Regensburger KI-Experte: „Ein TÜV für Künstliche Intelligenz wäre sinnvoll“

Software etwa für die Luftfahrt wird zertifiziert, verändert sich dann aber kaum noch – bei Künstlicher Intelligenz ist das anders, sagt der Regensburger KI-Experte Christian Wolff. Der Medieninformatiker ist beeindruckt von den Leistungen der großen Sprachmodelle, sagt aber auch: „Sie machen die Schlechten besser.“
Die Entwicklung bei der Künstlichen Intelligenz ist atemberaubend – dabei ist der große „Big Bang“-Effekt nach der Veröffentlichung von ChatGPT gerade einmal ein Jahr her. Während die Fachwelt ahnte, was da kommen könnte, staunt der Laie bis heute, wie die Künstliche Intelligenz Texte generieren kann. Doch während anfänglich noch Prophezeiungen ins Kraut schossen, dass die KI viele Arbeitsplätze vernichten wird, sind die Auguren heute vorsichtiger. Dabei wird zunehmend klarer, was KI kann – und wozu sie in Medizin, Wirtschaft, Kunst und Wissenschaft eingesetzt werden kann.
Bemerkenswerte Ergebnisse
Einer, der das Trainieren von großen Sprachmodellen seit vielen Jahren kennt, ist der Medieninformatiker Christian Wolff von der Uni Regensburg. Anfang der 90er Jahre war er beteiligt an der Erstellung des „Leipziger Wortschatzes“. Sehr große Textmengen aus Enzyklopädien wurden digitalisiert und mit statistischen Verfahren verarbeitet. „Damals waren wir stolz darauf, etwa 100 Millionen Worte verarbeitet zu haben“ – die großen Sprachmodelle von heute nutzen das Tausendfache, so Wolff. Gerade weil er die Grundlagen kennt, findet er die Ergebnisse von ChatGPT „durchaus faszinierend“.
Die Veröffentlichung von ChatGPT bezeichnet der Wissenschaftler als „Mediencoup“, der heute aber durchaus umstritten ist. Doch die anfänglichen Warnungen, etwa was Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt anbelangt, seien zwischenzeitig etwas revidiert worden. „Aber in vielen Berufen wird die Künstliche Intelligenz eine große Rolle spielen“, ist sich Wolff sicher – Journalisten seien ebenso betroffen wie Wissenschaftler. Dass künftig kein Journalist mehr nötig sei, ebenso wenig aber ein Professor aus Fleisch und Blut, hält er für äußerst unwahrscheinlich. „Schon seit den 60er Jahren und später seit den Anfängen des E-Learnings hat man versucht, Professoren zu ersetzen, aber die Hochschule ist ein sozialer Raum“, sagt Wolff.
Bei Journalisten sei, ebenso wie in anderen Branchen, die menschliche Kontrolle dessen, was die Künstliche Intelligenz auswirft, nach wie vor entscheidend. Gleichzeitig sagt der Wissenschaftler, dass er selbst kürzlich gute Ergebnisse erhielt, als er ChatGPT eine Gliederung für eine wissenschaftliche Arbeit zu einem hoch aktuellen Thema schreiben ließ und die KI aufforderte, ein Kapitel auszuarbeiten. „Das Ergebnis war durchaus befriedigend“, sagt Wolff, zeige aber auch, welche Auswirkungen der Einsatz von KI für die Wirtschaft haben könnte: „Die Schlechten werden besser.“ Für die Exzellenz brauche es nach wie vor den Menschen.
Dass die Europäische Union nun mit dem „AI Act“ versucht, Künstliche Intelligenz zu regulieren, begrüßt der Informationswissenschaftler. Gleichzeitig sagt er aber auch: „Ein TÜV für die Künstliche Intelligenz wäre sinnvoll.“ Denn Software wird in sensiblen Bereichen wie etwa in der Luftfahrt selbst verständlich zertifiziert. „Das Problem bei der Künstlichen Intelligenz ist ja, dass sich die neuronalen Netze weiterentwickeln.“ Man müsse also die Ergebnisse regelmäßig überprüfen. Gerade in der Medizin, wo KI in bestimmten Bereichen in der Diagnostik teils bessere Ergebnisse liefert als der Mensch, sei eine Qualitätsprüfung stetig nötig.
Urheberrecht im Fokus
Spannend findet Wolff die Frage des Urheberrechts. Die New York Times verklagte kürzlich OpenAI, das Unternehmen, das zusammen mit Microsoft ChatGPT betreibt. Die Zeitung beklagt, dass die KI in Antworten teilweise ganze Passagen aus Pulitzerpreis-Texten kopiert und wiedergibt. Das sei, sagt Wolff, nach wie vor ein Problem: Niemand weiß, mit welchen Texten KIs wie ChatGPT überhaupt gefüttert wurden.