Regensburgs Museumschefin klebt am Stuhl: Viele Fragen offen

Von Christian Eckl · 12. Dezember 2023 um 15:00

Doris Gerstl, die Leiterin der Museen der Stadt Regensburg, sollte als „Wissenschaftliche Generalkuratorin“ ins neue Zentraldepot wechseln. Kurz vor einer geheimen Sitzung überlegte sie es sich anders. Wie geht es jetzt weiter?

Es ist eine Personalie, die eigentlich noch gar keine ist: Die neu geschaffene Stelle der „Wissenschaftlichen Generalkuratorin“ ist vakant, noch bevor sie überhaupt zum ersten Mal besetzt wurde.

Vergangene Woche kam der Personalausschuss in nichtöffentlicher Sitzung zusammen. Eigentlich wollte Kulturreferent Wolfgang Dersch verkünden, dass Doris Gerstl, die Leiterin der Regensburger Museen, die Position im Depot besetzen wird. Doch das, was er den verdutzten Mitgliedern des Gremiums mitteilen musste, überraschte selbst jene, die gut über die verfahrenen Zustände im Regensburger Museumsbetrieb Bescheid wissen: Gerstl hatte, dem Vernehmen nach eine Stunde vor der Sitzung, überraschend mitgeteilt, dass sie die Stelle nun doch nicht annehmen wird.

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Eine Reihe von Fragen sind völlig offen. Zuerst: Wer wird das neue Zentraldepot leiten, das die Stadt Regensburg mit einem geplanten Budget von 43 Millionen Euro in Burgweinting zusammen mit der Diözese Regensburg baut? Und dann: Wird die Stelle nun ausgeschrieben? Die Mediengruppe Bayern ließ der Stadt einen Fragenkatalog zukommen. Die Antwort blieb kurz und knapp: „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir zu den ersten drei Fragen keine Auskunft erteilen“, sagte Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra.

Lediglich auf die Frage, wann denn das Zentraldepot eröffnet und mit den laut Schätzung 90 000 Objekten allein der Stadt Regensburg befüllt wird, antwortete man dies: „Ab Januar 2024 wird Schritt für Schritt das neue Depot in Burgweinting bezogen.“ Auch Gerstl selbst beantwortete Fragen der Mediengruppe Bayern nicht, verwies an die Pressestelle der Stadt. Im Dienst ist sie, denn sie führe jetzt „Bewerbungsgespräche“, wie sie mitteilte.

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Sicher ist, dass im Personalausschuss der Stadt eine auf zwei Jahre befristete Stelle geschaffen und besetzt wurde, die ein neues Gesamtkonzept für das Historische Museum erarbeiten soll. Denn das Haus steht seit Jahren in der Kritik, die Ausstellung würde im Mittelalter faktisch stehen bleiben, was einer Stadt wie Regensburg und angesichts hochkarätiger Exponate eine Farce ist, wie man aus Kulturkreisen immer wieder hört.

Auch gegenüber der Mediengruppe Bayern äußerten sich namhafte Kritiker. Als von dieser Zeitung die Personalie der Generalkuratorin erstmals veröffentlicht wurde, äußerte sich auf Anfrage beispielsweise auch Kerstin Radler, frühere Kulturpolitische Sprecherin der Freien Wähler im Landtag, heute Fraktionssprecherin im Stadtrat und damit Teil der Regierungskoalition. Radler sagte vergangene Woche vor der Sitzung des Ausschusses, das Historische Museum sei „total verstaubt“ und die avisierten Synergieeffekte mit dem Museum der Bayerischen Geschichte seien „leider total in die Hose gegangen“.

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Auch die Vorsitzende des Förderkreises der städtischen Museen, Birgit Angerer, mahnte an, das Historische Museum warte „schon lange auf ein Konzept“. Nicht zuletzt kam Kritik am Status quo auch aus der Jüdischen Gemeinde. Deren Vorsitzende Ilse Danziger erinnerte an die unrühmliche Geschichte des Hauses angesichts von Museumsgründer Walter Boll, dessen Nähe zum NS-Regime seit Jahren Historiker beschäftigt. Die Bedeutung der Jüdischen Gemeinde Regensburgs im Mittelalter käme im Museum überhaupt nicht vor, was Danziger sehr bedauert.

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Die NS-Zeit in Regensburg ist ohnehin ein Kapitel, dem man auch im Museum schon allein aus räumlichen Gründen Aufmerksamkeit schenken müsste: Nebenan, im Polizeirevier am Minoritenweg, war der Sitz der Gestapo. Dort wurde vor einem Standgericht die Ermordung von Domprediger Dr. Johann Maier und von Josef Zirkl vorbereitet, die vor dem heutigen Museum hingerichtet wurden. Immerhin ist die Polizei in ihrer Erinnerungsarbeit weiter als das benachbarte Museum: Als man am Gebäude – übrigens NS-Architektur in ihrer Reinstform und wie das Neue Rathaus gegenüber Ausdruck des Machtanspruchs der Nazis in Regensburg – eine Gedenktafel anbrachte, regte ein Polizeisprecher eine „museale Aufarbeitung“ der „Regensburger Täter“ und „Regensburger Opfer“ im Nachbargebäude an – bis heute vergebens.

Mehr Gehalt ohne Besetzung

Bisher gab es bei der Stadt eine Stelle mit dem klangvollen Namen „Wissenschaftlicher Generalkurator“ nicht. Sie wurde also extra geschaffen. Auf der Tagesordnung des Personalausschusses stand dann aber auch gleich die Gehaltserhöhung der „Wissenschaftlichen Generalkuratorin im Leitungsdienst“, obwohl die Stelle erstmals besetzt worden wäre: Zumindest weist die nichtöffentliche Personalausschusssitzung den Punkt „Übertarifliche Eingruppierung der Stelle“ bis zum „Ausscheiden der Stelleninhaberin“ aus.

Kommentar: Das missachtete Erbe

Eine städtische Personalie wäre an sich überregional keine Meldung wert. Im Fall des Historischen Museums Regensburg ist das anders: Das Haus mit den sechs Documenten ist nicht nur eine allererste Adresse der Kulturgeschichte in Ostbayern, es hütet eine Sammlung von europäischem Rang. Zum Weinen, wie wenig Regensburg aus diesem Schatz macht. Wer Belege sucht, muss sich nur die lachhaft niedrigen Besucherzahlen ansehen.

Im Haus herrschen – schon lange – Hickhack, Kompetenzwirrwarr und Konfusion. Die Leitung muss – bitte zügig! – in geeignete Hände. Hier geht es schließlich um unser Kulturerbe, um unsere Steuergelder.

Will doch keinen klangvollen neuen Titel: Doris Gerstl,Chefin der Regensburger Museen. Foto: Marion Koller
Wollte den gordischen Knoten lösen: Kulturreferent Wolfgang Dersch. Foto: altrofoto.de