ChatGPT & Co.: So wird Künstliche Intelligenz unser Leben verändern

Das Programm ChatGPT könnte in Zukunft Texte wie diesen schreiben – doch welche Rolle spielt der Autor dabei noch?
In einer Art Redaktionsstatut des Nachrichtenmagazins Spiegel hieß es noch im Jahr 1949: „Nichts interessiert den Menschen so sehr wie der Mensch.“ Doch stimmt das noch? Hat das iPhone nicht mit seinem Siegeszug seit 2007 das Interesse auf Technik gelenkt? Und was ist das überhaupt, ein Mensch – kann man ihn in Texte fassen? Nicht einmal das Bewegtbild bleibt ihm, dem Menschen, denn das, was wir in den vergangenen Wochen und Monaten erlebt haben, lässt Zweifel an jedem Bild aufkommen: Ist es echt? Oder eine Manipulation?
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So erklärt ChatGPT seine eigene Funktionsweise
Zunächst sollte man verstehen, wie eine Künstliche Intelligenz wie ChatGPT funktioniert, um beurteilen zu können, was sie kann. Und wen sollte man da besser fragen als ChatGPT selbst? Das ist die Antwort, die auf die Frage „Wie funktionierst Du?“ generiert wird:
„ChatGPT ist ein computerbasiertes Chat-System, das auf der GPT-3.5 Architektur basiert. Diese Architektur nutzt neuronale Netze, um natürliche Sprachverarbeitung und -generierung zu ermöglichen.
Im Wesentlichen lernt ChatGPT, wie man natürliche menschliche Sprache versteht und produziert, indem es enorme Mengen an Texten aus dem Internet und anderen Quellen analysiert. Dies ermöglicht es ChatGPT, auf eine Vielzahl von Themen zu antworten, indem es kontextbezogene Antworten generiert.“
Einen wesentlichen Unterschied zu Algorithmen, die aus einem bestimmten Input einen festgelegten Output generieren, gibt es auch:
„Um eine Frage zu beantworten, analysiert ChatGPT den Kontext und die Bedeutung der Frage und versucht, die bestmögliche Antwort basierend auf seiner gespeicherten Wissensdatenbank zu finden. Die Antwort wird dann auf natürliche Weise generiert, als ob ein Mensch sie geschrieben hätte. ChatGPT ist ein ständig lernendes System, das durch die Verarbeitung von mehr Daten und Feedback von Benutzern seine Fähigkeiten verbessert.“
Das sagt ChatGPT also über sich selbst.
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KI kann auch Beethovens Stil nachkomponieren
Derzeit sprießen die Publikationen über Chat GPT in Zeitungen und Zeitschriften, aber auch in den Buchläden geradezu aus dem Boden. Zwei Manager der Software-Firma Palantir haben zusammen mit dem Palantir-Gründer Alex Karp kürzlich ein Buch vorgelegt, das sich mit einer spannenden Frage auseinandersetzt. Jan Hiesserich und Paula Cipierre haben mit Karp zahlreiche Interviews mit Informatikern, Medienvertretern und Philosophen zusammengetragen. Im Buch „Von Artificial zu Augmented Intelligence“ (Campus-Verlag) versuchen sie, folgende Grundfrage zu beantworten: Was kann der Mensch von Kunst lernen, um die Zukunft mit Software zu gestalten? Im Interview mit der Mediengruppe Bayern schildern sie, welche Erkenntnisse in ihren Gesprächen beispielsweise mit dem Geschäftsführer des Axel-Springer-Verlags, Mathias Döpfner, gelernt haben.
Werden Künstliche Intelligenzen künftig Bilder malen können, wie sie etwa der niederländische Maler Johannes Vermeer mit dem berühmten „Mädchen mit dem Perlenohrring“ geschaffen hat? „Das liegt sicher auch im Auge des Betrachters“, sagt Hiesserich. Für das Buch haben die Autoren unter anderem Matthias Röder interviewt, der mit seinem Team anlässlich seines 250. Geburtstags Beethovens bis dato unvollendete 10. Symphonie mit KI vollendet hat. „Die Kritik an diesem Vorhaben offenbarte zahlreiche Missverständnisse im Umgang mit KI“, sagt Hiesserich. So wurden auch Passagen kritisiert, die tatsächlich von Beethoven stammten – so, als würde etwa der frühe Komponist den gegenwärtigen Kritikern nicht genügen.
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Dass sich in der Anwendung von KI auch ethische Fragen stellen, weiß seine Kollegin Paula Cipierre nur zu gut. Sie befasst sich bei Palantir mit ethischen Fragen über die Anwendung von Software, kommt aber nicht von der technischen Seite. Cipierre studierte Philosophie und Französische Sprachwissenschaft. Wäre es beispielsweise möglich, dass sich Menschen in Künstliche Intelligenzen eines Tages auch verlieben? Die Frage sei ethisch hoch relevant, meint Cipierre. „Ich vergleiche das mit dem klassischen Beispiel der Patientin, die sich in den Psychotherapeuten verliebt. Wieso geschieht das? Na, weil der Therapeut einfühlsam ist, sich mit einem auseinandersetzt, aber nicht mit dem Abwasch nervt“, sagt sie. „Genau hier liegt auch die Gefahr: Die KI ist eine Art sehr guter Freund, der nie nervt. Menschliche Interaktion hingegen ist überraschend, manchmal irrational, eben nicht erwartbar. Das sollten wir uns nicht abtrainieren.“
Überraschend und irrational: Verlaufen hier künftig die Grenzen zwischen künstlichen und menschlichen Intelligenzformen? Im Journalismus stellt sich diese Frage ganz akut. In den vergangenen Wochen erschienen zahlreiche Texte, in denen die Künstliche Intelligenz auf Herz und Nieren dahingehend geprüft wurde, ob sie einen journalistischen Text verfassen könnte.
Ist Künstliche Intelligenz der bessere Diagnostiker?
Irrationalität ist hingegen nichts, was man beispielsweise im Bereich Medizin brauchen kann. Eine Studie zeigte beispielsweise kürzlich, dass die Entscheidungen einer Künstlichen Intelligenz nach einem Ultraschall des Herzens sicherer Erkrankungen diagnostizieren als medizinische Fachkräfte. Die Schiedsrichter bildeten erfahrene Kardiologen, die zum Ergebnis kamen: Die Ergebnisse der KI mussten in 16,8 Prozent der Fälle korrigiert werden. Die der menschlichen Fachkräfte in 27,2 Prozent der Fälle.
Der Regensburger Professor Christian Wolff hatte früh Kontakt mit Sprachmodellen. Der Medieninformatiker an der Fakultät für Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften war dabei, als in den 90er Jahren der „Wortschatz Leipzig“ aufgebaut wurde: Eine Datenbank von 30 Millionen Sätzen, die in deutschsprachigem Zeitungstext verfasst wurden. Seit die Firma OpenAI mit der Künstlichen Intelligenz ChatGPT auf den Markt gegangen ist, kann jeder sehen, was der Chatbot kann – man vermutet, dass für die aktuelle Version ChatGPT 4 insgesamt 500 Milliarden Wörter verwendet wurden, um die Maschine zu trainieren. Die Texte sind einwandfrei, auch wenn sie oft noch falsche Informationen enthalten. Jetzt wird Wolff als Sachverständiger zum Thema Künstliche Intelligenz vor dem Bayerischen Landtag seine Expertise abgeben.
Kürzlich formulierte der Informationswissenschaftler am Ende eines Vortrags zu KI dieses Fazit: „Die Beurteilungskompetenz muss nach wie vor beim Menschen liegen.“ Einsetzen könne man die Künstliche Intelligenz schließlich nur dann, wenn klar sei, „ob das Ergebnis auch verlässlich ist“. Denn: „Eigentlich weiß das System nichts, es versteht auch nichts und es hat auch keinen Wahrheitsbegriff.“ Dennoch sei es in der Lage, „gute Ergebnisse in Form von Texten auszuspielen“.
Jeder, der derzeit eine Künstliche Intelligenz wie ChatGPT oder den Bildgenerator Dall-E nutzt, merkt relativ schnell, dass die Ergebnisse stark von der Frage abhängen. Das Ungewöhnliche ist, dass man etwa von ChatGPT auf die selbe Frage unterschiedliche Antworten bekommen kann. Doch wie man KI trainiert – und was man sie fragt, das werden die entscheidenden Parameter sein.
Die richtigen Fragen werden in Zukunft entscheiden
Dabei gerät man in der Auseinandersetzung mit KI schnell zu juristischen Fragen. Der Rechtswissenschaftler Peter Georg Picht von der Uni Zürich formulierte es in der Neuen Zürcher Zeitung kürzlich so: Beim Verarbeiten von Daten von Dritten durch eine KI müsse man prüfen, „um was für Daten es sich handelt, wer welche Rechte hält und ob man sie allenfalls nutzen darf.“ Denn auch wer Texte dafür nutzt, eine Künstliche Intelligenz zu trainieren, muss ja zunächst einmal die Verwertungsrechte für die Texte haben. Noch gravierender stellt sich das bei den Bildgeneratoren dar: Die Bildagentur Getty Images klagt derzeit gegen die KI Stability AI.
Derzeit versucht die Europäische Union mit dem sogenannten „Artificial Intelligence Act“ die Gefahren der KI-Entwicklung einzuhegen. Offenbar wollen die EU-Beamten und -Politiker in Brüssel nicht die selben Fehler machen wie bei den Sozialen Medien, deren negative Folgen auch für die Politik in vielen EU-Ländern zu spüren sind. Ob der EU aber diesmal der rechtliche Rahmen gelingt, um die Gefahren von KI zumindest zu minimieren, ist noch völlig offen.
Neben den rechtlichen Hürden und Herausforderungen steht auch die Frage im Raum, ob die Künstliche Intelligenz nicht einfach nur nachplappert. Auch hier gehen die Meinungen der Experten weit auseinander. Die Frage, die sich stellt, ist: Lernt die Künstliche Intelligenz wirklich über die bloße Wiedergabe der Abermillionen Texte hinaus, mit der sie gefüttert wurde? Extrapolation nennt sich dieser Vorgang: „Ein Mensch lernt schnell, wenn Kopfschütteln in einem anderen Kulturkreis Zustimmung bedeutet“, sagte etwa Hinrich Schütze von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Doch kann auch eine KI begreifen, wenn das gleiche Zeichen unterschiedliche Bedeutung hat? Wäre das der Beginn davon, dass die Maschine Sinn begreift?
Dass Künstliche Intelligenz allerdings auch Gefahren bergen könnte, das bestreitet noch nicht einmal der Gründer von OpenAI, das ChatGPT betreibt. Sam Altman sprach kürzlich vor dem US-Kongress. Und kürzlich besuchte Altman auch die Technische Universität München. Wird ChatGPT die Welt besser machen? „Na klar, bessere Algorithmen werden das Leben verbessern“, lautete seine Antwort.
ChatGPT wäre ein Journalist ohne Launen – oder?
Weit verbreitet ist derzeit auch die Angst, dass ChatGPT Arbeitsplätze vernichtet. Diese Angst kannte man bisher zumeist von Bereichen, in denen einfachere Tätigkeiten, etwa bei der Autoproduktion, automatisiert wurden. Der Arbeitsmarktexperte Enzo Weber, Forschungsbereichsleiter am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg, sagt dazu: „Digitalisierung und KI werden viele Jobs verändern und Tätigkeiten ersetzen. Das ist vor allem bei Routinetätigkeiten der Fall, die gut nach etablierten Mustern ausgeübt werden können“, so der Arbeitsmarktexperte. Dabei könne es um Büroberufe wie in der Buchhaltung aber auch um die Produktion gehen. „Allerdings entsteht durch solche Technologien auch neue Beschäftigung und zusätzliche Produktivität.“ Es werde dadurch keinen Einbruch, sondern einen Umbruch am Arbeitsmarkt geben. „Deshalb sollte proaktiv in Qualifizierung investiert werden.“
Auch Journalisten fragen sich derzeit, welche Zukunft ihr eigener Beruf hat. Was sagt ChatGPT dazu? Könnte es auch einen Text schreiben wie der Autor, wenn die KI genügend Texte des Autors zuvor analysiert hat? Die Antwort ist eindeutig:
„Ja, theoretisch könnte ChatGPT, wenn es genügend Texte von Ihnen analysiert hätte, in der Lage sein, Texte zu schreiben, die in Ihrem Schreibstil ähnlich sind. Dies liegt daran, dass ChatGPT ein System der natürlichen Sprachverarbeitung und -generierung ist, das auf der Analyse von Texten basiert. Allerdings sollte man bedenken, dass ChatGPT ein künstliches System ist und dass es trotzdem einige Unterschiede geben kann. Zum Beispiel könnte ChatGPT nicht in der Lage sein, Ihre Persönlichkeit, Ihre Stimmung oder Ihre Intentionen genau zu erfassen, was dazu führen könnte, dass die generierten Texte nicht vollständig Ihren Vorstellungen entsprechen.“
