„Mensch bleiben“: Pflegekräfte aus der Region erzählen von ihrem Arbeitsalltag

Von Florentina Czerny, Sarah Woipich · 14. Oktober 2023 um 05:00

Seit 36 Jahren arbeitet Anja Neumeier aus Tittling bei Passau als Altenpflegerin. Ihr Job ist oft stressig und verbunden mit vielen Abschieden. Trotzdem könnte sie sich keinen schöneren Beruf vorstellen.

Anja Neumeier – feuerrote Haare, offenes Lächeln, sommerliches Jeanskleid – sitzt auf einer Holzbank und genießt die ersten Sonnenstrahlen des Tages. Da kommt ein älterer Mann vorbeispaziert. Anja Neumeier stellt ihn als Herr Bauer (Name von der Redaktion geändert) vor. Der Mann lächelt freundlich, sagt: „Haben wir uns nicht schon einmal gesehen?“ Anja Neumeier nickt und antwortet mit gleicher Freundlichkeit: „Ja, das kann durchaus sein!“

Tatsächlich haben die beiden sich schon ganz oft gesehen. Anja Neumeier arbeitet im Wohn- und Pflegezentrum St. Marien in Tittling (Lkr. Passau), Herr Bauer gehört zu den knapp 100 Bewohnern des Hauses. Die meisten von ihnen sind an Demenz erkrankt.

Arbeit mit Demenzkranken heißt „Nähe ohne Filter“

„Jeder Mensch hat im Laufe seines Lebens eine gewisse Mauer um sich aufgebaut – die kannst du da drin ganz schnell vergessen!“, lacht Anja Neumeier und deutet auf das Heimgebäude. Die Nähe, die man zu den Bewohnern aufbaut, findet sie, ist das Schöne an ihrem Beruf. „Man hat die Zeit, die Menschen ein Stück ihres Lebens zu begleiten.“ Mit Demenzkranken ist der Umgang besonders intensiv. „Nähe ohne Filter“ nennt es die 56-Jährige. „Die haben ganz feinfühlige Antennen und wissen immer sofort, ob jemand Kummer hat oder grantig ist.“

Sie wiederum merkt es auch recht schnell, wenn einer der Bewohner grantig ist. Dann gilt es, sich Zeit zu nehmen. „Die paar Minuten muss man haben. Dann setze ich mich daneben, schau ein bisschen in der Gegend rum und frag immer wieder vorsichtig nach. Irgendwann fangen sie dann an zu erzählen, was sie stört“, erzählt Anja Neumeier.

Die Menschen abholen, wo sie sind

Man müsse die Menschen immer da abholen, wo sie gerade sind. Wird sie zum Beispiel gefragt „Mama, muss ich schon ins Bett?“, dann sagt sie liebevoll: „Ja, morgen ist doch Schule.“ Einmal hat ihr eine Bewohnerin ein Papiertaschentuch gereicht – eine Million Euro, weil sich die Pflegerin immer so gut um sie kümmere. „Da hab ich dann gefragt, ob nicht noch ein bisschen Trinkgeld drin wär, und ein zweites Tempo bekommen“, sagt sie und lacht. „Für die Frau war der Gedanke, dass sie mir zwei Millionen Euro gegeben hat, real. Ein größeres Dankeschön gibt’s ja gar nicht!“

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Trotz allem Humor dürfe man aber niemals die Achtung vor den Pflegebedürftigen verlieren. Es gehe mehr darum, denjenigen in seiner Welt zu besuchen, nicht, sich über ihn lustig zu machen. „Diese Grenze darf man niemals überschreiten. Man muss immer auch Mensch bleiben.“

Manchmal ist das gar nicht so einfach, in stressigen Momenten etwa. Wenn mehrere Bewohner gleichzeitig Unterstützung brauchen und die Arbeit im Büro wartet. Dann hilft es Anja Neumeier, sich ein paar Minuten für sich zu nehmen. „Man muss immer auch auf sich selbst aufpassen.“

Der Tod ist kein Feind, sondern ein Freund

Die Pflegetätigkeiten, seien sie noch so intim, waren für Anja Neumeier nie ein Problem. Zu kämpfen hatte sie anfangs damit, Abschied zu nehmen, wenn Bewohner verstarben. Ein Fall hat sie nachhaltig geprägt. „Vor etwa 15 Jahren kam eine 60-jährige Frau mit Hirntumor zu uns. Ihr Sohn war Paraglider und hat immer zu ihr gesagt: ,Mama, wir zwei fliegen noch zusammen‘. Das hat sie leider nicht mehr geschafft. Kurz bevor sie gestorben ist, hat sie zu mir gesagt: ,Mädel, flieg du in deinem Leben‘. Den Satz habe ich mir bis heute hinter die Ohren geschrieben. Ich interpretiere ihn so: ,Mädel, leb dein Leben, sei dankbar für das, was du hast‘.“

Heute ist der Tod für die Altenpflegerin kein Feind mehr, sondern ein Freund, der von Zeit zu Zeit zu Besuch kommt – und manchmal für Erlösung sorgt.

Aufgewogen werden diese Augenblicke mit der Wertschätzung, die die Heimbewohner zurückgeben. „Wenn man es gut mit ihnen meint, wollen sie einem auch helfen“, erzählt Anja Neumeier. Gibt sie etwa Hilfestellung beim Kuchenessen, hört sie oft: „Nimm du auch eine Gabel, du brauchst ja auch was zu essen!“

Nach 36 Jahren als Altenpflegerin ist sich Anja Neumaier immer noch sicher, dass sie bei der Berufswahl die richtige Entscheidung getroffen hat. „Ich glaube, dass man auf der Welt ist, um etwas Sinnvolles zu tun. Und das was ich mache, hat Sinn.“

Tätigkeit mit großer Wirkung

Seit ihrer Kindheit war es der Wunsch von Nadja Penzkofer, einmal in einem sozialen Beruf zu arbeiten. Heute ist sie Stationsleiterin am Universitätsklinikum Regensburg.

„Zu wissen, dass ich anderen helfen konnte, das lässt mich nachts mit einem guten Gefühl einschlafen“, sagt Nadja Penzkofer. Seit acht Jahren arbeitet die 27-Jährige als examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin, zwei Jahre davon als pflegerische Leitung auf der kardiologischen Allgemeinstation am Uniklinikum Regensburg (UKR).

Schon als Kind habe sie den Wunsch gehabt, einmal in einem sozialen Beruf tätig zu sein. Als Jugendliche engagiert sie sich deshalb als Rettungssanitäterin und sammelt erste Erfahrungen im Gesundheitswesen. „Mir macht es einfach Spaß, unter Menschen zu sein, und in einem Pflegeberuf kann man schon mit Kleinigkeiten eine große Wirkung erzielen“, betont die gebürtige Schwandorferin, die heute in Regensburg lebt.

Auf einer kardiologischen Allgemeinstation kümmern sich Ärzte und Pfleger um Patienten, die an Herzerkrankungen leiden. Tagtäglich fallen so für Nadja Penzkofer und ihr Team auf der Station vielfältige Aufgaben an. „Wir besprechen mit den Ärzten die Diagnose der Patienten und die geplante Therapie, bereiten die Medikamente vor, und überprüfen mehrmals am Tag die Vitalwerte und die Mobilität der Patienten, überwachen diese am Monitor, begleiten bei der Visite und versorgen sie zum Beispiel bei der Grundpflege und führen Verbandswechsel durch“, erzählt die Krankenpflegerin. Hinzu komme die genaue Dokumentation ihrer Arbeit, die wichtig sei für die Kollegin oder den Kollegen, der nach ihrer Schicht übernimmt.

Empathie, Verantwortungsbewusstsein und Organisationstalent – das bräuchten alle, die in sozialen Berufen tätig sind. „Gerade Notfallsituationen, in denen man intensiv am Patient arbeitet, können sehr nervenaufreibend sein. Solche Zwischenfälle kommen natürlich vor, und man kann sie nicht planen“, erklärt Nadja Penzkofer. Zwar gebe es ihr Kraft, wenn ein Patient durch schnelles Eingreifen wieder gesund wird, doch nicht wenige Situationen nehme sie auch schon mal gewissermaßen mit nach Hause. „Abgrenzung zum Privatleben ist wichtig. Mir hilft es dann, in meiner Freizeit Sport zu treiben und Freunde zu treffen, um Energie für meine Arbeit zu tanken.“

Neben ihrem wichtigen Beitrag dazu, Menschen dabei zu helfen, nach Krankheit oder Unfall wieder gesund zu werden, schätzt Nadja Penzkofer vor allem die Zusammenarbeit im Team. „Auch sehr positiv sind die guten Weiterbildungsmöglichkeiten in noch jungen Jahren, es gibt viele fachspezifische Fortbildungen und auch ein Studium ist berufsbegleitend möglich“, erzählt die 27-Jährige, die als Stationsleiterin bereits viel Verantwortung für einen reibungslosen Ablauf in ihrem Team und auf der Station trägt.

Trotz Schichtdienst und stressigen Situationen – Nadja Penzkofer würde ihren Beruf weiterempfehlen: „Es ist viel Arbeit, aber es macht unfassbar viel Spaß. Und ich konnte mich in der Zeit persönlich sehr weiterentwickeln.“

Über Umweg zum Traumberuf

Eigentlich hat Carmen Deisenrieder Schneiderin gelernt, doch ihre berufliche Erfüllung fand die Ingolstädterin erst in ihrer Arbeit als Pflegefachfrau auf der Intensivstation.

Obwohl ihm beide Beine amputiert wurden, lernte der Patient, den sie behandelte, wieder zu gehen. Den Mann später wieder zu treffen und zu sehen, was er aus seinem Schicksal gemacht hat, das sei für Carmen Deisenrieder der bislang schönste Moment in ihrem Berufsleben gewesen. Als Pflegefachfrau für Anästhesie und Intensivmedizin arbeitet die 43-Jährige am Klinikum Ingolstadt auf der internistischen Intensivstation. „In der Intensivpflege betreue ich nur zwei bis drei Patienten am Tag. Das bedeutet einen sehr intensiven Kontakt, und wir sind auch medizinisch sehr involviert“, erzählt die Ingolstädterin. Und genau diese intensive Arbeit sei auch der Grund gewesen, weshalb sie sich für den sozialen Beruf entschieden hat, zu dem sie aber erst durch einen kleinen Umweg gekommen ist.

„Eigentlich habe ich Schneiderin gelernt, aber schon in der Ausbildung gemerkt, dass das nicht das Richtige war“, sagt die 43-Jährige. Bei einem freiwilligen sozialen Jahr dann habe sie erste Erfahrungen in ihrem späteren Berufsfeld machen können und schließlich eine Ausbildung am Klinikum Ingolstadt gemacht.

Als Gruppenleiterin arbeitet Carmen Deisenrieder im Schichtdienst. Doch anders als viele vielleicht denken mögen, sieht die Krankenpflegerin dieses Arbeitsmodell nicht als Nachteil, ganz im Gegenteil: „Nach über zwei Jahrzehnten im Drei-Schicht-System sehe ich viele Vorteile, zum Beispiel, dass ich unter der Woche auch frei haben kann. Damit bin ich privat flexibler.“

Durch die wachsende Fluktuation in den Pflegeberufen müsse auch sie sich häufig auf Personalwechsel im Team einstellen. Eine weitere Herausforderung seien neue Geräte und neue Technik auf ihrer Station. „In der Intensivmedizin sind wir sehr nahe am medizinischen Fortschritt , an der Entwicklung unseres Faches, das finde ich aber auch sehr interessant“, betont die Ingolstädterin.

Um sich von Stresssituationen im Berufsalltag, in denen ihr ihre ausgeglichene Art weiterhilft, erholen zu können, verbringt die Pflegefachfrau neben der Familie auch viel Zeit mir ihren Tieren.

„Bei uns ist man nie alleine, das hat mir in meinem ersten Beruf schon sehr gefehlt“, betont die Pflegefachfrau und fügt hinzu: „Man sollte ein Teamplayer sein, denn Pflege bedeutet Teamarbeit. Gleichzeitig heißt das, du bist nicht allein, hast immer Menschen um dich und spürst einen großen Zusammenhalt.“

Sich um Menschen zu kümmern, die auf fremde Hilfe angewiesen sind, erfordere auch Belastbarkeit, sowohl physische, als auch psychische. Und dennoch, tauschen würde die 43-Jährige ihre Arbeit nicht mehr, denn auch mit so mancher Herausforderung im Berufsalltag kann sie sich einer Sache sicher sein: „Meine Arbeit ist alles andere als stupide, ich muss aufmerksam sein und auf die Patientinnen und Patienten eingehen. Und wenn ich nach Hause gehe, geht es ihnen besser.“

Manchmal nervenaufreibend, aber in jedem Fall erfüllend: So empfindet Krankenpflegerin Nadja Penzkofer ihren abwechslungsreichen Arbeitsalltag am Universitätsklinikum Regensburg. − Foto: UKR
„Ohne die Arbeit der Intensivpflege hätten nicht so viele schwer Erkrankte die Pandemie überlebt“, ist Carmen Deisenrieder überzeugt. Sie arbeitet auf der Intensivstation am Klinikum Ingolstadt. − Foto: Klinikum Ingolstadt