300 Jahre alte Wirtshaustradition steht vor dem Aus: Gaststätte in Schwaig wird verkauft

Von Jochen Dannenberg · 19. Dezember 2023 um 19:00

Das Wirtshaussterben hält an. Selbst die Großen der Branche erwischt es. Ein Beispiel ist das Gasthaus „Zum großen Wirt“ in Schwaig (Landkreis Kelheim). Jahrzehntelang ging nichts ohne Familie Kleindorfer.

Die Speisekarte hängt noch im Schaukasten neben der Eingangstür, die Wirtsstube ist blitzblank geputzt. Die Tische sehen aus, als müssten sich die Gäste nur noch hinsetzen und schon würde die Leni kommen und nach den Wünschen der Gäste fragen. Doch damit ist es vorbei beim „Großen“, wie das Wirtshaus bei den Menschen in Schwaig genannt wird.

Das letzte Fass Bier im „Napoleon-Eck“ ist ausgeschenkt

Das letzte Fass Bier ist längst ausgeschenkt und die Küche bleibt kalt, denn die Leni Kleindorfer hat Schluss gemacht. Nicht weil sie immerhin schon 76 Jahre alt ist und es damit Zeit hast, mal an die Rente zu denken. Nein, wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte sie noch weitergemacht. Doch vor einem Jahr starb ihr Mann Hans und das war in diesem Fall das Aus für den Wirtshausbetrieb der Familie Kleindorfer. Allein mit Tochter Elke (53), wusste Leni Kleindorfer, war der Betrieb nicht mehr zu stemmen. Jetzt soll das Wirtshaus verkauft werden.

Es ist ein Abschied, der nicht ganz überraschend kam. Dabei war es über Jahrzehnte bergauf mit der Gaststätte gegangen. „1920 hatte mein Großvater Heinrich Joisten das Gebäude erworben“, sagt die Leni Kleindorfer. Ein Schlachthaus mit einem Metzgereiladen gehörte dazu, außerdem eine Holzkegelbahn und ein großer Saal. Viele Familienfeiern und Vereinsfeste fanden hier statt. Für die Menschen im Dorf war „der Große“ das Zentrum.

Sechs Tage in der Woche war das Lokal geöffnet, von morgens um neun Uhr bis auf Macht. Der Bus hielt direkt vor der Tür und mancher, der mit dem Bus von der Arbeit kam, ging erst ins Wirtshaus und dann nach Hause. „Das war ein Kommen und Gehen in der Wirtsstube“, sagt Leni Kleindorfer.

Bundesstraße in Schwaig verlegt

Vor allem ging es um den neuesten Ratsch. Es ging aber auch um Kurzweil. Darum gab es auch einen Billardtisch, „Spicker“, Musikbox und natürlich wurde an den Tischen im Wirtshaus gekartelt.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Die B16 führte einst direkt am Wirtshaus vorbei, doch sie wurde neu gebaut – außerhalb des Ortes.

Das Vereinsleben änderte sich, die Vereine übernahmen zunehmend ihre Gastronomie selbst. Die Dorfbühne, die einst im Großen Wirt mit Theaterstücken und Starkbierfesten und vielen hundert Besuchern in zahlreichen Vorstellungen zu Hause war, schuf sich ein eigenes Domizil.

Außerdem wird heute anders in den Familien gefeiert. Man geht zur Silbernen Hochzeit, zur Feier der Kommunion oder nach der Beerdigung nicht mehr ins Wirtshaus, man feiert daheim und bestellt das Essen bei einem Catering-Service.

Die Kleindorfers stemmten sich gegen die Veränderungen. Vater, Mutter und Tochter kochten bedienten und vermieteten nebenbei auch noch Fremdenzimmer und Appartements. Die Mahlzeiten waren legendär groß und lecker und die Preise sensationell niedrig. „Die Gaststätte wurde gut angenommen von den Vereinen, Jung und Alt fühlten sich bei uns wohl“, sagt Leni Kleindorfer. In besten Zeiten wurden deshalb zahlreiche Helfer und Helferinnen beschäftigt. „Ohne die wäre das alles nicht gegangen“, lobt die 76-jährige Wirtin.

Das galt vor allem bei den ganz großen Festen. „Da wurde bis morgens um sechs Uhr gefeiert und dann kam die Putzfrau und hat die letzten Besucher rausgeschmissen“, erzählt Leni Kleindorfer.

Über 300 Jahre ist das Wirtshaus inzwischen alt. Es hat viel erlebt. Es gehörte einst zum Kloster in Münchsmünster, Napoleon hatte hier am 20. April 1809 eine Brotzeit zu sich genommen. Noch heute gibt es deshalb in der Gaststätte das „Napoleon-Eck“.

„Napoleon-Eck“ war jahrelang Treff der Vereine

Früher gab es in dem Anwesen auch einen Stall, in dem Pferde angebunden werden konnten. Später war in denselben Räumen eine Bank untergebracht. Doch ist alles längst Geschichte. Auch die Bank gibt es längst nicht mehr. Einzig einen Bäcker gibt es noch im Erdgeschoss des Anwesens und neben dem Eingang zum Wirtshaus hängen noch die Kästen mit den Bekanntmachungen der Vereine. Die Geflügelzüchter, der Burschenverein und der Sportverein teilen hier ihre Neuigkeiten mit.

Das Gasthaus „Zum großen Wirt“ hat geschlossen. Zum Glück für die Menschen in Schwaig gibt es noch zwei weitere Wirtshäuser. Elke und Leni Kleindorfer haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sich jemand findet, der das Wirtshaus übernimmt, so dass auch in Zukunft wieder das „Napolen-Eck“ besetzt ist.

Leni und Hans Kleindorfer: Nach dem Tod des Wirts wurde das Gasthaus geschlossen. Foto: Kleindorfer
Mitten im Dorf befindet sich das Wirtshaus. Früher lebte es auch vom Durchgangsverkehr. Foto: Dannenberg