Landrat Franz Löffler: Was den Landkreis Cham mit Hawaii verbindet

Die gewachsene Widerstandskraft des Landkreises Cham hat Landrat Franz Löffler in den Mittelpunkt seiner Rede gestellt. Dabei nutzte er eine Beschreibung, die einst die US-Psychologin Emmy Werner im Zusammenhang mit hawaiianischen Kindern benutzt hatte: „Verletzlich, aber unbesiegbar“.
Löffler begründete seinen Vergleich: Die hawaiianischen Kinder seien in prekären Verhältnissen aufgewachsen und doch habe ein knappes Drittel von ihnen dies unbeschadet überstanden und sei gestärkt daraus hervorgegangen. „Auch unser Landkreis hatte keine leichte Kindheit“, erinnerte Löffler an Bezeichnungen wie „Armenhaus Europas“ und an Arbeitslosenquoten von mehr als 40 Prozent in den Wintermonaten. Und heute? „Unser Wohlstand war noch nie so stabil wie in diesen bewegten Zeiten“, stellte der Landrat fest.
Mehr Kaufkraft, mehr Arbeit
Er untermauerte das mit Zahlen: 55840 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte – ein Höchststand 2022. In den vergangenen 20 Jahren sei die Zahl um 15000 gestiegen. In Krisenjahren habe man eine Vollbeschäftigung verzeichnet mit einer Arbeitslosenquote von 2,5 Prozent (Bund 5,7, Land 3,3). 14131 Einpendlern stehen 13558 Auspendler gegenüber. Die Kaufkraft im Landkreis liegt fünf Prozent über dem deutschen Durchschnitt – Platz 2 in der Oberpfalz mit durchschnittlich 25580 Euro, rechnete er vor.
Nun treibe viele Menschen die Frage um: Wie können wir diesen Wohlstand halten? Geht der Konjunktur-Lokomotive Deutschland der Dampf aus? Die Inflation sei zwar gesunken (-3,2 Prozent), doch die Preise für Nahrungsmittel stiegen weiter (+ 6,1 Prozent). Die Bauwirtschaft verzeichne ein Minus von 50 Prozent bei den Bauanträgen. Dazu kommen die Ungewissheit durch die Finanzierung des Haushaltsloches im Bund und die weltweiten Krisen.
„Unsere Region ist verletzlich, aber unbesiegbar – mit einem Wort: resilient, also widerstandsfähig. Die Finanzkrise 2007 war noch wie ein Herzinfarkt, die Krisen der letzten Jahre eher ein Schnupfen.“ So kam Löffler noch einmal auf seinen anfänglichen Vergleich zurück.
Die Bürger sind pfiffig, tatkräftig und solidarisch
Aber weshalb ist das so? Für die Widerstandsfähigkeit einer Region gebe es keine Blaupause, so der Landrat. Aber er habe bereits vor zehn Jahren in seiner Rede auf drei Kerneigenschaften der Bürger im Landkreis Cham hingewiesen: pfiffig (g’wiefd), tatkräftig (oschuim) und solidarisch (zammholtn). Mit diesen Eigenschaften und einem positiven Blick in die Zukunft habe die Region eine neue Wertigkeit ihrer Arbeit und ihrer Produkte geschaffen, so Löffler. In den Lieferketten der Pandemie habe sie sich als unverzichtbar erwiesen.
Die Aufgabe des Landkreises sei es nun, diese Dynamik und Zukunftsfähigkeit aufrechtzuerhalten und die wichtigen Weichen für die Zukunft zu stellen. Die erste Weiche sei die regionale Wertschöpfung: „Was wir selber können, müssen wir auch selber tun“, so Löffler. Es gelte, die Auswirkungen des Klimawandels gemeinsam anzupacken, die Menschen bei der Digitalisierung mitzunehmen und dabei die KI als Chance zu erkennen. Dafür brauche es Bildungsmöglichkeiten, um die Innovationsfähigkeit hochzuhalten, und eine stärkere Vernetzung mit dem Nachbarn Tschechien.
In vielen Punkten habe der Landkreis diese geforderte Weichenstellung bereits begonnen. Bei der digitalen Infrastruktur seien derzeit 51 Prozent der Landkreis-Fläche mit Glasfaser versorgt. Die Schaffung der Regionalwerke stehe kurz vor dem Notar-Termin, der Gesundheitscampus in Roding entwickle sich, und an den Schulen werde viel Geld investiert. Der Campus Cham sei auf 500 Studierende gewachsen und werde demnächst einen Schwerpunkt für intelligente Robotik bekommen.
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Trotz dieser Erfolge werde eine Angst in der Gesellschaft spürbar und der soziale Zusammenhalt herausgefordert. Auf der einen Seite belaste eine ungeordnete Migration die Menschen, auf der anderen stellen sich Leistungsträger in der Gesellschaft die Frage, wer sich um sie kümmert. Die Kluft zwischen „oben“ und „unten“ scheine sich zu erweitern, so der Landrat.
Der Landkreis schafft das
Die Gesellschaft werde auf sozialen Plattformen mit Informationen, Hass und Empörung überschwemmt. Man sei nicht mehr bereit, sich mit komplexen Themen auseinanderzusetzen und die Positionen seien nicht mehr geprägt von Wissen, sondern von Fühlen und Meinen.
Sich gegenseitig zuzuhören sei aber der Wesenskern der Demokratie. Dafür biete der Rechtsstaat die Basis. Er dürfe nicht durch extremistische Kräfte ausgehöhlt werden. Deshalb seien Vereine so wichtig für den „Ehrenamtslandkreis mit Herz“.
„Der Landkreis Cham wird die aktuellen Herausforderungen erfolgreich bewältigen“, so der Landrat. Er sei breiter aufgestellt als früher, habe viele familiengeführte Unternehmen und eine hohe Innovationsbereitschaft. Die Kommunalpolitik schaffe die geeigneten Rahmenbedingungen. Er bitte alle, den Gestaltungsauftrag anzunehmen. „Für eine starke Heimat – gestern, heute und vor allem morgen“, schloss Löffler.
Lange Gästeliste, Live-Kochen und illustre Redner
720 Gäste hatten zurückgemeldet, dass sie zum Jahresempfang 2023 kommen würden. Sie erwartete ein zweieinhalbstündiges Programm in einer gut gefüllten Dreifachturnhalle der Mittelschule Furth im Wald.
Als Redner auf der Liste standen neben Landrat Franz Löffler der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse im Landkreis Cham, Franz Wittmann, der traditionell als Mitveranstalter auftritt. Als Hauptredner engagiert: der gebürtige Arnbrucker Joe Kaeser, der Vorsitzender der Aufsichtsräte der Siemens Energie und der Daimler Truck Holding ist. Sein Thema: „Die Rolle Deutschlands in einer multipolaren Welt“.
Landrat Franz Löffler begrüßte zunächst eine Reihe von Ehrengästen. Neben den Mitveranstaltern der Sparkasse Franz Wittmann und Theo Schneidhuber nannte er gleich zu Beginn die Landtagsabgeordneten Dr. Gerhard Hopp (CSU) und Julian Preidl (FW) sowie als Hausherrn den Further Bürgermeister Sandro Bauer und stellvertretend für alle Bürgermeister im Landkreis deren Sprecher Michael Multerer.
Gekommen waren auch die Kreisräte und deren Fraktionssprecher sowie zahlreiche Vertreter aus der Wirtschaft, von Behörden, Polizei und Bundeswehr sowie Schulen. Auch Gäste aus dem Nachbarland Tschechien waren angereist. Stellvertretend begrüßte der Landrat den Bürgermeister von Taus, Stanislav Antos.
Nach den Reden gab es eine Gesprächsrunde auf der Bühne, an der neben dem Landrat die Unternehmerin Martina Schierer, der Leiter des Fraunhofer-Gymnasiums Uwe Mißlinger und der Vorsitzende der IHK Cham Alois Plößl beteiligt waren.
Nach dem offiziellen Teil wurden die Stühle in der Dreifachturnhalle abgeräumt und machten Platz für die Tische des Stehempfangs. Die Gäste wurden kulinarisch bewirtet mit einem Live-Cooking.


