Inderin und Amerikanerin bei Vitesco: Wie ausländische Talente Regensburg bereichern

Von Franziska Mahler · 18. November 2023 um 18:53

In Deutschland fehlen Fachkräfte – und Nachwuchs. Deshalb braucht es Talente aus dem Ausland. Darüber wurde in Regensburg diskutiert. Eine Inderin und eine Amerikanerin erzählen, warum sie sich für das Regensburger Unternehmen Vitesco entschieden haben.

Diana Gonzalez krempelt ihre Hose hoch. Zum Vorschein kommen schwarz-gelbe Socken mit der Aufschrift „Vitesco“. Das Publikum im Regensburger Kreativzentrum Degginger lacht. Gonzalez ist gebürtige Mexikanerin, aufgewachsen in Texas, USA. Die Vitesco-Socken trägt sie nun voller Stolz und einem Augenzwinkern, weil der Regensburger Automobilzulieferer die Chance hinter der Zuwanderung von qualifizierten Fachkräften verstanden hat.

Über die Relevanz dieses Themas sprach der Wirtschaftsreferent Georg Stephan Barfuß mit Gonzalez und ihrer Kollegin Neelima Raj Sharma aus Indien im Rahmen des Regensburger Zukunftsdialogs – dieses Mal auf Englisch. Der Hintergrund: In Deutschland fehlen Fachkräfte – und Nachwuchs. Es brauche Talente aus dem Ausland, so Barfuß.

Es gibt noch Luft nach oben

Deutschland belegt bei der Talentattraktivität laut einer OECD-Studie (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) nur den 13. Platz, so Barfuß. Damit liege man deutlich hinter Ländern wie den USA, der Schweiz und Neuseeland. Gonzalez und Raj Sharma berichteten, warum sie sich für Regensburg entschieden haben und wie sie die Stadt und ihre Integrationsfähigkeit wahrnehmen. Klar wurde: Es ist noch Luft nach oben.

Beide Frauen sind seit mehr als einem Jahr in Regensburg. Bei Vitesco besetzen sie hochrangige Positionen. Gonzales wollte raus aus ihrer Komfortzone, sagte sie. Ihr ursprünglicher Plan war, nach Asien zu gehen. Aber auch Deutschland stand auf ihrer Wunschliste. Wegen der Corona-Pandemie rutschte Deutschland schließlich auf Platz eins. Raj Sharma hatte schon zuvor für eine deutsche Firma gearbeitet.

Einig waren sich die beiden darin, dass in Deutschland die Rahmenbedingungen für Arbeitnehmer stimmen: Arbeitszeit, Krankheit, Schwangerschaft – all das sei fair geregelt im Vergleich zu anderen Ländern.

Unternehmen können wesentlich zur Integration beitragen

In den USA hätte man beispielsweise viel weniger Anspruch auf Urlaub. Und wird man krank, so müsse man sogar einen Urlaubstag opfern, so Raj Sharma. Aber nicht nur die Arbeit ist entscheidend, auch die Integration spielt eine entscheidende Rolle, damit sich Fachkräfte für Deutschland entscheiden. Dazu beitragen können die Unternehmen wesentlich selbst: Deutschkurse, Hilfe bei der Wohnungssuche, Erklärung und Übersetzung von Dokumenten, eine Liste von englischsprachigen Ärzten.

Bei Gonzalez und Raj Sharma hat das meiste gut funktioniert. Schwierigkeiten hatten sie unter anderem bei Behörden: lange Wartezeiten, kaum jemand vor Ort, der Englisch spricht. Aber auch hier spielt der Fachkräftemangel eine Rolle.

Bevor die Frauen nach Deutschland kamen, hatten sie Klischees im Kopf – manche bewahrheiteten sich. „Drei Minuten zu spät im Meeting und du wirst komisch angeschaut“, sagt Gonzalez und lacht. Raj Sharma wurde aber überrascht: Viele erzählten ihr, dass die Deutschen reserviert und kühl seien. Bei ihrer Ankunft sei ihr aber enorme Gastfreundlichkeit entgegengebracht worden.

Deutsche sollten sich auf neue Kulturen einlassen

Verbesserungspotenzial sehen sie im gesellschaftlichen Umgang mit Migranten. Die Offenheit für andere Kulturen fehle teilweise, sagten die Frauen. Als Gonzalez gerade einmal ein paar Wochen hier war und im Supermarkt einkaufte, sprach eine Kassiererin sie an. Als sie entgegnete, dass sie nur Englisch spreche, sagte die Frau: „Du lebst hier und sprichst kein deutsch? Was machst du dann hier?“. Raj Sharma berichtete, dass ihr Nachname bei der Wohnungssuche im Wege stehe.

Ein Grund hierfür: Viele Deutsche stehen der derzeitigen Migrationspolitik negativ gegenüber, was unter anderem eine Erhebung des Insa-Instituts zeigt. Doch Barfuß betonte, dass man hierbei klar zwischen Migrationsgründen unterscheiden müsse. Die Zuwanderung von qualifizierten Fachkräften sei unabdingbar. „Die Deutschen müssen das erkennen“, sagte er.

Konzept eignet sich für jede Firma

Um die Brisanz des Themas zu unterstreichen zitierte er aus dem Buch „Die große Arbeiterlosigkeit“ von Sebastian Dettmers: Der Fachkräftemangel sei derzeit neben dem Klimawandel die größte Gefahr für Wohlstand und auch die Demokratie in Deutschland.

Das Konzept sei definitiv nicht nur etwas für große Unternehmen. Mit dem richtigen Gesamtpaket könne jede Firma von qualifizierten Mitarbeitern wie Gonzalez und Raj Sharma profitieren.