Schaeffler erhöht Angebot für Vitesco: In Regensburg ist man weiter unzufrieden

Im Ringen um die Gunst der Vitesco-Aktionäre will der Auto- und Industriezulieferer Schaeffler nun doch nachgeben und seine Offerte erhöhen. Der Konzern aus Herzogenaurach (Lkr. Erlangen-Höchstadt) bietet nun 94 Euro je Aktie des Regensburger Antriebsspezialisten, teilten die beiden Unternehmen gestern jeweils mit. Aus Sicht von Vitesco ist das aber immer noch zu wenig.
Zuvor lag das Angebot bei 91 Euro je Papier. Bedeutende Vitesco-Investoren hatten sich allerdings in den vergangenen Wochen öffentlich über ein ihrer Meinung nach zu niedriges Angebot beklagt und mehr gefordert. Auch Vitesco-Chef Andreas Wolf hielt das alte Angebot für zu niedrig.
Vorstand und Aufsichtsrat von Vitesco nennen Angebot „nicht angemessen“
Und was ist mit dem neuen Preis? Vorstand und Aufsichtsrat hätten die „Angemesssenheit der angebotenen Gegenleistung sorgfältig und intensiv analysiert und bewertet“, heißt es in der Mitteilung des Regensburger Unternehmens. Das Ergebnis fällt deutlich aus: Auch der erhöhte Angebotspreis sei „nicht angemessen“. Welchen Preis die Verantwortlichen für gerechtfertigt gehalten hätten, ist unklar. Das sei nicht Teil der Stellungnahme der Gremien zu dem Erwerbsangebot gewesen, teilt Vitesco dazu auf Anfrage mit.
Tatsächlich war zunächst nicht abzusehen, dass Schaeffler überhaupt einlenkt und das Angebot aufstockt. Noch Mitte November hatte sich der fränkische Konzern gegen eine Erhöhung gesträubt: Vorstandschef Klaus Rosenfeld hatte angedeutet, keine Notwendigkeit für Änderungen zu sehen. Denn früheren Angaben zufolge hält die Industriellenfamilie Schaeffler über ihre Beteiligungsfirmen ohnehin bereits knapp die Hälfte an Vitesco und hat sich weitere Anteile in Höhe von rund neun Prozent gesichert.
Fusioniertes Unternehmen bekommt schlichten Namen: Schaeffler AG
Die beiden Unternehmen gaben gestern auch erste Details dazu bekannt, wie es mit Vitesco nach einer Übernahme weitergeht – geregelt in einem sogenannten „Business Combination Agreement“, also einer Vereinbarung zur Firmenzusammenführung. Darin steht unter anderem, wie das fusionierte Unternehmen künftig heißen soll: Schaeffler AG.
Der Name Vitesco wäre dann Geschichte. Die Kompetenzen der Regensburger Firma sollen im Geschäftsbereich E-Mobility Eingang finden. Hier soll dann auch ein Regensburger an der Spitze stehen: Geplant ist, dass Thomas Stierle bei Schaeffler Teil des Vorstands wird und die Sparte Elektromobilität verantwortet. Er sitzt seit Herbst 2021 im Vitesco-Vorstand und leitet beim Antriebsspezialisten den Geschäftsbereich „Electrification Solutions“, also Elektrifizierungs-Lösungen.
Geführt werden soll das Unternehmen von Herzogenaurach aus. Was das für den Standort Regensburg mit seinen rund 3300 Mitarbeitern bedeutet, ist bislang unklar. Auch eine entsprechende Anfrage bei Vitesco brachte hier gestern wenig Licht ins Dunkel. Man begrüße aber, dass Schaeffler beabsichtige, Synergien nicht durch Standortschließungen oder den Abbau von Arbeitsplätzen zu erreichen, so eine Vitesco-Sprecherin. Schaeffler teilte mit, man sei sich der Bedeutung der Vitesco-Standorte, insbesondere Regensburg, bewusst.
Regensburger IG-Metall-Chef Rico Irmischer: Gewerkschaft schaut genau hin
Zumindest in der Produktion sei „wahrscheinlich nichts zu befürchten“, sagte auch der Regensburger IG-Metall-Chef Rico Irmischer. Er fordert, dass im Falle einer Übernahme, die Vitesco-Angestellten zu den gleichen Konditionen weiterbeschäftigt werden. Das Regensburger Unternehmen teilte dazu mit, dass die Beschäftigungsbedingungen der Mitarbeiter im kombinierten Unternehmen unverändert bleiben würden. Man werde das genau beobachten, so Irmischer.
Insgesamt sieht die IG Metall die mögliche Fusion aber gelassen: „Beide Unternehmen passen technologisch sehr gut zusammen“, sagte Irmischer. Das ist auch der Grund, warum sich der fränkische Konzern für die Oberpfälzer Firma interessiert: „Wir sind bei Schaeffler fest davon überzeugt, dass sich beide Unternehmen auf ideale Weise ergänzen und so gemeinsam stärker sein werden“, wird Schaeffler-Chef Rosenfeld zitiert. Schaeffler geht davon aus, dass das gemeinsame Unternehmen mit einem Jahresumsatz von rund 25 Milliarden Euro eine der führenden Firmen für Antriebe von Fahrzeugen und Industrieanlagen weltweit werden wird.
Vitesco und Schaeffler: Wann kommt es zur Verschmelzung?
Um die Zusammenführung möglichst strukturiert durchzuführen, wurde ein Integrationskomitee ins Leben gerufen, das im Dezember erstmals tagen soll. In dem sechsköpfigen Gremium sitzen laut Vitesco die Vorstandsvorsitzenden sowie die Finanz- und Personalvorstände der beiden Unternehmen. Bis Mitte 2024 will das Komitee einen Geschäftsplan für das kombinierte Unternehmen erarbeiten.
Die Vitesco-Aktionäre haben indes noch bis Mitte Dezember Zeit, um das Erwerbsangebot anzunehmen. Außerdem besteht die Möglichkeit, die Papiere an der Börse zu verkaufen. Gestern lag die Aktie am Nachmittag allerdings bei etwa 93,50 Euro und damit unter den von Schaeffler angebotenen 94 Euro. Wer seine Anteile behält, bekommt – wenn es so weit ist – Aktien des fusionierten Unternehmens. Endgültig unter Dach und Fach ist die Verschmelzung aber erst im Frühjahr. Für den 24. April ist die Hauptversammlung von Vitesco geplant, bei der über das Zusammengehen abgestimmt wird. Schaeffler hat wohl Zugriff auf die notwendigen 75 Prozent. Im vierten Quartal 2024 könnte dann das gemeinsame Unternehmen entstehen.
