Weil der Marktbetreiber bald 86 wird: Regensburger Edeka schließt – ein Drama für Senioren

Ein Stadtviertel verliert seinen Lebensmittelmarkt: Nach Metzger und Bäcker muss nun auch der Edeka im Regensburger Norden schließen. Grund ist das hohe Alter des Betreibers, der den Markt 1968 von seinem Vater übernommen hat und bald 86 wird, aber auch der Preisdruck, sagt er zur MZ. Zudem sind seine Kinder beide Akademiker. Der Stadtteilkümmerer berichtet, dass die Nahversorgung zunehmend für Ältere zum Problem wird.
Das Gerücht ging schon seit einer Weile durch das Viertel: Der Supermarkt zwischen der Isar- und der Lechstraße schließt. Für viele ältere Anwohner ist das tatsächlich schlimm: Sie haben fußläufig die Dinge des täglichen Bedarfs wie Obst, Gemüse und Nudeln dort ebenso einkaufen können, wie sie dort ihre Post-Geschäfte erledigen konnten.
Doch ab Ende Januar ist Schluss: Der Offenbeck in der Isarstraße ist dann Geschichte. Grund ist das hohe Alter des Kaufmanns, der den heute unter der Marke Edeka firmierenden Markt nicht mehr betreiben kann. Immerhin ist Manfred Offenbeck, der seit vielen Jahrzehnten in der Isarstraße ein Lebensmittelgeschäft betreibt, 85 Jahre alt. Doch auch einen Nachfolger gibt es nicht. „Es trifft leider zu, der Markt in der Isarstraße wird geschlossen“, sagt dann auch Christian Strauß, Sprecher von Edeka. Das habe zum einen mit dem Alter des Betreibers, zum anderen mit der fehlenden Nachfolge zu tun. „Aber es ist auch so, dass der Markt nicht mehr den modernen Anforderungen entspricht, den wir an unsere Edeka-Filialen haben“, so Strauß weiter. Eine Alternative zu eröffnen, sei im Moment kein Thema, sagte der Edeka-Sprecher.
Postfiliale schließt früher
Viele Anwohner wissen noch gar nicht, dass es mit dem gut frequentierten Markt bald vorbei sein wird. So mancher rechnet damit, dass nur die Post-Filiale schließt, hört man bei Kunden, die gerade aus dem Offenbeck kommen. Die Post hat bekannt gegeben, dass die Filiale mit der Nummer 503 nur noch bis 31. Dezember geöffnet haben wird. Ab 1. Februar werde eine Filiale in der Berliner Straße 20 in einem Edeka eröffnet, sagte eine Sprecherin der Post. Doch fußläufig ist diese gerade für Ältere nicht erreichbar.
Der Offenbeck-Markt hat einen Monat länger offen: Wie aus einem Handzettel hervorgeht, der im Umfeld des Marktes am Freitag verteilt wurde, soll noch bis zum 31. Januar geöffnet sein – dann ist Schluss. „Wir werden im Handzettel der Monatsangebote an diesem Wochenende darüber informieren, das wir zum 31. Januar schließen“, sagt Manfred Offenbeck. „Ich werde ja in zwei Wochen 86“, sagt der Kaufmann.
Aufgebaut hat sein Vater das Unternehmen, von den Märkten von einst ist heute nur noch der in der Isarstraße übrig. 1968 übernahm das Kriegskind Manfred das Geschäft. Dutzende von Auszubildenden, die man damals noch Lehrlinde nennt, wie Offenbeck sagt, hat man im Laufe der Jahrzehnte betreut. Offenbeck ist ein klassischer Mittelstands-Unternehmer. Er lässt sich nicht zu Emotionen hinreißen. Doch vor allem, wenn er an seine Kunden denkt, dann wird er durchaus emotional: „So viele Kunden haben uns über die Jahre die Treue gehalten“, sagt er. „Bei denen will ich mich bedanken.“ Offenbecks Kinder sind beide Akademiker und leben in anderen Städten. Eine Nachfolge kam also nicht infrage. Doch auch die Branche habe sich verändert. „Der Preisdruck ist immens“, sagt er.
Die Nahversorgung in dem Viertel ist ohnehin seit der Schließung der Metzgerei Landendinger und der Bäckerei Jobst deutlich schlechter geworden für die Anwohner. Zwar befindet sich ganz zu Beginn der Isarstraße ein Norma-Markt, aber für viele Senioren ist dieser fußläufig nur schwer erreichbar. Auch das Kaufland im Alex-Center ist für so manchen, der etwa auf einen Rollator angewiesen ist, nur schwerlich ohne Aufwand wie eine Busfahrt zu erreichen.
Was Offenbeck auch sagt ist, dass vor allem das Zwischenmenschliche im Markt in der Isarstraße im Mittelpunkt stand. „Viele gerade ältere Menschen wollen beim Einkaufen eben auch mit jemandem sprechen“, sagt der Unternehmer. „Die schnelle Abwicklung von Discountern ist schwierig für sie.“ Auch für diese bedauert der 85-Jährige die Schließung seines Marktes.
Senioren brauchen Filialen
Ralf Wächter ist als Stadtteilkümmerer für Reinhausen zuständig. „Meine Mutter ist 88, sie kauft sehr gerne beim Offenbeck ein, obwohl sie ein Stück weit weg wohnt“, sagt Wächter. Von der Schließung des Marktes erfährt Wächter durch die MZ. „Das Problem greift um sich, dass die Nahversorgung immer weiter zurückgeht“, sagt er. Man versuche, das Problem durch Nachbarschaftshilfe aufzufangen. „Für Senioren ist es existenziell, Lebensmittel zu bekommen. Für sie stellt sich häufig die Frage: Wer kauft für mich ein? Wie weit ist der nächste Markt entfernt?“
Doch nicht nur die Lebensmittel-Versorgung sei ein Problem. Seine Kinder seien in ihrem Leben vielleicht zweimal in einer Bank-Filiale gewesen. „Aber für ältere Menschen ist es wichtig, auf die Bank zu gehen.“ Die Digitalisierung sei für die Jungen wichtig, aber ältere Menschen wollen ihre Bankfiliale, eine Post vor Ort – und auch ihre Zeitung in der Hand.
Info-Kasten: Mitgealtert
Viertel: Die Straßenzüge an der Kreuzung zur Heilig Geist Kirche im Stadtnorden sind geprägt von Post- und Bahnbauten. Viele pensionierte Beamte leben heute in diesen Häusern. Das Viertel ist mit den Einwohnern mitgealtert, es hat auch nach den Zahlen des Regensburger Sozialindex überdurchschnittlich viele Senioren.
Überalterung: Der Stadtteil Reinhausen, in dem der Offenbeck liegt, weist einen Altersquotienten von durchschnittlich 36,9 auf, der Stadt-Durchschnitt liegt bei 31,5. Der Wert beschreibt das Verhältnis zwischen den Über-65-Jährigen und der Bevölkerung zwischen 20 und 65. Im direkten Umfeld des Offenbecks liegt dieser Wert aber bei knapp 50, ist also deutlich höher.