Kann man sich in eine Künstliche Intelligenz verlieben? Klar geht das!

Von Christian Eckl · 30. März 2023 um 05:00

Zwei Manager der Software-Firma Palantir haben ein Buch zusammen mit dem US-Milliardär Alex Karp geschrieben über die Frage, was Künstliche Intelligenz von Kunst lernen kann.

Sie haben sich für Ihr Buch intensiv mit Kunst befasst. Kann die KI irgendwann bessere Symphonien komponieren als Beethoven und geheimnisvollere Bilder malen als Vermeer?

Jan Hiesserich:Das liegt sicher auch im Auge des Betrachters. In unserem Buch haben wir Matthias Röder interviewt, der mit seinem Team anlässlich seines 250. Geburtstags Beethovens bis dato unvollendete 10. Symphonie mit KI vollendet hat. Die Kritik an diesem Vorhaben offenbarte zahlreiche Missverständnisse im Umgang mit KI. Zunächst einmal war es nie das Ziel, die KI autonom den Schlusspunkt hinter eine einzigartige menschliche Karriere setzen zu lassen. Vielmehr hat man sich bewusst die Fähigkeit der KI zunutze gemacht, unvoreingenommen – und vielleicht auch im guten Sinne des Wortes ‚respektlos‘ – an diese Aufgabe heranzutreten. Sie hat auf Basis des Lebenswerks von Beethoven Vorschläge unterbreitet, die dann vom Expertenteam selbstständig kuratiert wurden. Die KI hat sozusagen den Blick der Experten auch für vermeintlich unkonventionelle Ideen erweitert. Das ist die Idee der augmentierten, also erweiterten Intelligenz, über die wir auch im Buch sprechen. Interessant war dabei auch, dass Kritiker schlussendlich auch solche Passagen bemängelten, die Beethoven selbst komponiert hatte. Auch ein Genie wie Beethoven entwickelt sich eben im Laufe seines Schaffens weiter.

Paula Cipierre:Das ist auch genau die Vorstellung, die wir haben, wie Software im Allgemeinen und KI im Besonderen eingesetzt werden sollte. Sie sollte Möglichkeitsräume eröffnen in einer wechselseitig bereichernden Beziehung zwischen Mensch und Maschine. Die KI hat eine Bandbreite an Kompositionen vorgeschlagen, auch solche, die wir aufgrund unserer eigenen Denkfallen nicht in Betracht gezogen hätten. Aber am Ende entscheidet der Mensch.

„Zum Verlieben in eine KI braucht es noch nicht mal ChatGPT“

Würden Sie merken, wenn eine Künstliche Intelligenz wie Chat GPT die Interview-Fragen stellen würde?

Cipierre:Je mehr das Gespräch in die Tiefe gehen würde, desto deutlicher würde man wahrscheinlich merken, dass die Fragen von einer KI kommen.

Würde ich es merken, wenn ich mit einer KI ein Interview über Sie führen würde?

Cipierre:Umso mehr sie nachhaken, desto deutlicher würden Sie merken, dass Antworten ohne Ecken und Kanten kommen. Systeme wie Chat GPT sind darauf programmiert, Antworten zu geben, die am durchschnittlichsten akzeptabel sind. Die Frage, die Sie stellen, ist aber wichtig: Es wird zunehmend schwieriger, auf Anhieb zu erkennen, ob man es mit einer KI zu tun hat.

Kann man sich in eine Künstliche Intelligenz verlieben?

Hiesserich:Zum Verlieben in eine KI braucht es noch nicht mal ChatGPT. In unserem Buch berufen wir uns etwa auf Joseph Weizenbaum, ein Computerpionier, der Anfang der 1970er Jahre schon über die „Ohnmacht der Vernunft“ geschrieben hat. Er erfand das erste Chat-Programm namens ELIZA, das nur ein striktes Wenn-Dann-Regelwerk hatte. Irgendwann stellte er fest, dass seine Sekretärin das Programm genutzt hat und er merkte, dass die Frau Gefühle für das Programm entwickelt hatte. Das hat ihn sehr beunruhigt. Weizenbaum hat daraufhin gesagt: Es muss weiterhin möglich sein, einen klaren Trennstrich zwischen Mensch und Maschine zu ziehen, andernfalls leidet die menschliche Autonomie. Das sehen wir genauso.

Cipierre:Die Frage ist ethisch hochrelevant. Ich vergleiche das mit dem klassischen Beispiel der Patientin, die sich in den Psychotherapeuten verliebt. Wieso geschieht das? Na, weil der Therapeut einfühlsam ist, sich mit einem auseinandersetzt, aber nicht mit dem Abwasch nervt. Genau hier liegt auch die Gefahr: Die KI ist eine Art sehr guter Freund, der nie nervt. Menschliche Interaktion hingegen ist überraschend, manchmal irrational, eben nicht erwartbar. Das sollten wir uns nicht abtrainieren.

Hiesserich:Wir wachsen ja am meisten an Widerständen. Konstruktive Debatten erfordern auch mal Dissens, das werden Sie aber von ChatGPT nicht erwarten können.

Was kann denn nun eine KI von der Kunst lernen?

Cipierre:KI ist zum Beispiel gut in der kombinatorischen Kreativität. Die KI Dall-E, sowohl nach dem Roboter Wall-E als auch dem Künstler Salvador Dalí benannt, interpretiert bestehende Konzepte bildlich neu. Wenn man beispielsweise Avocado und Stuhl eingibt, kann die KI diese Konzepte auf eine überraschende Art und Weise kombinieren. Darüber hinaus kann ein Computer unfassbar gut Unmengen von Daten verarbeiten, viel besser als jeder Mensch. Als ein Computer den Weltmeister des äußerst komplexen Spiels Go besiegte, spielte der Computer einen völlig unerwarteten Zug. Er erweiterte damit den Horizont des Spiels. Das ist eine Art explorativer Kreativität. Die große Kunst ist aber die transformative Kreativität, die Fähigkeit also, die Welt außerhalb bestehender Regeln völlig neu zu denken. Künstler werden häufig auch erstmal als irrational dargestellt. Die Regeln völlig umzudrehen, das ist vielleicht den Impulsen und der Irrationalität des Menschen geschuldet, zeichnet ihn aber eben auch aus.

Hiesserich:Nehmen Sie den Tristan-Akkord von Wagner. Der Akkord entzieht sich wegen seiner harmonischen Undurchsichtigkeit einer bis dato erwarteten Deutung. Damals sprach man daraufhin von einer existenziellen Krise der romantischen Harmonik. Heute wird Wagner dafür gefeiert.

Werden wir einen Zeitpunkt sehen, an dem Programme wie Chat GPT Werke wie Michelangelos Schaffung des Menschen in der Sixtina schöpfen kann?

Cipierre:Eine KI kann enorm nützlich sein, um neue Impulse zu geben. Wir haben in unserem Buch mit Achim Daub gesprochen, der erste, der KI in der Parfumindustrie eingesetzt hat. Er hat zusammen mit IBM eine Datenbank gebaut, in die Rezepturen eingepflegt wurden, aber auch kommerzielle Informationen, wie gut verschiedene Parfums sich verkauft haben. Parfumeure können die Datenbank dann gezielt nach erfolgsversprechenden Rezepturen durchsuchen.

Kann damit also jeder Parfumeur werden?

Hiesserich:Eben nicht!

Cipierre:Es beschleunigt lediglich die Entwicklung von Parfums. Ausschlaggebend für den Erfolg ist letztlich die menschliche Erfahrung und Intuition des Parfumeurs.

Jan Hiesserich ist Strategiechef Europa beim Softwarespezialist Palantir Technologies. -Foto: Eckl
Paula Cipierre ist Head of Privacy and Public Policy . Sie hat Ethik und Literaturwissenschaften studiert.