Aus sechs Monaten wurden drei Jahre: Ramona Schulz aus Cham wagte den Neustart in Lissabon

Von Marie Campisi · 8. Dezember 2023 um 11:00

Eigentlich wollte Ramona Schulz aus Windischbergerdorf nur für sechs, maximal zwölf Monate nach Lissabon ziehen. Mittlerweile lebt sie seit über drei Jahren in Portugal.

Auf einer weißen Kommode in der Ecke ihres WG-Zimmers erinnern eingerahmte Fotos an ihre Familie. Daneben liegen einige Muscheln, die der Atlantik an den Strand von Lissabon geschwemmt hat. Hier kommt die 24-Jährige mindestens einmal pro Woche hin. „Am Meer fühlt sich alles leichter an“, sagt sie. Manchmal geht sie auch schwimmen im kalten Wasser – „ich brauche eine Weile, bis ich drin bin, aber dann ist das das schönste Gefühl: Alles auf Neustart.“

Mit Neustart kennt sich Ramona aus. Sie lebt in Lissabon von verschiedenen Jobs, die sie im Home-Office erledigen kann. Zum Beispiel testet sie den telefonischen Kundenservice deutscher Unternehmen. Die Nachmittage hält sie sich frei. Denn eigentlich ist sie Künstlerin: Auf Instagram (ramonaa.schulz) zeigt sie eigene Lieder und Texte, Ende 2022 veröffentlichte sie ihren Gedichtband „Home – der Glaube an mich selbst“ und gab bei ihrem Heimatbesuch im Herbst mehrere Konzerte und Lesungen im Bayerwald.

Leben kann sie von der Kunst im Moment nicht. „Aber ich bin Musikerin und Poetry-Autorin unabhängig von meinem Erfolg. Das muss ich nicht rechtfertigen“, sagt Ramona. Ihre langen braunen Haare wellen sich um ihr Gesicht, in Richtung der Spitzen werden sie heller. Sie trägt eine goldene Brille und mehrere Ringe, Make-Up benutzt sie kaum.

Früher an der Klarinette bekannt

Dass sie sich selbst als Künstlerin sieht, hat eine Weile gedauert, auch wenn sie schon immer musikalisch gewesen sei. Seit der fünften Klasse spielt sie Klarinette, Klavier und Gitarre kamen hinzu. Später ließ sie sich zur staatlich geprüften Dirigentin ausbilden und leitete die TV-Musikkapelle Waldmünchen. Nach ihrem Abitur 2017 am Robert-Schuman-Gymnasium in Cham studierte sie einige Semester Musik als Lehramt für Sonderpädagogik, merkte in der Praxisphase, dass es nichts für sie ist. Deshalb bemühte sie sich um ein duales Studium im Marketingmanagement, woraus doch nichts wurde. Schlussendlich zog sie nach Portugal – ohne Sprachkenntnisse und mit der Frage „wie geht es jetzt weiter?“ im Hinterkopf.

„Ich hatte darauf keine Antwort, aber Lissabon hat mir die Zeit zum Atmen gegeben“, erinnert sie sich. Dass Ramona dort vorerst bleiben würde, damit hat nicht jeder aus ihrem Umfeld gerechnet. Ihr ehemaliger Musiklehrer Florian Simeth sagt, „sie hat auf mich einen bodenständigen Eindruck gemacht. Dass sie mal länger auswandert, hätte ich in ihrer Schulzeit nicht gedacht.“ Ihr musikalisches Talent habe man dagegen schon früh gesehen. Bei Schulkonzerten stand sie mit der Klarinette regelmäßig auf der Bühne. „Man wusste, man kann sich auf sie verlassen und die macht da gerne mit“, sagt Simeth.

Ramona will Verletzlichkeit zeigen

Statt mit der Klarinette tritt Ramona jetzt vor allem mit ihrer eigenen Stimme auf – ob Gesang oder Poetry. „Das ist auch eine Möglichkeit, ein Stück von mir nach außen zu tragen und zu teilen“, sagt sie. Das ist nicht immer einfach, erfordert Mut. Sie schreibt über Träume, das Erwachsenwerden und Selbstzweifel. Auch ihre Verletzlichkeit zeigt sie ihrem Publikum. In ihrem Gedicht „Zu wenig oder doch genug?“ schreibt sie: „Ich bin ein Künstler. In meiner Seele spielt Musik. Vielleicht ist es nie genug, vielleicht bleibt es nur ein Traum“.

Ramona sagt, „ich kenn’ dieses Gefühl, diese zweifelnde Stimme im Kopf.“ Getraut, sich als Künstlerin zu verstehen, hat sie sich trotzdem. Sie spricht ruhig, hält häufig inne, um die passenden Worte zu wählen. Mit ihren Händen gestikuliert sie langsam. In Deutschland habe sie immer einen gewissen Leistungsdruck gespürt, den Lebenslauf nach der Schule schnell zu füllen und sich deswegen zunächst für das sichere Studium entschieden.

„Forró ist wie Dirigieren“

Ihr Plan A sei immer die Musik gewesen. „Aber da gibt es halt keine bestimmte Ausbildung und dann fängt man an, einen Plan B zu machen, um das Leben zu finanzieren.“ Für Ramona ist das keine Option mehr, sie will Musik machen, auch wenn sie ihr Geld vorerst mit anderen Jobs verdienen muss.

Der Bayerwald bleibt für sie Zuhause, dennoch sagt Ramona: „Lissabon hat mir gleich das Gefühl von Heimat gegeben mit dem Meer, der Musik und Geselligkeit“. Schnell lernt sie neue Freunde kennen, macht viel Musik und beginnt einen Forró-Kurs. Auch rund drei Jahre später geht sie noch wöchentlich zum brasilianischen Paartanz. „Forró ist eigentlich ähnlich wie das Dirigieren“, sagt sie. „Nur, dass man halt kein Orchester dirigiert, sondern den Körper und dabei das große Ganze entsteht.“

Orchester dirigiert sie in Lissabon nicht mehr, dafür schreibt sie ihre eigenen Lieder. Sie klingen leise und sind eher minimalistisch gehalten – „aber das bin halt zu 100 Prozent ich“, sagt Ramona.

Ramona spielt auf der Bühne ihre eigenen Lieder. Foto: Ramona Schulz