Kirchenasyl mal anders: Steinerne Bänke in Regensburg wechseln die Konfession

Von Rainer Wendl · 13. Juli 2023 um 19:00

Katholisch statt evangelisch: Nach langer Suche wurde ein geeigneter Standort in der Regensburger Altstadt für drei teure Maßanfertigungen gefunden.

Die Stadt muss sparen, jeder unnötig ausgegebene Euro gilt als Ärgernis und wird ausführlich thematisiert. Normalerweise. Im vorliegenden Fall allerdings war es der breiten Öffentlichkeit völlig wurscht, dass die für den Bereich vor der evangelischen Dreieinigkeitskirche maßgefertigten Steinbänke jahrelang nutzlos eingelagert werden mussten.

Nach längerer Suche wurde jetzt doch noch ein Platz für die Sitzmöbel gefunden; seit Kurzem stehen die drei Bänke an der katholischen Kassianskirche, zwei links vom Hauptchor, eine rechts davon. Um endlich ihrer Bestimmung gerecht werden zu können, mussten die Bänke sozusagen die Konfession wechseln.

Die Vorgeschichte hat mit Corona zu tun. Vor Ausbruch der Pandemie verständigten sich Stadt und der damalige Pfarrer Martin Schulte darauf, an der Dreieinigkeitskirche konsumfreie Sitzmöglichkeiten zu schaffen – passgenau auf diesen Ort abgestimmt mit der Denkmalpflege. Damit sollte einerseits das Umfeld des Gotteshauses aufgewertet werden. Andererseits sollte es dem erklärten Ziel dienen, Fußgängern in der Altstadt mehr Rastplätze ohne Bestellzwang anzubieten.

Regensburg: 16.000 Euro „gerettet“

Als Corona dann wütete und die in der Gesandtenstraße ansässigen Gastronomen ihre Freisitze in den Bereich vor der Kirche ausdehnen durften, trat die Vereinbarung zu den Bänken rasch in den Hintergrund. Denn bis auf wenige Kritiker wie beispielsweise die Vertreter der städtischen Denkmalpflege gab es fast nur Fans der neuen Gastro-Flächen. Das Ende vom Lied ist bekannt: Die Freisitze durften bleiben, die 16 000 Euro teuren Steinbänke wanderten ins Depot.

Jetzt aber lohnt sich die Investition doch noch. „Die Stadt ist auf uns zugekommen, ob wir uns die Bänke an der Kassianskirche vorstellen könnten“, schildert Thomas Mirwald, Geschäftsführer vom Kollegiatsstift Unserer Lieben Frau zur Alten Kapelle, die überraschende Kontaktaufnahme, die bei ihm sofort auf offene Ohren stieß.

Bislang standen an dieser Stelle nämlich große Pflanztröge. Die waren zwar durchaus schön anzuziehen, schufen im Zusammenspiel mit dem Chor aber auch eine gut versteckte Ecke – und diese wiederum übte eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf nächtliche Wildpinkler aus. Mit Konsequenzen: Der regelmäßige Urin-Eintrag hat dem Putz der erst 2015 fertig sanierten Kirche schon sichtlich zugesetzt. Die in Farbe, Form und Maßen erstaunlich gut auch zu ihrem „fremden“ Einsatzort passenden Bänke sollen derlei schädliche Umtriebe künftig unterbinden.

Bislang nur Gewinner: sinnvolle Verwendung für die Maßanfertigungen

Bislang jedenfalls scheint dieses Kirchenasyl der besonderen Art nur Gewinner hervorzubringen. „Eine Bank vor einer Kirche ist vom Grundsatz her ein schöner Ort“, freut sich beispielsweise Prälat Helmut Huber, der Stiftspfarrer von St. Kassian. Mirwald merkt an, dass sich der Kassiansplatz dank der Bänke jetzt aus einer ganz neuen Perspektive erleben lässt.

Bei der Stadt ist man froh, nach langem Warten eine sinnvolle Verwendung für die Maßanfertigungen zu haben. Und sogar Joachim Roller, der als Mitarbeiter der Dreieinigkeitskirche die Petition zum Erhalt der dortigen Freisitze gestartet hat und so quasi mitverantwortlich für das Darben der Steinbänke war, sagt: „Es freut mich extrem, dass mit dieser Lösung nun alle Interessen abgedeckt sind.“

Den Bedarf an konsumfreien Sitzgelegenheiten gibt es im reichen Regensburg übrigens tatsächlich. Wie bestellt stieß beim Fototermin am Kassiansplatz ein stadtbekannter Bettler dazu und bat Huber um 50 Cent. Der Pfarrer griff in seine Hosentasche und sagte: „Ein Fuchzgerl hab ich nicht, aber einen Euro können Sie haben.“ Auf den neuen Steinbänken kann der rastlose Vagabund jetzt Pausen einlegen, ohne seine Einnahmen gleich wieder ausgeben zu müssen.