Satellitensystem verbessern: Neukirchner leitet seit Kurzem Galileo Kompetenzzentrum

Harald Hofmann ist in Neukirchen b. Hl. Blut aufgewachsen. Seinen Vater Egid Hofmann kennt man als ehemaligen Neukirchner Bürgermeister. Für Harald Hofmann ging es nach dem Abitur am Robert-Schuman-Gymnasium in Cham raus aus dem Bayerwald: Sein damaliges Lieblingsfach Physik hat den 51-Jährigen in die Luft- und Raumfahrt geführt.
Seit November leitet er nun das Galileo Kompetenzzentrum des Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen. Hier wird an der Zukunft europäischer Satelliten getüftelt – genau genommen am Satellitennavigationssystem Galileo.
Herr Hofmann, Sie sind jetzt schon seit über zwei Jahrzehnten beim DLR – seit wann begeistert Sie das All?
Harald Hofmann: Raumfahrt hat mich schon immer fasziniert. In der Schulzeit habe ich in dem Bereich schon viel gelesen und Physik hat mir auch immer sehr Spaß gemacht. Aber ich habe jetzt keine Raketen zu Hause gebastelt – da waren meine Eltern wahrscheinlich auch ganz froh drum.
Sie haben in den vergangenen Jahren das Galileo Kompetenzzentrum mit aufgebaut und sind seit Kurzem der Leiter – was steckt denn hinter Galileo?
Galileo ist ein globales Satellitennavigationssystem (GNSS) und strahlt – vereinfacht gesagt – Signale aus, die für verschiedene Dienste genutzt werden können. Auch das am meisten bekannte GPS ist so ein System, insgesamt gibt es vier davon. Es gibt aber auch regionale Satellitennavigationssysteme, die aus nur wenigen Satelliten bestehen. Aktuell sind bei Galileo 24 Satelliten in Betrieb, damit ist es global verfügbar. Der Vollausbau mit Ersatzsatelliten wären dann 30 Stück.
Was sind das für Dienste, für die die Satellitensignale genutzt werden?
Das ist zum Beispiel der Such- und Rettungsdienst von Galileo. Dadurch ist eine sehr genaue Positionsbestimmung von der geschädigten Person möglich. Andere Dienste können in Zukunft auch zur Optimierung von Flug- oder Schifffahrtsrouten beitragen. Auch für zukünftiges autonomes Fahren sind Daten von GNSS ein wichtiger Bestandteil.
Kann jeder diese Dienste und Daten nutzen?
Ja, jeder kann die Signale des offenen Dienstes ohne Weiteres empfangen. Diese Daten kommen zum Beispiel im Auto oder auf dem Handy zum Einsatz, um von A nach B zu gelangen. Moderne Handys nutzen dafür mittlerweile alle Daten, die sie von den verschiedenen GNSS-Satelliten bekommen – also auch von den Galileo-Satelliten. Die Routenplanung bei Google Maps funktioniert also grob gesagt über die Daten von GNSS.
Was unterscheidet Galileo von anderen GNSS?
Es ist ein europäisches Projekt – also unser aller Steuergeld. Das Besondere ist, Galileo ist ein ziviles System und deshalb unter Oberhoheit der Europäischen Union. Sie entscheidet mit Unterstützung der Europäischen Weltraumorganisation (ESA), was gebaut wird. Die anderen GNSS unterstehen dagegen dem Militär.
Was ist die Aufgabe des Kompetenzzentrums, das Sie nun leiten?
Einerseits wollen wir herausfinden, welche Technologien und Konzepte hilfreich sein könnten für die Zukunft. Da arbeiten wir zum Beispiel mit Industrie, Forschungsstellen oder der EU zusammen. Andererseits wollen wir natürlich zur Verbesserung des Systems beitragen – also unter anderem, dass das Signal möglichst stabil ist und nicht ausfällt.
Gibt es da besondere Herausforderungen?
Man kann Systeme ja auch stören. Und aktuell gibt es einige Krisenzonen auf der Welt. Da geht es für uns ganz stark um die Robustheit. In Krisengebieten sind Störungen nämlich nicht unüblich. Das ist wie beim Radiosender: Sobald ein deutlich stärkeres Signal kommt, ist der ursprüngliche Sender weg. Sicherheitspolitisch ist das natürlich auch ein Thema.
Sind wir abhängig von Satelliten?
Wenn man nicht wieder mit analogen Straßenkarten rumfahren will, dann ja. Auch bei großflächigen Katastrophen, wie bei der Flut im Ahrtal, nutzen wir Satellitenbilder – und natürlich für den täglichen Wetterbericht. Solche Satellitendienste sind schon integraler Bestandteil unserer modernen Gesellschaft. An viele große Anwendungsbereiche denkt man vielleicht gar nicht. Zum Beispiel Finanztransaktionen: Die Satelliten liefern weltweite Zeitsignale, durch die internationale Börsengeschäfte synchronisiert werden können.
Sie beschäftigen sich so viel mit dem All – wollten Sie die Erde nie verlassen?
(Lacht). Doch tatsächlich! Ich hätte nichts dagegen gehabt, Astronaut zu werden, aber es kam einfach nicht dazu – und langsam bin ich auch aus dem Alter raus.
Hintergrund zu Harald Hofmann und Galileo
Harald Hofmann hat nach seinem Abitur am Robert-Schuman-Gymnasium in Cham Physik in Regensburg studiert. Anschließend arbeitete er als Softwareentwickler bei Siemens. 2001 wechselte er zum Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) nach Oberpfaffenhofen und war dort im Deutschen Raumfahrtkontrollzentrum tätig. 2011 wechselte er beim DLR nach Köln und war dort unter anderem als Programmleiter für verschiedene Themen zuständig. Ab Ende 2019 baute Hofmann im Gründungsteam das Galileo Kompetenzzentrum mit auf. Seit rund einem Monat ist er der offizielle Leiter.
Galileo ist ein europäisches Satellitennavigationssystem. Das Netz umfasst aktuell 24 aktive Satelliten, die sich auf drei Umlaufbahnen in einer Höhe von 23000 Kilometern befinden. 2016 nahm Galileo die Dienste auf.
Bestandteil von Galileo sind verschiedene Dienste, die beispielsweise die Positionsbestimmung am Smartphone ermöglichen.
Zwei Kontrollzentren steuern die Satelliten: der DLR-Standort Oberpfaffenhofen und das italienische Fucino.