„Bundesbahndirektor“ und Friseurmeister: Roland Artinger lebt den Traum seiner Kindheit

Von Jochen Dannenberg · 24. Dezember 2023 um 17:00

Ob Kronprinz Wilhelm, die Prinzen Eitel Friedrich, Adalbert, August Wilhelm, Oskar Joachim oder gar Nesthäkchen Viktoria Luise Lokomotivführer werden wollten, ist nicht überliefert. Aber zumindest Roland Artinger, Friseurmeister, lebt den Traum seiner Kindheit. Er ist „Bundesbahndirektor“ - zumindest in seiner Freizeit auf seiner Modelleisenbahnanlage.

Die Modelleisenbahn ließ einst die Herzen Millionen kleiner Jungs höher schlagen. Auch Kaiser Wilhelm II. hatte für seine Familie eine Modellbahn. Verbürgt ist, dass der Kaiser und seine Familie zu Weihnachten nicht nur an der berühmten Osterrieder-Krippe aus Abensberg zusammen kamen, sondern dass es auch eine Eisenbahn gab.

Diese ist auf einer Zeichnung von Fritz Grotemeyer aus dem Jahr 1897 deutlich zu sehen. Die Dampflok rollt zwischen einer Windmühle und einer Kanone über den Boden im Grottensaal. Die Modelleisenbahn gehörte zu Weihnachten wie der Christbaum, Lametta und Kerzen. Und heute? „Ausgestorben“? Alles vorbei? Nicht ganz.

Die Eisenbahn war oft ein Statussymbol, nie ganz billig und immer ein Spielzeug, das viel Platz brauchte.

Es waren immer „die Jungs“, die eine Eisenbahn hatten. Und es gibt sie heute noch – die Jungs mit der Eisenbahn. „Ich weiß nicht mehr, wann es genau war“, sagt Roland Artinger, Friseurmeister aus der Krankenhausstraße in Neustadt a.d. Donau. „Ob zu Weihnachten oder zum Geburtstag weiß ich nicht mehr. Aber sicher bin ich, dass ich mit fünf, sechs Jahren mit der Modelleisenbahn angefangen habe.“

Inzwischen ist Roland Artinger 58 Jahre alt. Und seit mehr als einem halben Jahrhundert ist er mit seiner Fleischmann-Eisenbahn im Maßstab 1:87 unterwegs.

Sein Interesse an der Bahn hat viele Gründe. „Da war in der Kindheit der Neustädter Bahnhof, der immer auch ein Verladebahnhof war, wo also immer Action war“, sagt er. Und da gab es das Spielzeuggeschäft Scheer & Schwab, was noch ein „richtiger Spielzeugladen“ mit Puppen, Bausteinen, aber auch mit Eisenbahn war. Und es gab die Vorweihnachtszeit. Sie war die vielleicht schönste im Leben des kleinen Roland, denn in der Vorweihnachtszeit fuhren nämlich in vielen Geschäften Modelleisenbahnen in den Schaufenstern – zum Beispiel zwischen den Uhren beim Mayer oder zwischen den Schreibwaren vom Gigl.

„Das gefiel mir“, sagt der Friseurmeister, „und deshalb wollte ich auch eine Eisenbahn.“ Und als er älter war, sollte es eine Bahn fürs Geschäft sein. Die fährt inzwischen seit Jahren in seinem Laden in der Krankenhausstraße. Der Fahrplan startet pünktlich zur Adventszeit.

Holzarbeiter und Hochstand

Die H0-Anlage ist klein, aber durchdacht. Es gibt einen Pendelzugverkehr: Eine Rangierlok fährt mit einigen Waggons mit Langholz zwischen einem Holzlagerplatz und der Umgebung hin und her. Am Lagerplatz sind Menschen mit Holzarbeiten beschäftigt, daneben steht ein Hochstand, ein Jager ist unterwegs. Mehr geht kaum auf einem schmalen Brett von gut einem Meter Länge.

Dabei erzählt die kleine Anlage viel – vor allem über Roland Artinger. Er selbst geht nämlich gern auf die Jagd, weshalb auf der Anlage der Hochstand montiert werden musste. Der Hochstand ist selbstredend eigenhändig gebaut. Das Langholz im Zug ist ebenfalls selbst geschnitten, genauso wie das Brennholz auf dem Lagerplatz und die Wellblechabdeckungen, mit denen das Holz vor Regen geschützt ist.

Ideenreichtum ist bei Modellbahnern gefragt. Nicht nur weil die Preise für Modelle und Zubehör bisweilen gehörig ins Geld gehen, sondern auch weil es Spaß macht, Lösungen zu finden. So stammt das Langholz zum Teil aus dem eigenen Garten und das Wellblech war einmal das Blech, mit dem Teelichter gegen Auslaufen gesichert sind. Das war im übrigen früher oft nicht anders.

Alte Loks und Waggons

Auch bei den Lokomotiven und Waggons setzt Roland Artinger auf handwerkliches Geschick. Er kauft vorzugsweise auf Flohmärkten und Modellbahnbörsen wie in Großmehring bei Ingolstadt ein – gerne auch beschädigte Exemplare. Die gibt‘s billiger und man hat was zum Basteln. Mit kleinen Zangen und Schraubenziehern geht der 58-Jährige dann an die Fahrzeuge.Roland Artinger ist fasziniert von der analogen Eisenbahn seiner Kindheit. Nicht nur weil man noch fast alles selbst reparieren kann.

Es ist auch das Handwerk, das in den Modellen steckt. Sie sind oft genauso alt wie er, aus Zinkdruckguss gefertigt und entsprechend schwer. „Damit die Fahrzeuge gut laufen, bekommen die Achsen ein klein wenig Öl“, verrät der „Bundesbahndirektor“ eines seiner Geheimnisse, warum er auf altes Spielzeug setzt.

Dabei ist der Neustädter keiner, der glaubt, früher sei alles besser gewesen. Seine alten Loks und Waggons hat er auf neue Kupplungen umgerüstet. „Die gehen einfach besser“, sagt er. Und wenn mal die Stromversorgung einer Lok geändert werden muss – zum Beispiel weil eine Wechselstromlok im Gleichstrombetrieb fahren soll – weiß Roland Artinger, wo es Hilfe gibt. „Da gibt es Henry Nehm mit seinem Modellbahngeschäft in der Herzog-Ludwig-Straße. Der baut auch Lokomotiven um.“

Die Modelleisenbahn hat bei Roland Artinger auch viel mit der Heimat zu tun. Das zeigt sich nicht nur bei der kleinen Anlage im Schaufenster seines Geschäfts, sondern auch bei den Waggons. Einer der wichtigsten Waggons ist ein „Umbauwagen“. Mit dem ist der 58-Jährige einst zur Berufsschule gefahren. Und eines weiß der Friseurmeister gewiss: „Teuer muss eine Modelleisenbahn nicht sein.“ Und der Platz, den man braucht für eine Anlage, ist gar nicht so viel, wie sich in seinem Schaufenster zeigt.

Erinnerungsstück: Mit dem Umbauwagen fuhr der Friseurmeister einst zur Berufsschule. Foto: Dannenberg
Roland Artinger und seine Modellbahn: Im Schaufenster hat er eine kleine Anlage aufgebaut. Foto: Dannenberg
Selbstgefertigt: Eine Modellbahn ist mehr als eine Eisenbahn. Ladegut gehört dazu. Foto: Dannenberg