Der Reformator der Regensburger Freisitz-Regeln gibt den Schlüssel ab

Von Rainer Wendl · 31. Dezember 2023 um 11:00

Er war das „Mädchen für alles“ in der Dreieinigkeitskirche, mit einer Petition hat er die ganz Regensburg verändert.

Am Freitagmittag hat Joachim Roller ein letztes Mal den Infokasten in der Gesandtenstraße neu bestückt. Er hat das von ihm gestaltete Plakat mit den Monatsterminen der Dreieinigkeitskirche reingehängt, die Glastür wieder zugesperrt und danach den Schlüssel abgegeben. Seine Tätigkeit in der Gemeinde ist damit beendet. Er kommentierte dies launig mit den Worten seines in dieser Woche verstorbenen badischen Landsmanns Wolfgang Schäuble: „Isch over.“

Seit 2016 war der 60-Jährige für die größte evangelische Kirche Regensburgs tätig. Doch als was eigentlich? Roller hat dafür viele Bezeichnungen: „Kümmerer, Kirchner, Hausmeister, Konzert-Betreuer, Koordinator von Handwerkerterminen, Mitglied des Turm-Teams, Mesner, Mädchen für alles, Faktotum – man kann alles dazu sagen. Und ich habe jede Aufgabe gerne übernommen, denn die Dreieinigkeitskirche ist wirklich etwas ganz Besonderes.“

Im Nu 2000 Unterstützer

Ohne Zweifel besonders war Rollers Kampf für die Beibehaltung der Freisitze entlang der Kirche. Seine im Sommer 2021 gestartete Online-Petition, die innerhalb von nur drei Wochen über 2000 Regensburger unterstützten, brachte einen gewaltigen Stein ins Rollen.

In der Folge wurden nämlich nicht nur die neuen Freisitze in der Gesandtenstraße und am Ölberg vom Corona-Provisorium zur ganzjährigen Dauereinrichtung, nein: Von Rollers Initiative profitieren zahlreiche Gastronomen im gesamten Welterbe-Bereich. Durch die neue Freisitz-Regelung hat sich das Gesicht der Stadt nachhaltig verändert.

Der Reformator selbst ist mit der von ihm angestoßenen Entwicklung zufrieden: „Wo ich gehe und stehe, sagen mir die Leute, dass sie froh um die vielen zusätzlich entstandenen Freisitze sind“, berichtet er. Dass es dabei hin und wieder auch mal knirscht, findet Roller normal: „Wir haben es an der Dreieinigkeitskirche selbst erlebt, dass der Schaukasten durch Freisitze versperrt war oder andere Probleme auftraten. Aber so etwas passiert in engen Beziehungen. Da gibt es immer Themen, über die man diskutieren und verhandeln muss. Die Alternative wäre, keine Beziehungen zu haben.“

Die Art und Weise, wie Gemeinde und Gastronomen im gemeinsamen Gespräch nach Problemlösungen gesucht haben, gefällt dem Harmonie-Menschen Roller jedenfalls. Dass die Vorteile für die Kirche überwiegen, steht für ihn außer Frage. Früher musste er den Bereich rund um das Gotteshaus regelmäßig von Körperausscheidungen aller Art säubern, jetzt herrscht Ordnung.

Sonderlob für einen Wirt

Vor allem der Einsatz von Jürgen Wittmann von der Chin-Chin Bar beeindruckt ihn: „Der hat tolle Ideen zur Zusammenarbeit, unsere Ehrenamtlichen profitieren und er kümmert sich wirklich um die Kirche. Jeden Tag macht er das Pflaster und den Sockel sauber, das könnte die Stadt niemals leisten. Das ist gelebter Denkmalschutz.“

So freut sich Roller darüber, dass der Wirt von gegenüber zu einem echten Fan der Dreieinigkeitskirche geworden ist. Ihm selbst erging es ja nicht anders, als er sich 2016 dem Turm-Team anschloss. Und Fan bleiben wird er auch nach der Schlüsselabgabe.