Mehr sexuelle Belästigungen: Wie sicher sind Frauen in Regensburg?

In den vergangenen Monaten gab es eine Reihe von Übergriffen. Am 12. November fasste ein Unbekannter einer 32-Jährigen vor der Regensburger Disco Gatsby unter die Kleidung. In der Nacht zum 28. Oktober begrapschten, küssten und schlugen vier Männer drei Frauen, die auf den Bus warteten. Das sagt die Polizei zur Sicherheitslage.
Mit 16 ist die junge Frau auf einer Bank in der Albertstraße von einem 23-Jährigen vergewaltigt worden. Zwei Jahre versuchte das Mädchen, das Trauma alleine zu bewältigen. Sie verletzte sich selbst, ging in Therapie. Bis heute quält sie die Erinnerung.
Hermann Gammer vom Weißen Ring in Regensburg erlebt immer wieder, dass Vergewaltigungsopfer nur sehr schwer in ihren früheren Alltag zurückfinden. Er berät eine Mutter, deren 14-jährige Tochter auf dem Heimweg missbraucht wurde. „So ein Vorfall greift tief in die Seele ein“, sagt er. „Wenn das Mädchen zur Tür rausgeht, schaut sie sich um. Sie hat Angst.“
Kritik an Bewährungsstrafe
Ist der öffentliche Raum in Regensburg und dem Umland unsicherer geworden für Frauen? In den letzten Wochen und Monaten gab es eine ganze Reihe von Übergriffen. Am frühen Morgen des Sonntag, 12. November, fasste ein Unbekannter einer 32-Jährigen vor der Disco Gatsby unter die Kleidung und berührte sie im Intimbereich. Als sich die Frau wehrte, lief er davon. In der Nacht zum Samstag, 28. Oktober, warteten drei Frauen in der Landshuter Straße auf den Bus. Vier Männer tauchten auf, begrapschten, küssten und schlugen sie. Auch diese Frauen wehrten sich, die Täter flüchteten. Zwei davon nahm die Polizei fest.
Auch Gerichte haben sich mit Fällen beschäftigt, die die Stadt in Atem hielten. Die Bewährungsstrafe für einen Mehrfachtäter stieß auf heftige Kritik. Den Vergewaltiger vom Donaupark dagegen verurteilte das Landgericht am 10. November zu einer neunjährigen Haftstrafe. Er musste wegen schwerer Vergewaltigung, besonders schwerem sexuellem Übergriff und sexueller Nötigung ins Gefängnis.
Ende Juli verurteilte das Amtsgericht Regensburg einen 23-jährigen Afghanen, der fünf junge Frauen attackiert hatte, zu einer Bewährungsstrafe. Der Mann hatte die 16-Jährige vergewaltigt. Ein anderes Opfer missbrauchte er an einer Unterführung in der Landshuter Straße. Als Auflagen wurden Trainings zur Alkohol-Selbstkontrolle und ein Anti-Gewalttraining angeordnet.
Deutliche Steigerung seit 2019
„Für 2023 zeichnet sich eine Zunahme der sexuellen Belästigungen ab“, sagt Markus Reitmeier von der Polizeiinspektion Süd, die für die Innenstadt und den Stadtsüden zuständig ist. „Für die übrigen Sexualdelikte liegen die Zahlen derzeit in etwa auf dem Niveau des Vorjahreszeitraums.“ Heuer wurden allein auf der Maidult drei Frauen unsittlich berührt. Bei der Herbstdult begrapschte ein Mann eine Besucherin vom Nachbartisch.
2022 wurden im Dienstbereich der PI Süd 57 Frauen im öffentlichen Raum Opfer von Sexualdelikten. Den größten Anteil bildeten mit 20 Fällen exhibitionistische Handlungen, gefolgt von 16 sexuellen Belästigungen. Elf Frauen wurden vergewaltigt.
In ganz Regensburg registrierte die Polizei 2022 167 Delikte gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Eine deutliche Steigerung: Im Vor-Corona-Jahr 2019 waren es 113 gewesen, 2021 dann 153.
An den Frauennotruf wenden sich Regensburgerinnen, die Hilfe brauchen. Im Vorjahr hat das Team 266 Personen beraten. Zwei Drittel waren Betroffene. „100-prozentige Sicherheit für Frauen und Mädchen gibt es nicht“, sagt Leiterin Petra Siegrün. In der Familie und in Beziehungen komme es jedoch häufiger zu sexueller Gewalt als in der Öffentlichkeit. „Bei uns machen die größte Gruppe Frauen aus, die einen Übergriff von einem ihnen bekannten Mann erlebt haben, am häufigsten in der Partnerschaft.“ Ein Beispiel sei Vergewaltigung in der Ehe.
Weißer Ring vermutet hohe Dunkelziffer bei K.o.-Tropfen
Junge Frauen, die Erfahrungen mit Anmache oder sexueller Belästigung beim Feiern gemacht haben, wollen vom Notruf wissen, wie sie sich schützen können. Oft sind K.-o.-Tropfen ein Thema. Disco-Besucherinnen wollen ihr Getränk nicht unbeaufsichtigt stehen lassen, weil sie befürchten, dass die farb- und geschmacklose Droge hineingegeben wird. „Gut, dass das in der Öffentlichkeit angekommen ist“, findet die Pädagogin Siegrün. Die Zahl der angezeigten Delikte im Zusammenhang mit K.-o.-Tropfen lag in der Stadt Regensburg 2022 im niedrigen einstelligen Bereich. Der Weiße Ring, der Kriminalitätsopfer unterstützt, spricht aber von einer hohen Dunkelziffer. K.-o.-Tropfen sind nur sechs bis zwölf Stunden im Urin und Blut nachweisbar. Für eine strafrechtliche Verfolgung des Täters müssen die Frauen rasch handeln. Weil sie sich schämen, geschieht das oft nicht.
Zwei Täter noch unbekannt
Siegrün ärgert sich, dass der Gesetzgeber nicht reagiert und die Hersteller zwingt, die K.-o.-Tropfen (Gamma-Hydroxybuttersäure) mit einem auffälligen Geschmack zu versetzen.
In Zusammenhang mit den Übergriffen mehrerer Männer auf drei Frauen in der Landshuter Straße sind nach wie vor nur zwei der Tatverdächtigen bekannt. „Ermittlungen zu den weiteren Tätern dauern an“, sagt PI-Sprecher Markus Reitmeier. Es geht um sexuelle Belästigung und gefährliche Körperverletzung. In Sachen Gatsby ist die Kripo nicht weitergekommen. Es gibt noch keinen Tatverdächtigen. Die Polizei bittet Zeugen, sich zu melden.
Im Fall des 23-Jährigen, der wegen Übergriffen auf fünf Frauen verurteilt wurde, berichtet ein Bewährungshelfer dem Amtsgericht, ob er die Auflagen erfüllt. Bei Verstößen kann sich die Bewährung in Haft verwandeln.
Finanzielle Hilfe
Weißer Ring: Die Organisation gewährt Opfern von sexueller Gewalt finanzielle Unterstützung, mit der eine erste Beratung bei einem Rechtsanwalt oder einer Psychotherapeutin finanziert werden kann. Kontakt: 0151/55164641
Polizei: Frauen sollten nachts zu zweit oder in der Gruppe nach Hause gehen – oder ein Taxi rufen. Den Handy-Notruf sollten sie griffbereit haben. Akustische Alarmgeber können sinnvoll sein.
