Hubert Aiwanger spricht sich für Amazon-Ansiedlung im Landkreis Kelheim aus

Die kontroverse Diskussion um einen geplanten Wirtschaftspark bei Rohr in Niederbayern mit einem Amazon-Logistikzentrum bleibt ein Dauerthema im Landkreis Kelheim. Nun äußert sich Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger in einem Interview mit der Mediengruppe Bayern – und spricht sich für das Projekt aus. Die Kritik am Vorhaben sieht er weitgehend unbegründet.
Herr Minister, welchen Standpunkt vertreten Sie zum geplanten Wirtschaftspark?
Hubert Aiwanger: Der Bedarf an Logistikdienstleistungen ist heute enorm hoch und wird aufgrund des Konsumverhaltens der Bürger in naher Zukunft noch weiter ansteigen. Daher kann eine autobahnnahe Logistikentwicklung grundsätzlich möglich und sinnvoll sein, wenn wie hier eine unmittelbare Verkehrsanbindung an das Autobahnnetz vorliegt.
Aber bringt ein Logistikzentrum auch die Region weiter?
Aiwanger: Durch die Ansiedlung wird der Landkreis wirtschaftlich und finanziell gestärkt und die Region langfristig attraktiver gemacht. Wir erleben in letzter Zeit vermehrt Firmenschließungen in der Region und müssen deshalb auch wieder neue Arbeitsplätze vor Ort ermöglichen.
Haben Sie sich selbst schon ein Bild von den Plänen gemacht?
Aiwanger: Das Wirtschaftsministerium ist über den bisherigen Entwicklungsverlauf von den beteiligten Partnern informiert worden.
Welche Vor- und Nachteile sehen Sie bei der Realisierung?
Aiwanger: Ich sehe die Vorteile. Die Ansiedlung schafft lokale Arbeitsplätze mit unterschiedlichsten Qualifikationsansprüchen und eine zusätzliche Wertschöpfung in der regionalen Handwerks- und Dienstleistungsbranche. Die Gemeinde kann zusätzliche Gewerbesteuereinnahmen gut gebrauchen. Als Gegenargument wird zusätzlicher Verkehr und der Flächenverbrauch genannt sowie die Sorge, dass man so viele Arbeitsplätze nicht besetzen könnte.
Stichwort Verkehr – Kritiker fürchten eine große Belastung.
Aiwanger: Das Areal bietet gute Rahmenbedingungen durch die Anbindung an die BAB 93. Derzeit laufen die Abstimmungen mit den Fachbehörden zur verkehrlichen Erschließung. Die Nachweise für die Leistungsfähigkeit des Verkehrskonzeptes werden derzeit erbracht und Knotenpunkte gegebenenfalls entsprechend ertüchtigt.
Als Lösung wird unter anderem eine Ortsumgehung von Offenstetten diskutiert – lässt sich diese realisieren?
Aiwanger: Nach den vorliegenden Informationen ist eine Ortsumgehung nicht Teil des Bebauungsplans und des Verkehrsgutachtens. Das zuständige Staatliche Bauamt steht mit den beteiligten Parteien in engem Austausch, um mögliche sinnvolle Maßnahmen zur Verkehrsentlastung wie beispielsweise Ortsumfahrungen oder Kreisverkehre zu prüfen. Ich halte das für sinnvoll.
Der Wirtschaftspark soll bis zu 1800 Arbeitsplätze bringen. Sind diese Ressourcen überhaupt vorhanden?
Aiwanger: Aus den bisherigen Amazon-Standorten in Bayern wurde regelmäßig berichtet, dass die verfügbaren Positionen besetzt werden konnten. An jedem Standort arbeitet Amazon eng mit der Arbeitsagentur und den lokalen Jobcentern zusammen, um geeignete Arbeitskräfte zu finden. Wie gesagt, wir brauchen Ersatzarbeitsplätze für Firmen, die dicht machen müssen.
Ein anderer Punkt betrifft die Versiegelung von Landschaftsflächen. Ist für Sie der Eingriff in die Natur vertretbar?
Aiwanger: Natürlich schmerzt jeder Eingriff in die Landschaft. So ist es auch beim neuen BMW-Werk in Straßkirchen. Aber am Ende können wir unseren hohen Wohlstand in Bayern nur erhalten, wenn die Wirtschaft läuft, die Leute Arbeit haben und Geld verdienen. Ich will nicht tauschen mit anderen Regionen Deutschlands, wo die Menschen abwandern und die Dörfer veröden, weil es keine Arbeitsplätze gibt.
Sind die Widerstände für Sie nachvollziehbar?
Aiwanger: Klar ist man zunächst skeptisch, wenn sich in seinem Lebensumfeld etwas ändert. Das ist menschlich. Aber wir müssen auch die Chancen sehen und nutzen sowie die Probleme minimieren. Wenn man nur mögliche Probleme sieht, werden in diesem Land keine Kinder mehr geboren und keine Häuser mehr gebaut und alle warten auf den Weltuntergang. Aber die Welt um uns herum schläft nicht und wenn wir keine Änderungen mehr zulassen, werden unsere Kinder in 10 bis 20 Jahren nach China und in die USA auswandern müssen, um Arbeit zu finden.
Ist Ihr Ministerium in den Genehmigungsprozess involviert?
Aiwanger: Nein. Der Genehmigungsprozess liegt bei der Gemeinde Markt Rohr, die über die Planungshoheit verfügt, sowie beim Landratsamt.
Würden Sie bei den widerstreitenden Interessen vermitteln?
Aiwanger: Ich stehe gerne für einen Austausch der Meinungen und Argumente zur Verfügung.
Das Vorhaben
Areal: Der Wirtschaftspark soll 325.000 Quadratmeter Fläche umfassen. An der Westseite (getrennt durch die ST 2230) will Amazon auf 23 Hektar ein Logistikzentrum (Hallenfläche 66.000 m²) errichten. Im Osten sollen sich auf 9,5 Hektar (Halle 50.000 m²) bis zu sechs weitere Firmen ansiedeln.
Ist-Stand: Die Gemeinde Rohr arbeitet mit Fachstellen an einem vorhabenbezogenen Bebauungsplan. Er wird dann im Marktrat behandelt. Das Gremium trifft – eine Mehrheit vorausgesetzt – einen Aufstellungsbeschluss.
