„Katzennotstand“ im Kreis Kelheim: Tierschützerin schildert drastische Szenen

Katzen, die blind sind, weil ihnen vor Krankheit die Augen rauseitern – solche Bilder müssen die Helfer der Tierhilfe Kelheim aushalten. Die Vorsitzende fordert, dass die Politik sich des Problems streunender Katzen annehmen muss.
Einen „Katzennotstand“ in Teilen des Landkreises Kelheim hat das Landratsamt ausgerufen: „Verwilderte und herrenlose Katzen vermehren sich zunehmend unkontrolliert“, heißt es in einer Pressemitteilung.
Das Leben der Streuner ist häufig qualvoll: Viele leiden an Krankheiten wie dem Katzenschnupfen oder -seuche. Nicht wenige verenden. Katzenschnupfen klingt harmlos, ist aber eine grausame Krankheit, weiß Monika Pledl, Vorsitzende der Tierhilfe Kelheim/Abensberg und Umgebung. „Sie werden nicht glauben, wie viele blinde Katzen wir heuer bekommen haben, denen die Augen rausgeeitert sind.“
Tierhilfe Kelheim kommt an ihre Grenzen
Im Kreis Kelheim versuchen die ehrenamtlichen Helfer der Tierhilfe seit Jahrzehnten, der Streuner-Situation Herr zu werden. Aber Personal und Geld sind knapp. „Die Lage ist angespannt. Mehr Katzen bedeuten mehr Elend: Wir lassen regelmäßig Katzen kastrieren und sterilisieren. Hierfür und für die weitere Behandlung müssen wir aber Tierarztkosten von rund 250.000 Euro pro Jahr begleichen. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen“, sagt Pledl. Der Verein bekommt zwar von manchen Gemeinden finanzielle Unterstützung, ist aber weitgehend auf Spenden angewiesen.
Wenn im Kreis Kelheim eine streunende Katze gemeldet wird, lässt die Tierhilfe diese kastrieren oder sterilisieren und übernimmt die Kosten für die Fütterung, die häufig von Anwohnern vor Ort vorgenommen wird. Derzeit gibt es laut Pledl vor allem um Rohr viele Streuner. Vermittelbar sind die wilden Katzen nicht, sagt sie. Rund 200 Tiere würden derzeit so versorgt. In Bayern leben nach Schätzungen rund 300000 streunende Katzen.
Neu ist das Problem im Kreis Kelheim laut Pledl nicht, aber es habe sich im vergangenen Jahr massiv verschärft. Pledl hat einen Verdacht: Seit November 2022 gilt eine neue Gebührenordnung für Tierärzte – die Behandlungskosten sind um bis zu 25 Prozent gestiegen. Das könne sich nicht mehr jeder Katzenhalter leisten. Und Katzenpopulationen können förmlich explodieren, erklärt Pledl. Katzen sind nach etwa einem halben Jahr geschlechtsreif und können zweimal im Jahr Junge werfen.
Was das bedeutet, zeigt eine Beispielrechnung der Tierschutzorganisation Vier Pfoten: Nach einem Jahr kann ein Katzenpaar zwölf Nachkommen haben – nach fünf Jahren können es rechnerisch schon über 12000 sein. Exponentielles Wachstum macht es möglich.
Wie könnte eine Lösung aussehen? Pledl fordert eine bayern- oder gar bundesweit einheitliche Katzenschutzverordnung. Tierschützer fordern solche Regelungen seit vielen Jahren. Bisher gibt es sie aber nur vereinzelt – etwa im Landkreis Donau-Ries im Regierungsbezirk Schwaben.
Beispiel Donau-Ries: Katzenschutzverordnung könnte Abhilfe schaffen
Dort werden in den Gemeinden Sulzdorf und Rettingen seit Dezember versuchsweise Straßenkatzen kastriert – die Mediengruppe Bayern berichtete. Ehrenamtliche Helfer zweier Tierschutzorganisationen fangen dort Streuner, kastrieren und versorgen sie und lassen sie anschließend wieder frei. Wie die Tierhilfe im Kreis Kelheim haben sie das schon vor der Katzenschutzverordnung getan. Allerdings liefert die jetzt eine rechtliche Handhabe, um beispielsweise Grundstücke ohne Einwilligung der Eigentümer betreten zu dürfen.
Außerdem wären Halter verpflichtet, ihre Freigänger zu kastrieren. 80 Prozent der Streuner hätten nämlich Besitzer, sagt Pledl. Doch die würden ihrer Verantwortung teils nicht gerecht. Manche würden nur das ursprüngliche Katzenpaar als „ihre“ ansehen, nicht aber die Nachkommen. Andere könnten oder wollten die Tierarztkosten nicht bezahlen – eine Sterilisation koste um die 180 Euro, so Pledl. Und es gebe auch einige Bauern, die nach dem Motto „die sterben schon wieder“ verfahren würden.
Pledl sieht dringenden Handlungsbedarf, sonst würden „südländische Verhältnisse“ drohen – abgemagerte und kranke Streuner-Katzen an jeder Straßenecke. Oder Menschen könnten – angesichts der Teuerung in allen Bereichen – Kätzchen wie in früheren Zeiten einfach ersäufen oder erschlagen. Davon habe sie auch schon gehört, sagt Pledl. Wenn sie Belege habe, zeige sie solche Fälle an.
Martin Schmid, Leiter des Kelheimer Veterinäramtes, hält eine Katzenschutzverordnung ebenfalls für eine sinnvolle Maßnahme zur Eindämmung unkontrollierter Katzen-Populationen. Kelheims Landrat Martin Neumeyer (CSU) hat dieses Anliegen laut Landratsamt bereits an den Präsidenten des Bayerischen Landkreistages weitergegeben.
Derweil können Tierhilfe und Veterinäramt nur an die Verantwortung von Katzenhaltern appellieren: „Lassen Sie Ihre Freigänger-Katzen bitte sterilisieren beziehungsweise kastrieren, um einer unkontrollierten Vermehrung vorzubeugen“, sagt Schmid. Und Pledl mahnt: „Wer sich keine Katze leisten kann, soll sich auch keine zulegen.“
Die Tierhilfe Kelheim sucht Verstärkung
Ansprechpartner: Wer eine verwilderte, herrenlose Katze findet, kann sich an die Tierhilfe Kelheim/Abensberg und Umgebung wenden. Telefon: (09441) 3332; E-Mail: mg@tierhilfe-kelheim.de, Homepage: tierhilfe-kelheim.de.
Vermittlung: Die Tierhilfe vermittelt – auch mit Hilfe der MZ Kelheim, siehe links unten − herrenlose Katzen, die ein liebevolles neues Zuhause suchen. Katzen werden vorübergehend im Katzenhaus in Abensberg und bei privaten Pflegern untergebracht.
Hilfe: Die Tierhilfe sucht Helfer, die ehrenamtlich den Telefondienst übernehmen, herrenlose Katzen und Hunde aufnehmen können oder beispielsweise im Katzenhaus mit anpacken. Schon drei Stunden in der Woche würden helfen, sagt die Vorsitzende Monika Pledl.
Paten: Außerdem werden Paten für alte Katzen gesucht, die sich an den Kosten für Pflege und Fürsorge schwer vermittelbarer Tiere beteiligen. Viele vor allem alte Katzen – beispielsweise die launische und kämpferische Kätzin „Oma Socke“ – finden kein neues Zuhause,weil sie nicht niedlich genug sind.