90.000 Dinge des Historischen Museums ziehen um und werden digital erfasst

Von Marianne Sperb · 19. Mai 2023 um 11:01

90.000 Objekte des Historischen Museums werden in das neue Zentraldepot in Regensburg-Burgweinting umgezogen. Dort werden die archäologischen und kulturgeschichtlichen Sammlungen der Stadt eingelagert. Außerdem werden die Gegenstände digitalisiert.

Friedrich Melchior Freiherr von Grimm, 1723 in Regensburg geboren, ist bereit für den Umzug. Auf den Locken des Theaterkritikers und Diplomaten, der im 18. Jahrhundert über das künstlerische Leben in Paris schrieb, gibt ein Zettel klare Ansagen: Genau 16,81 Kilo wiegt die Büste des Adligen, seine Kennung: OB 00139472. Alles, was man über ihn wissen muss, steht in der Museumsdatenbank; auf den richtigen Eintrag verweist der Strichcode auf dem Etikett.

Der Kopf des Freiherrn ist eines von 90.000 Objekten, die künftig im neuen Zentraldepot ihre Adresse haben werden, und so wie die schiere Zahl des Umzugsguts ist alles an dieser ordnenden Generaloffensive außerordentlich. Der Komplex in Regensburg-Burgweinting, 184 Meter lang, wird die archäologischen und kulturgeschichtlichen Sammlungen der Stadt aufnehmen, von der Steinzeit bis ins 19. Jahrhundert, außerdem das Stadtarchiv, dazu die sakrale Kunst des Bistums mit Skulpturen, Textilien, Gemälden, ferner Kanzeln, Chorgestühle und andere Kirchenausstattung und auch noch das Bischöfliche Zentralarchiv, das Pfarrarchive und Dokumente von Klöstern hütet. Die Kosten für den Komplex von 43 Millionen Euro teilen sich Stadt, Bistum und Förderer.

Monumentale Transaktion

Vor dem Umzug muss man erst mal sichten, beschriften, verpacken. Das ist im Historischen Museum nicht anders, nur dass diese Transaktion bekannte Dimensionen sprengt. Den Überblick hat Inga Ziegler. Die Diplom-Restauratorin kam 2019 ans Haus, eingestellt für eine Großunternehmung. Der Schatz der Stadt-Museen bekommt sozusagen eine neue DNA. „Eigentlich ist das eine sehr schöne Aufgabe“, sagt sie. „Wir machen ja eine Art Inventur. Künftig wird der Bestand vollständig digital erfasst und unter optimalen Bedingungen gelagert sein.“

Die „Projektleiterin Depotumzug“ öffnet die Tür zu einem Seitenflügel des Museums am Dachauplatz. Hier lagern archäologische Funde, 14 Tonnen Objekte, Scherben, Knochen. „Der Raum hier war vollgestopft mit Regalen und 5000 Fund-Kisten. Jetzt sehen Sie Paletten mit Euronormboxen. Im Depot kommen sie in moderne Drehregale.“ 900 Kunststoffkisten stapeln sich im Raum. 100 hölzerne Extrabehälter für Großgefäße lieferten hausinterne Schreiner. Die Behälter sind mit PE-Schaum ausgekleidet und alterungsbeständig.

Extrem anspruchsvolle Aufgaben

Wolfgang Hollersbacher ist eine Art lebendes Gedächtnis der archäologischen Sammlung. Der Depotverwalter durchforstet alte Inventarbücher, die das Museum seit 1936 führt. 500 dieser Bücher gibt es. Er hat es nicht nur mit Keramik und Knochen zu tun, sondern auch mit alten Waffen – und mit 5000 römischen Münzen.

Hollersbacher nimmt eine Münze aus der Sichtfolie. Die „Nero Dupondius 54-68“ zeigt einen fein gearbeiteten Herrscherkopf. „Früher wurden Münzkataloge mit Schreibmaschine getippt“, sagt er. „Jetzt wird jede Münze digital inventarisiert, mit Fotos von Vor- und Rückseite.“

Die Aufgabe ist so verästelt wie monströs, der Anspruch extrem. „Alles, was wir hier machen, soll am besten für die Ewigkeit sein“, sagt Inga Ziegler. Sie führt ins Haupthaus, unters Dach. Karin Geiger und Sabine Medlhammer, wissenschaftliche Inventarisatorinnen, bearbeiten gerade Umhänge und Wamse. Sie stammen vom Dollinger-Festspiel 1995 und landeten irgendwann in der Sammlung, als Zeugen der Stadt- und Kulturgeschichte.

13 Personen am Umzug beteiligt

Die zwei Frauen erfassen die Stücke neben ihrem normalen Tagesgeschäft. In die Umzugsvorbereitungen eingebunden sind nicht nur neun feste Mitarbeiter des Museums, sondern auch zwei Museumstechniker und zwei Restauratorinnen, eigens für den Umzug eingestellt.

Akribische Erfassung ist das eine, penible Hygiene das zweite. Objekte werden trocken gereinigt, abgesaugt, behutsam mit Pinseln bearbeitet. „Sehr wichtig ist, dass wir ins neue Depot keinen Schmutz eintragen“, sagt Ziegler. Wie wichtig, kann man nicht nur an den alten Kostümen ermessen, sondern zum Beispiel in der Möbelsammlung. Barocke Kommoden, Biedermeier-Sofas, Bauernschränke, Sekretäre mit kunstvollen Intarsien und mittelalterliche Truhen reihen sich aneinander. Der Holzkäfer ist heute nicht mehr ihr Problem, dafür Pestizide wie das krebserregende Lindan, mit denen die Stücke früher behandelt wurden und die heute auskristallisieren. Das Team puffert die fortwährenden Ausdünstungen durch Einhausungen mit Aktivkohlevlies. An einer Packstation stapeln sich Rollen mit säurefreiem Papier, PE-Folie oder Vlies wie man es vom Spargelanbau kennt, wasserdampfdurchlässig und alterungsbeständig.

Datenbank vereinfacht die Suche künftig

Im Raum nebenan machen Umzugstechniker fragile Stücke transportbereit. Pendel, Uhrwerk und Gehäuse einer Standuhr ruhen in gepolsterten Kisten. Der Strichcode gibt Gewicht, Maße, Zustand und Standort an. Wie viele Kilo das Stück wiegt, ist eine entscheidende Information für die Spedition, erklärt Inga Ziegler. „Alle Daten sind völlig transparent erfasst.“

Die Fülle der Objekte, die man beim Rundgang passiert, erschlägt einen schier. Von der wertvollen Monstranz bis zum monumentalen Schlachtengemälde, vom Astrolabium bis zum schmalen Liederbuch für den Commers der Abiturienten am königlichen Gymnasium Schweinfurt von 1898: „Wir haben eine sehr bunte Mischung“, sagt Inga Ziegler. Wer hier ein bestimmtes Ding finden will, könnte lange suchen. Künftig wird er einfach das Objekt in die Datenbank eingeben und den aktuellen Standort dort angezeigt bekommen.

Zehn Prozent Puffer

Im ersten Stock des Museums stapeln sich Paletten, jede fertig bestückt mit an die 3000 Objekten. Rote Aufkleber warnen: „fragil“. Aktuell sind an die 38000 Gegenstände und Fundkisten vorbereitet, verpackt und nach Standort verbucht, also etwa drei Viertel der Archäologie und knapp die Hälfte der Kunst- und Kulturgeschichte. Das neue Depot, das voraussichtlich Ende Oktober an die städtischen Museen übergeben wird, dürfte sich gut füllen. „Pro Regal“, sagt Inga Ziegler, „bleiben etwa zehn Prozent Freiraum als Puffer“.

Die Diplom-Restauratorin weiß, wie viel noch zu tun ist. Sie ist Umzugsprofi, hat sich auf Depot-Management spezialisiert, und zuvor fünf Jahre beim Projekt Zukunftsinitiative am Deutschen Museum in München mitgewirkt. In Regensburg fing sie 2019 bei Null an, organisierte erst mal Verpackungsmaterial (Paletten) und Personal. Ihr erster Vertrag in Regensburg sollte im Juni 2022 enden – eine utopische Ziellinie für den Umzug. Der soll Ende 2023 starten und wird sicher nicht 2024 abgeschlossen sein, umreißt Inga Ziegler. „Bei optimaler Besetzung schaffen wir 30 bis 100 Objekte am Tag.“

Immerhin: Der frisch codierten Büste von Friedrich Melchior von Grimm fehlt für den Abtransport nur noch der Deckel auf der Kiste.

Beim Inventarisieren: Karin Geiger und Sabine Medlhammer
Inga Ziegler vor einer Kiste mit verpackter Uhr: Die Restauratorin kam 2019 ins Haus, um den Umzug zu koordinieren.
Tische, Sekretäre, Kommoden gehören zum Museumsschatz.
5000 Münzen aus der Römerzeit müssen erfasst werden.
Gedächtnis der Stadt: Wolfgang Hollersbacher
In 900 Kisten lagern an die 14 Tonnen von Fundgegenständen.