Sein Geiz war legendär: Neustädter zahlte nie Steuern und hinterließ ein Vermögen

Vor fünfzig Jahren starb in Neustadt (Landkreis Kelheim) Wilhelm Sander, einer der reichsten Unternehmer der Bundesrepublik. Er war nicht verheiratet und hatte keine Kinder, hinterließ aber ein Vermögen von 500 Millionen Mark. Viele Menschen verdanken diesem Vermögen ihr Leben.
Es war der letzte Wille Wilhelm Sanders, der dies ermöglichte. Als er am 31. Dezember 1973 starb, verfügte er, dass sein Besitz in eine Stiftung überführt werden sollte. Der Besitz des 76-Jährigen war immens. Zum Zeitpunkt seines Todes gehörten ihm 4404 Wohnungen in Deutschland und der Schweiz sowie Beteiligungen an Gesellschaften im Besitz weiterer 227 Wohnungen in der Schweiz.
Der Immobilienbesitz gründete sich wiederum auf seiner 1923 gegründeten Firma Dr. Ruhland Nachf., einer Fabrik für medizinisches Nähmaterial. Sie war zunächst in Nürnberg beheimatet gewesen und während des Zweiten Weltkriegs nach Neustadt a.d. Donau verlagert worden. Bereits vor der Währungsreform 1948 hatte Wilhelm Sander begonnen, in Mietwohnungen zu investieren.
Dabei entwickelte Sander ein System, mit dem er es umging, Steuern zu zahlen. Er steckte er seine Gewinne in Immobilien. Schließlich behörten ihm mehrere Hundert Wohnungen – unter anderem in Neustadt a.d. Donau, München, Nürnberg und vor allem im Raum Leverkusen.
Er galt als geizig
Die persönliche Lebensführung trug dazu bei, dass Sander zu seinen Lebzeiten als sparsam und bisweilen auch als geizig galt. Bernhard Knappe, langjähriger Vorstandsvorsitzender der Wilhelm-Sander-Stiftung, erzählte dieser Zeitung: „Unaufgefordert zog er von fast allen Rechnungen zwei Prozent Skonto ab, auch wenn er frühestens fünf Wochen später bezahlte. Bei geschäftlichen Besprechungen in Leverkusen stockte er gerne seine privaten Zigarrenvorräte auf und von Reisen brachte er seiner Haushälterin die eingeschweißten Butter- und Marmeladenportionen der Hotelgastronomie mit nach Hause.“
Rudi Halbritter, ehemaliger Leiter des Ordnungsamtes im Neustädter Rathauses und einst bei der Feuerwehr aktiv, erinnert sich an eine Begegnung: „Mitte der siebziger Jahre wollte Wilhelm Sander der Neustädter Feuerwehr eine Spende zukommen lassen. Es ging um 100 oder 200 Mark, aber die Übergabe des Geldes zelebrierte er.“ Sander, der regelmäßig erst mittags aufstand, bestellte die Abordnung der Feuerwehr für 21 Uhr in seine kleine Wohnung im Ruhland-Anwesen am Stadtplatz. „Auf den obersten Dachboden mussten wir. Zuletzt ging es über ein Brett, das über einen Fehlboden gelegt war. Eine schwache 15 Watt-Glühbirne sorgte für Licht.“
Dann hatten die Feuerwehrler die Wohnung erreicht: Sander saß im Nachthemd, die Nachtmütze auf dem Kopf, im Bett seines sparsam möblierten 30 Quadratmeter großen Zimmers. Er klingelte nach seiner Haushälterin, sie sollte drei Flaschen Bier bringen. „Wir waren zu fünft und Feuerwehrler plus Wilhelm Sander“, sagt Rudi Halbritter. Nach einer Stunde ließ er weitere drei Flaschen Bier kommen, nach Mitternacht übergab er schließlich die Spende.
Finanzamt rechnete nach
Skurril wurde es auch aufgrund der Nachricht vom Ableben des Unternehmers. Die sorgte nämlich beim zuständigen Finanzamt für hektische Betriebsamkeit. Beim Finanzamt hegte man nämlich einen Argwohn: Wann war Sander genau gestorben? Wer hat den Totenschein ausgestellt? Dort war als Zeitpunkt 20.30 Uhr genannt. Nur dreieinhalb Stunden später wären für Immobilien neue Einheitswerte in Kraft getreten. Auf Wilhelm Sander wären damit Forderungen in Millionenhöhe seitens des Fiskus zugekommen.
Eine Woche nach dem Ableben des Multimillionärs ließ es Wilhelm Sander dann richtig krachen. Da wurde nämlich dessen Testament verlesen. Darin hatte er festgelegt, dass sein Besitz in eine gemeinnützige Stiftung überführt werden sollte. Sander blieb sich damit bis zuletzt treu: Ich zahle keinen Pfennig Steuern. Anlass für die Gründung der Stiftung dürfte der Krebstod von Karoline Burkhardt, der Haushälterin Wilhelm Sanders, gewesen sein.
Die Erträge der Sander-Stiftung sollten ausschließlich der medizinischen Forschung, insbesondere der Krebsforschung, zugute kommen. Mit 375.000 Euro wurden zuletzt Forschungen zum Hodentumor an der Universitätsmedizin Göttingen, und am Universitätsklinikum Düsseldorf unterstützt. Für Forschungen an der ETH Zürich zum Weißen Hautkrebs, bei dem es um ein neues tumorhemmendes Protein ging, wurden 418.000 Euro gegeben. Insgesamt wurden von der Stiftung seit ihrer Gründung rund 250 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, womit bislang über 2300 Forschungsprojekte gefördert wurden.
Bürgermeister Thomas Memmel stellt fest: „Wilhelm Sander war zu seinen Lebzeiten eher umstritten. Aber mit seinem Vermögen tut er auch 50 Jahre nach seinem Tod noch Gutes.“

