Nach Schäden an Regensburger Kirche: Pfarrer nehmen Wirte ins Gebet

Von Rainer Wendl · 20. November 2023 um 05:00

Die Liberalisierung der Freisitz-Regelung in der Regensburger Altstadt sorgt nicht nur für Friede, Freude, Eierkuchen, wie dieses Beispiel aus der Gesandtenstraße zeigt.

Es war ein Fest, und zwar nahezu jeden Tag. Sofern das Wetter mitspielte, war die Gesandtenstraße im Bereich der Dreieinigkeitskirche den ganzen langen Sommer hindurch ein Publikumsmagnet. Bis in die späten Abendstunden drängten sich die Feiernden rund um das Gotteshaus, wo die während Corona erst provisorisch geschaffenen neuen Freisitze zur beliebten Dauer-Einrichtung geworden sind.

Doch wie bei jeder großen Sause blieb auch rund um die Dreieinigkeitskirche eine gewisse Katerstimmung nicht aus. Im Kirchenvorstand war man jedenfalls nicht nur glücklich über diese permanente Party.

„Es war ganz schön trubelig“, stellt auch Pfarrerin Marjaana Marttunen-Wagner fest. Wenn sie beispielsweise an Mittwochabenden zu ihrer „Atempause“-Andacht einlud, war an stille Einkehr oft nicht zu denken, weil das Remmidemmi von draußen zu hören war.

Aus demselben Grund waren auch Tonaufnahmen bei den Tagen alter Musik schwierig. Ebenfalls als Zeichen fehlender Rücksichtnahme wurden die vom Café Weichmanns aufgestellten Tische, Stühle und Pflanzkästen empfunden, die den Zugang zu den Infokästen der Kirche und der Kantorei versperrten.

Ein noch schwerwiegenderes Ärgernis waren und sind schließlich die durch die Sonnenschirme der Cafébar verursachten Schäden an der Fassade der Kirche. An dem kürzlich erst für viel Geld sanierten Mauerwerk sind bei genauem Hinschauen Schleifspuren und sogar kleine Löcher im Putz zu erkennen.

Die Stadt hatte gewarnt

Dies hat man auch bei der Stadt registriert. „Die Schäden an der Dreieinigkeitskirche sind der Unteren Denkmalschutzbehörde bekannt“, lautet die Auskunft aus dem Rathaus.

Nicht vergessen wird dabei der Hinweis, dass die städtischen Denkmalschützer seit jeher gegen die gastronomische Nutzung dieses Bereichs waren: „Die Platzierung der Freisitze direkt an der Kirche wird vom Fachamt nach wie vor kritisch gesehen, da unter anderem ein Risiko besteht, dass Beschädigungen an den Natursteinoberflächen und am Putz entstehen können. Gerade der Feinputz an der Außenwand der Kirche, der weitgehend hohl liegt, ist mit besonderer Vorsicht zu behandeln.“

Genau diese Bedenken sind nun eingetreten. Marttunen-Wagner und ihr Pfarrer-Kollege Magnus Löfflmann sahen dennoch keinen Anlass, dieses und die anderen Probleme an die große Glocke zu hängen oder gar von der Stadt die Abschaffung der Freisitze zu fordern.

Statt dessen haben sie jetzt Vertreter der vier betroffenen Gastronomiebetriebe (Café Legato, Cafébar, Chin-Chin Bar und Café Weichmanns) zu einem Treffen eingeladen. „So stellen wir uns gute Nachbarschaft vor: Das Gespräch suchen und über Lösungen reden“, beschreibt Marttunen-Wagner diese Strategie. Auf Klartext wurde dabei nicht verzichtet, wie Löfflmann betont: „Es ist nicht so, dass wir nur nett sind und alles geschehen lassen, weil wir Kirche sind.“

Folglich machte das geistliche Duo klar, dass es nicht auch noch die andere Backe – in diesem Fall die andere Fassade – klaglos hinhalten will, sondern auf eine Verbesserung der Situation pocht. Die gute Stimmung beim gemeinsamen Gruppenfoto nach dem „Freisitz-Gipfel“ zeigte: Die Botschaften sind angekommen, das gegenseitige Verständnis ist vorhanden. „Die Gastronomen bekommen dieses tolle Ambiente hier von uns quasi geschenkt, sie fühlen sich aber auch für den Bereich verantwortlich“, fasst Marttunen-Wagner zusammen.

Cafébar haftet für Schaden

Löfflmann ergänzt, dass die Gemeinde dank der Freisitze und der Wachsamkeit der Wirte kein Problem mehr mit Verschmutzung oder Vandalismus habe – genau das war der wichtigste Beweggrund dafür, dass der damalige Pfarrer Martin Schulte und Kirchenpfleger Joachim Roller vor Jahren den Kampf für den dauerhaften Erhalt dieser Freisitze begonnen und damit die Neuausrichtung der gesamten städtischen Regelung eingeleitet haben.

Konkret vereinbart wurde bei dem Treffen, dass die Cafébar für die durch die Schirme entstandenen Fassadenschäden haftet. Die Schaukästen sollen künftig frei zugänglich sein. Zudem sagten die Gastronomen zu, ihre Gäste bei Veranstaltungen in der Kirche um geringere Lautstärke zu bitten und für die Veranstaltungen selbst auch zu werben. Die Probe aufs Exempel erfolgt am 6., 13. und 20. Dezember immer um 17 Uhr, wenn Adventsegen-Andachten stattfinden.

Ärgernis I: Die Schirme verursachen Schäden im Putz.
Ärgernis II: Diese Tische und Stühle versperren den Zugang zu den Infokästen der Dreieinigkeitskirche und der Kantorei.