Einnahmen. Die zeigt auch, was die Gesellschaft mit der Erosion von Religiosität verliert. Umso religiöser Menschen sind, desto häufiger engagieren sie sich ehrenamtlich. Im Umkehrschluss heißt das: Je gottloser eine Gesellschaft ist, umso egoistischer wird sie.