Gewalt gegen Frauen in Regensburg: Locken die Feiertage wieder die Monster raus?

Von André Baumgarten · 20. Dezember 2023 um 12:32

Gibt es an Weihnachten und Neujahr mehr Gewalt in Familien? Freie Plätze im Regensburger Frauenhaus sind ganzjährig rar – vorbereitet ist der Verein Frauen helfen Frauen aber dennoch gut.

Dass sich Gewalt in Heim und Familie zwischen Weihnachten und Neujahr öfters entlädt, hört man dieser Tage immer wieder. Aber stimmt das wirklich? Wir haben nachgefragt bei Polizei und im Frauenhaus in Regensburg. Dort kämpft man vor allem mit einem gravierenden Problem: Bei 154 Anfragen im Jahr 2022 mussten 134 Frauen abgewiesen werden. „Weil bei uns einfach kein Platz ist“, sagt Rebekka Tchelebi von Frauen helfen Frauen. Der 1979 gegründet Verein betreibt in Regensburg das Autonome Frauenhaus.

Frauenhaus-Notruf rund um die Uhr

Tag und Nacht, an Sonn- und Feiertagen ist das Frauenhaus unter der Telefonnummer 0941/24000 erreichbar. Auch für Fälle wie vor wenigen Tagen in Regenstauf (Lkr. Regensburg), wo ein Mann ausgerastet war und zu einem Messer gegriffen hatte. Neben den festen Beratungszeiten von 8 bis 16 Uhr an den Wochentagen sorgt laut Tchelebi eine wechselnde Rufbereitschaft, dass jederzeit jemand erreichbar ist. „Wenn sie anrufen, wird ihnen geholfen“, betont die 32-Jährige.

Die Helferinnen könnten zudem auf einen Dolmetscherdienst zurückgreifen – das ermögliche ein Angebot in mehr als zehn Sprachen. Und das gilt auch für die Beratungsstelle, die der Regensburger Verein anbietet. Gewalt gegen Frauen hat laut Tchelebi äußerst viele Gesichter: Neben körperlichen Übergriffen sei psychische Gewalt wie stete Beschimpfungen und Runtermachen von Opfern oft viel belastender.

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Daneben gebe es ökonomische (Kontozugriffe entziehen), digitale (Apps zur Überwachung oder Nacktbilder im Internet) und natürlich sexuelle Gewalt. „Meistens sind es mehrere Formen – und das steigert sich in viele Fällen“, sagt die 32-Jährige. „Wir sehen oft Gewaltspiralen, von Kontrolle über Abwertung bis zur Eskalation mit Schlägen, dann Reue und wieder von vorn.“

Und um Feiertage geschieht das besonders häufig? Tchelebi sagt klar: Nein. Bei einem Blick auf die Statistiken in Regensburg fiele die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr nicht auf. Die gefährlichste Zeit für Frauen in Partnerschaften seien die Schwangerschaft sowie die Geburt des ersten Kindes. Und: Nach einer Trennung liege das Risiko, getötet zu werden, statistisch gesehen sogar fünffach höher. Auch die Nachfrage bei der Polizei bestätigte das: Es gäbe keine Auffälligkeiten rund um die Feiertage. Also lockt Weihnachten die Monster doch nicht raus? „Unsere Zahlen und Erfahrungen belegen das nicht“, betont Polizeisprecher Claus Feldmeier.

Ganz egal, wann Hilfe benötigt wird, „wir sind immer da“, sagt Tchelebi. Wie vielerorts in Deutschland kämpft man auch in Regensburg mit mangelnder Versorgung. Die Abweisungsquote zeige aus Sicht der Sozialarbeiterin, „dass es einfach zu wenige Plätze gibt“. Im vergangenen Jahr hätten 32 Frauen mit ihren Kindern Zuflucht gesucht – im laufenden Jahr seien es bislang 34, von denen mehr als Hälfte sechs Monate und länger im Frauenhaus bleibe. Vor allem wegen des angespannten Wohnungsmarktes. „Die “

Viel zu wenig freie Plätze für Opfer

Die Zentrale Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser (ZIF) spricht laut Tchelebi von 15.000 fehlenden Plätzen. Das spiegele auch der Alltag wider: Nahezu alle Einrichtungen sind ausgebucht. Ein aktueller Test zeigte – nur drei Einrichtung in ganz Bayern meldeten auf einer Internetseite überhaupt freie Kapazitäten. „Und das ist eigentlich immer so“, bestätigt die 32-Jährige. Herunter gerechnet auf die Stadt und die Landkreis Regensburg, Cham und Neumarkt würden aktuell 27 Plätze fehlen. „Das ist schon erschreckend.“

Ungeachtet dessen seien sie und ihre Kolleginnen auf über Weihnachten und Neujahr jederzeit erreichbar. Nicht zuletzt, weil Deutschland im Vergleich zu vielen anderen europäischen Länder eine „extrem hohe“ Quote bei Femizid hat. So nennt man es, wenn Männer ihre Partnerinnen oder Ehefrauen töten. 103 Mal passierte das sei Jahresbeginn – fast jeden dritten Tag. In Regensburg blieb es nur bei Versuchen.