Sieben Iraner feiern in Neumarkt ihr erstes Weihnachten als Christen

Von Eva Gaupp · 19. Dezember 2023 um 11:59

Es ist ihr erstes Weihnachten. Aber sie hoffen, dass es nicht ihr letztes sein wird. Seit ihrer Taufe in der Neumarkter Christuskirche sind die sieben Iraner ganz offiziell Mitglieder der christlichen Kirchengemeinde. Doch ihre Asylverfahren laufen noch.

Christbäume und Weihnachtsdekoration gebe es auch in Irans Hauptstadt Teheran, erzählt Anuscheh. Vor allem in den Vierteln, in denen armenische Christen leben. „Aber wir dürfen nicht in die Kirchen rein.“ Denn wer im Iran vom Islam zum Christentum konvertiert, dem droht die Todesstrafe.

Im Iran droht die Todesstrafe

Deshalb haben sie allesamt große Angst, nicht in Deutschland bleiben zu dürfen. Aber auch in Deutschland braucht es manchmal Mut, sich als ehemaliger Moslem zum Christentum zu bekennen – solange man als Geflüchteter in einer Sammelunterkunft lebt. Denn auch in Deutschland gebe es Fundamentalisten, die dies nicht akzeptierten, erzählen sie. Vor allem in den ersten Jahren habe sie sich deshalb gefürchtet, erzählt Anuscheh. Sie lebt inzwischen seit zehn Jahren in der Bundesrepublik.

Dennoch empfinden es die jungen Erwachsenen als unbeschreibliche Freiheit, endlich ihren Glauben zu leben. „Im Iran dürfen wir nicht zusammenkommen, um zu beten“, sagt Muhammad Ali, der vor acht Monaten mit seiner Frau und seiner zweijährigen Tochter nach Deutschland gekommen ist. Er hat sich selbst etwas Deutsch beigebracht, Englisch lernt der 35-Jährige mithilfe von YouTube und Internet.

Vom Gottesdienst in der Christuskirche versteht er trotzdem noch nicht wirklich viel. „Aber ich mag die Zeremonie“, lächelt er. Außerdem fühle er sich in der Kirchengemeinde aufgenommen und von freundlichen Menschen umgeben. „Besonders Pfarrer Hermann.“ Und der Gottesdienst sei für ihn wichtig als Weg hin zu Gott. „Da kann ich ihm nahe sein.“

Martin Hermann befindet sich zwar bereits im Ruhestand, übernimmt aber trotzdem nicht nur immer wieder Gottesdienste, sondern hat auch den dreimonatigen Glaubenskurs geleitet, an dem Muhammad mit anderen Iranern teilgenommen hatte.

„Ich war gestorben und Christus hat mir ein neues Leben geschenkt.“ Payman

„Das Besondere ist, dass man sich in Deutschland seine Religion selbst aussuchen kann“, ergänzt Armin. „Das ist eine Freiheit, die wir im Iran nicht haben.“ Ganz abgesehen von dem Zwang, vorschriftsmäßig ein Kopftuch tragen zu müssen. Sie sei deswagen schon mehrmals verhaftet worden, berichtet seine Frau Sharara.

Auch sie beide verstehen nur wenige Worte der Predigt, trotzdem versuchen sie, mit dem Bus aus dem kleinen Dorf bei Berching nach Neumarkt zu fahren, um am Gottesdienst teilzunehmen. Dass er in der Kirchenbank vor allem neben älteren und alten Leuten sitzt, stört den 40 Jahre alten Familienvater nicht. Im Iran gingen auch überwiegend die Älteren in die Moschee, erzählt er.

Iraner hat in Lebenskrise zum Christentum gefunden

Überhaupt hätten die meisten jungen Iraner keinen Bezug mehr zum Islam, berichten die Sieben. Der Islam sei Staatsreligion. Die Frage, ob man sich dieser Religion verbunden fühle oder nicht, stelle sich damit überhaupt nicht. Sie empfinden den Islam deshalb als ausgehöhlt.

Payman ist genau aus diesem Grund schon in seiner Heimat konvertiert. Er habe eine schwere Lebenskrise gehabt und im Islam keine Antworten auf seine Fragen gefunden, erzählt der 31-Jährige. Über Bekannte habe er Kontakt zu Christen bekommen. „Ich war gestorben und Christus hat mir ein neues Leben geschenkt“, sagt er, ohne Details preiszugeben. Denn als Konvertit muss er im Iran um sein Leben bangen.

Er kenne viele Personen, die Moslems seien, ohne wirklich zu glauben. Das wollte er für sich nicht. Nachdem er sich entschieden hatte, Christ zu werden, wollte er seinen neuen Glauben auch ausleben. Vor 14 Monaten kam er deshalb nach Deutschland. Über Regensburg landete er in Neumarkt. Jetzt hat er einen Job in einem Altenheim in Aussicht, worauf er sich schon sehr freut.

Shaghayegh, die seit drei Monaten mit ihrem Mann Pezh-man in Neumarkt lebt, ist Musiktherapeutin und hat über die Musik schon vielseitig Anschluss gefunden. Außerdem haben ihre Eltern dafür gesorgt, dass sie ab dem sechsten Lebensjahr Englisch lernte. Die Sprache spricht sie deshalb fließend, für sie muss Anuscheh nicht als Übersetzerin einspringen.

Radfahren als neue Freiheit

Ihr Papa hat ihr ebenfalls schon als Kind das Radfahren beigebracht – auch wenn es ihr im Iran verboten war, als erwachsene Frau aufs Rad zu steigen. In Neumarkt legen ihr Mann und sie alle Wege mit Freude auf zwei Rädern zurück.

Bei den kurzen Distanzen in Neumarkt sei das ja auch gar kein Problem, sagt sie. In Teheran habe sie zwei Stunden und länger gebraucht, um von Zuhause in die Arbeit zu kommen. Die Stadt sei immer überfüllt, der Verkehr chaotisch, die Straßen seien verstopft. „Hier ist es relaxed. Und die Luft ist in Neumarkt besser“, fügt Shaghayegh lachend hinzu.

Dass sie dem Islam den Rücken gekehrt hat und als Christin leben möchte, stelle für ihre Eltern kein Problem dar. Sie seien Humanisten und ihnen sei es wichtiger, dass sie ihren Weg wähle, sagt die junge Frau.

Weihnachten bei „Gemeinsam statt einsam“ im Neumarkter Johanneszentrum

Auch wenn sie im Iran schon 14 Jahre in ihrem Beruf gearbeitet hat, war ihr eines immer versagt geblieben: Sie durfte nicht öffentlich auftreten. Deshalb genieße sie es, sich in der Christuskirche ans E-Piano zu setzen. Als Überraschung hatten sie und ihr Mann mit der Gitarre zur Taufe ihrer Landsleute spielt. Und sie musiziere in vier verschiedenen Gruppen in Neumarkt – unter anderem mit Menschen mit Behinderung.

Am Heiligen Abend will sie außerdem die Feier „Gemeinsam statt Einsam“ musikalisch unterstützen. Darauf freut sie sich schon. Im Johanneszentrum werden die Sieben wahrscheinlich mit ihren Angehörigen ihr erstes christliches Weihnachtsfest feiern – was sie sonst nur aus dem Fernsehen und dem Internet kennen.

Auch in Irans Hauptstadt Teheran gibt es Weihnachtsdekoration in Schaufenstern. Foto: Abedin Taherkenare, epa