Brandbrief eines Schulleiters: Zu viele Schüler können kein Deutsch – Aufnahmestopp!

Zu viele Auszubildende können kein Deutsch, Lehrer sind Mangelware und die Klassenräume gehen aus: Der Schulleiter der Berufsschule II an der Kerschensteiner schickt einen Brandbrief an die Gastro- und Hotelbetriebe. Unternehmer sind entsetzt.
Ein Aufnahmestopp in einer Schule: So etwas erschien bisher unmöglich. Schließlich gilt in Deutschland seit 1919 die allgemeine Schulpflicht. Laut bayerischem Kultusministerium umfasst sie neun Jahre Vollzeitschul- sowie weitere drei Jahre Berufsschulpflicht. Doch genau die ist in Regensburg nicht mehr gewährleistet. Der Leiter der städtischen Berufsschule II teilte den Ausbildungsbetrieben in der Gastronomie und Hotellerie kürzlich mit, dass eine Beschulung neuer Auszubildender derzeit nicht möglich ist.
„Wir beobachten weiterhin einen starken Anstieg an Auszubildenden in den 10. Klassen. Es wird versucht, den Fachkräftemangel in der Gastronomie mit neuen Auszubildenden, die in großem Ausmaß aus dem asiatischen Raum kommen, auszugleichen“, schrieb der Schulleiter der Städtischen Berufsschule II, Alfons Koller. Häufig mangle es an der sprachlichen Kompetenz, so Koller weiter. Und: „Wir haben an der Schule unsere Kapazitäten bereits ausgereizt.“ Schon im vergangenen Schuljahr habe man vor der Situation gewarnt, doch verbessert habe sie sich nicht. „Die Folge sind überfüllte und extreme inhomogene Klassen.“ Insgesamt fast 250 neue Auszubildende in acht 10. Klassen müsse man nun beschulen.
Der Schulleiter wird deutlich: „Wir schauen mit bangen Blicken Richtung Zukunft und Abschlussprüfung“, heißt es in dem Schreiben an die Betriebe. Und weiter: „Wie viele Auszubildenden kann ein Betrieb gemeinsam mit der Berufsschule zum Gesellenbrief bringen?“
Kräfte aus Asien geholt
Anton Sperger, Sprecher der Regensburger Wirte im Hotel- und Gaststättenverband Dehoga, gibt zu bedenken: „Angesichts der Schulpflicht geht das nicht so einfach, wie es hier angekündigt wurde.“ Sperger, der selbst mit dem Spitalgarten einen großen Ausbildungsbetrieb leitet, hat aber auch Verständnis für den Schulleiter: „Die Klassen sind halt nunmal voll.“ Derzeit würden viele Auszubildende aus dem Ausland kommen, da die Gastro- und Hotelbetriebe den Bedarf nicht mehr mit deutschen oder deutschsprachigen Arbeitnehmern decken können.
Das sagt auch Muk Röhrl, Wirt in Eilsbrunn. „Das ist schon eine Situation, die ich schwierig finde“, sagt Röhrl. Man habe sich über den Dehoga an das Kultusministerium gewandt, um abzufragen, ob das überhaupt rechtens sei, Auszubildende nicht zu beschulen. „Da muss sich doch jemand darum kümmern, dass man neue Klassenräume schafft und Lehrer einstellt“, sagt Röhrl. Der Wirt sagt, dass die Politik den Arbeitsmarkt für ausländische Kräfte auch aufgrund der Appelle seiner Branche schnell geöffnet hat, „die Berufsschulen mit diesem Tempo aber nicht mitkommen“.
In den Vorstellungsgesprächen, die in der Regel online stattfinden würden, wirken die Sprachkenntnisse der Auszubildenden noch stabil. „Doch in der Praxis wird häufig schnell klar, dass sie nicht dem geforderten Niveau von B1 entsprechen.“ Laut dem Goethe-Institut muss ein Absolvent der B1-Sprachprüfung „die Hauptinformationen verstehen können, wenn klare Standardsprache verwendet wird und wenn es um vertraute Dinge aus alltäglichen Bereichen wie Arbeit, Schule oder Freizeit geht“.
Probleme sehen auch Hoteliers. Kathrin Fuchshuber, Betreiberin des Münchner Hofs, sagt, die Kurzfristigkeit sei das Problem: „Die Schule konnte sich nicht genügend auf den Ansturm vorbereiten, zwei Wochen vor Ausbildungsstart wurden noch 60 Azubis aus Vietnam gemeldet.“
Eine Auszubildende äußert gegenüber der MZ: „Meine Ängste sind, dass wir nicht den ganzen Stoff rechtzeitig für die Abschlussprüfungen im Unterricht gelehrt bekommen.“ Das Niveau sei niedriger, weil die Klassen überfüllt sind und immer weniger Mitschüler Deutsch sprechen würden. Ihr drohe damit ein schlechterer Abschluss, was Auswirkungen auf künftige Anstellungen haben könnte.
Einerseits ist die Anwerbung von zumeist vietnamesischen Arbeitnehmern zwar ein Erfolg. Doch so mancher Regensburger Gastronom bekommt es dabei auch mit der Bürokratie zu tun. Ein Azubi wechselte nämlich von Feinkost Käfer in München in ein Cafe in Regensburg. „Weil ich ein Feld falsch ausgefüllt habe, hieß es plötzlich: Der arbeitet schwarz. Er musste drei Wochen zuhause bleiben“, sagt der Betreiber.
Der Brief des Schulleiters schließt übrigens mit einer Aufforderung an die Betriebe, die Azubis doch selbst zu beschulen: „Wir informieren Sie dann, sobald eine Beschulung möglich ist.“ Und weiter: „Der Schüler muss in dieser Zeit im Sinne der dualen Ausbildung von Ihnen alleine auf die einzelnen Ziele des Rahmenlehrplans vorbereitet werden.“
„Respekt vor Lehrberuf“
Wirt Röhrl sagt, dass das kaum möglich ist. „Wir haben das versucht während der Pandemie, seither habe ich größten Respekt vor dem Lehrerberuf.“ Ein Wirt könne das nicht leisten. „Das, was in den Prüfungen verlangt wird, lernt man zu einem gewissen Teil in der Berufsschule und nicht im Betrieb“, schließt Röhrl.
Das sagt die Stadt zur Situation
Ursachen: Eine wesentliche Ursache liegt in einer Rekrutierungskampagne um Auszubildende aus dem Ausland durch die Interessensverbände, die zu einem sprunghaften Anstieg der Auszubildendenzahlen geführt hat, sagt die Stadt. Die maximale Klassenstärke liegt bei 31 Schülern. Ab 32 dürfte eine neue Klasse aufgemacht werden, aber dafür sind aktuell nicht genügend Lehrkräfte da.
Schulpflicht: Die Stadt sagt, die duale Ausbildung ruhe auf zwei Schultern. Deshalb sei der Schulpflicht auch Genüge getan, wenn die Ausbildung allein von den Betrieben übernommen wird. Die Berufsschulpflicht verlängert sich durch die Wartezeit nicht. Man wolle neue Berufsschullehrer einstellen, aber: „Der Stellenmarkt für Berufsschullehrer ist momentan äußerst angespannt.“