Sind Pflegeroboter die Zukunft? Patienten, Forscher und Pfleger sehen Potenzial

Über 6000 Pflegebedürftige gibt es in Regensburg, Tendenz steigend. Pflegedienste arbeiten aber an der Belastungsgrenze. Moderne Technik bietet Chancen, die Pfleger zu entlasten. Sogar Roboter sind nicht mehr Zukunftsmusik: Die OTH testete sie vier Jahre lang in der Praxis. Das sagen Betroffene und Ärzte dazu.
Die Pflege hat mit vielen Herausforderungen zu kämpfen: Die Personalnot ist groß, die Bürokratie aufgebläht, Bedürftige werden immer mehr und vor allem in Städten wie Regensburg sind sie immer öfter einsam. Allein in der Domstadt gelten mehr als 6200 Menschen als pflegebedürftig. Bei diesen Problemen trat die Digitalisierung lange Zeit in den Hintergrund. Obwohl gerade hier Lösungen liegen könnten. Doch inzwischen gehe es voran, erklären Pflege-Experten. Sogar Ideen wie Roboter sind nicht mehr ganz so ferne Zukunftsmusik: Die OTH Regensburg unterzog sie einem vierjährigen Praxis-Test, der nun endet.
50 Patienten aus der Region nahmen daran teil. Sie hatten sechs Monate lang fahrbare oder stationäre Maschinen zuhause, die sie unterstützten, mit ihnen Übungen machten und per Video mit Therapeuten verbinden konnten. Das Fazit: „Die Nachfrage ist groß, aber die Anbieter sind noch nicht so weit“, sagt Karsten Weber, Professor und Projektleiter. Die Akzeptanz der Probanden gegenüber der Technik habe Erwartungen teils übertroffen und auch ein konkreter pflegerischer Nutzen habe sich gezeigt, so Weber, „das Potenzial ist enorm“.
Krankenkassen in der Pflicht
Doch große Pflegedienstleister wie Allianz oder ADAC seien zögerlich und kleine Pflegedienste oft schon mit der Digitalisierung ihrer Verwaltung überfordert. Kassen zahlen außerdem nur, was im Pflegehilfsmittelkatalog enthalten ist und das sind solche Systeme kaum. Dafür müsste die Wirksamkeit noch deutlicher festgestellt werden.
Zumindest die Projektteilnehmer von DeinHaus 4.0 konnten den Nutzen aber selbst spüren. „Im Großen und Ganzen echt gut und interessant“, sagt Nhu Nguyen-Thien aus Regensburg. Nach seinem Schlaganfall und der darauffolgenden Reha in Nittenau habe er mit dem Roboter zuhause weiter Übungen machen und über den Bildschirm an Online-Therapiesitzungen teilnehmen können. „Ein ganz nettes Ding“ nennt er den Roboter, den er gerne noch einmal weiter testen würde, wie er sagt: „Ich hoffe, dass das Projekt irgendwie weitergeht.“ Auch die 36-jährige Stefanie Thaler, die nach einer Hirnblutung im Rollstuhl sitzt, kann sich vorstellen, dass solche Geräte in Zukunft weiter verbreitet sein könnten. Vor allem die Motivation beim Üben habe sie stark gespürt, auch wenn das Gerät selbst kein „Wow-Effekt“ war. Ein paar Teilnehmer hätten vielleicht „etwas so spektakuläres wie den Terminator erwartet“, sagt Karsten Weber lachend. Dennoch: Das Feedback sei positiv gewesen.
„Spätestens seit Corona ist die Pflege für so etwas recht offen“, sagt Birgit Renner von der Caritas in der Diözese Regensburg, die 9000 Pflegebedürftige in der Oberpfalz betreut, „wir stecken da in den Kinderschuhen, aber man merkt, dass etwas passiert.“ Jede technische Innovation, die den Pflegern helfen könne, sei gut. Egal ob in Form von Robotern oder einer digitalen Routenplanung mit automatischer Dokumentation. Denn der Personalmangel sei immer noch eine „absolute Katastrophe“, sagt Renner. „Da braucht man nichts schönreden, wir wissen nicht, wie wir die Leute versorgen sollen.“
Roboter gegen Einsamkeit
Vor der Zukunft solle man sich nicht verschließen. „Das ist ganz, ganz wichtig, aber man muss unheimlich aufpassen, den Menschen nicht aus dem Blick zu verlieren“, sagt Renner. Das findet auch Ralph Paloncy, Chefarzt an der Regensburger Rehaklinik ZAR. Dass Roboter einmal Verbände wechseln oder Muskelgruppen abtasten, davon sei man „noch himmelweit weg“, aber als persönliche Assistenten hätten sie Potenzial.
Er selbst nutzt mit seinen Patienten die Tele-Therapie-App „Casper“ in der Nachsorge. Vor allem für pflegebedürftige Senioren aber sieht er große Chancen, noch viel weiter zu gehen. „Solche Roboter in der Pflege könnten hier auch Einsamkeitsgefühle verringern. Natürlich wissen die Leute, dass es nur ein Computer ist, aber der Alltag ist oft so abgestumpft dass das trotzdem aktivieren kann“, sagt er.
Und tatsächlich: Dass so ein Roboter Spaß machen kann, berichtet auch Alfons Ettenguber aus dem Landkreis Kelheim, der bei DeinHaus 4.0 mitmachte. Er habe nicht nur gerne mit dem Gerät geübt, sondern es auch als Unterhaltung für Besucher und seinen siebenjährigen Enkel gesehen. „Dass ich das mal sage... Aber der Roboter fehlt mir sogar ein bisschen“, sagt Ettengruber, „da wo seine Ladestation gestanden ist, ist es jetzt leer.“
Über DeinHaus 4.0
Projekt: 2019 startete die Ostbayerische Technische Hochschule (OTH) das Projekt, an dem sieben Professoren und zehn Mitarbeiter beteiligt waren. Dabei entstanden zahlreiche Studien.
Gelder: Finanziert wurde dieser Praxistest von Telepräsenzrobotern mit Schlaganfall-Patienten vom Bayerischen Gesundheitsministerium und Eigenmitteln der OTH.