„The Walk“: Adam Fried erkundet Regensburgs Nazi-Vergangenheit in preisgekrönter Doku

Von Benedikt Baumgartner · 19. November 2023 um 05:00

Ein paar Monate konnte Adam Fried die Schönheit Regensburgs genießen. Unvoreingenommen. Bis er mit seiner damaligen Frau durch Stadtamhof spazierte, sie auf das Colosseum deutete und anmerkte: „Oh, das war übrigens mal ein Konzentrationslager.“ Fried ist fassungslos, er beginnt zu recherchieren über das KZ-Außenlager, will alles über die Geschichte Regensburgs in der NS-Zeit wissen. Das Ergebnis verarbeitet er nun in seinem preisgekrönten Kurzfilm „The Walk“.

Adam Fried beleuchtet in seinem Kurzfilm den Holocaust in Regensburg. Der Amerikaner mit jüdischen Wurzeln hat einen Film über das Colosseum in Regensburg gedreht. In „The Walk“ beschreibt er seinen morgendlichen Spaziergang durch die Stadt, der ihn auf NS-Spuren führt.

Fried nimmt die Mittelbayerische Zeitung mit auf einen Spaziergang durch sein Regensburg. Vom Arnulfsplatz tritt Fried in die Ludwigstraße. Links zerstörte Geschäfte von Juden in der Reichskristallnacht, rechts Stolpersteine – „I can’t forget that, I can’t unsee that“, sagt Fried, er kann nicht vergessen, nicht ungesehen machen, was er über die Geschichte der Häuser und Orte der Altstadt erfahren hat.

Fried ist vor gut fünf Jahren aus den USA nach Regensburg gezogen. Seine von hier stammende Frau und er erwarteten ein Kind, es soll in ihrer Heimat zur Welt kommen. Die Ehe zerbricht, doch Fried will ein Vater sein, will präsent sein. Mit seinem Hund Hamilton spaziert er jeden Morgen durch die Gassen. Durch seine Tochter ist er an Regensburg gebunden – doch kann er hier auch glücklich leben, mit der Stadt als täglicher Erinnerung an die Gräuel des Nationalsozialismus? „Was ich hier gesehen und gelernt habe, muss ich in meinem Kopf in Einklang bringen“, sagt er nach kurzem Überlegen. „Ja, ich lebe gerne hier. Die Menschen, die ich hier treffe, die haben das nicht verbrochen.“

Er will Austausch anstoßen

Er will nicht anklagen mit seiner Dokumentation, er will ein Gespräch anstoßen. Und Wissen vermitteln. „In den Vereinigten Staaten weiß niemand um KZ-Außenlager, niemand weiß um Stolpersteine“, sagt der 53-Jährige. Die Einzelschicksale sind auch den meisten Regensburgern unbekannt.

Für zwei Stolpersteine macht Fried einen Abstecher in die Gasse Am Römling. Zwischen seinem Lieblingswein- und -käseladen und der Kneipe eines Freundes sind hier die Gedenksteine von Berta und Edith Schild eingesetzt, Mutter und 14-jährige Tochter. Kein Vater, das macht Fried stutzig. Er forscht nach. Berthold war Metzger, sein Laden wurde in der Pogromnacht zerstört und er ins KZ Dachau transportiert. Gegen den Verkauf seines Geschäfts ließen sie ihn frei. Er emigrierte nach New York, um ein neues Leben für seine Familie vorzubereiten, als der Krieg ausbrach. Frau und Tochter konnte er nie nachholen, sie starben im KZ Piaski. Geschichten wie diese erzählt Fried. Er haucht den Stolpersteinen Leben ein.

Hitler wurde am Alten Rathaus zugejubelt

Über den Haidplatz läuft Fried weiter zum Alten Rathaus. Wo Regensburger an eine standesamtliche Hochzeiten oder den Immerwährenden Reichstag denken, sagt Fried: „Hier fuhr Hitler in einer Parade entlang. Das sehe ich hier.“ In seiner Dokumentation schneidet der Regisseur und Produzent aktuelle Aufnahmen der Stadt gegen historische Bilder. Unter einem Erker am Alten Rathaus zeigt Fried auf einen Grabstein vom alten jüdischen Friedhof, der hier verbaut wurde. Er verweist in hebräischen Schriftzeichen auf eine beerdigte Ehefrau.

Am Denkmal für die mittelalterliche Synagoge am Neupfarrplatz spielen Kinder. „Das gefällt mir“, sagt Fried. Er springt selbst oft mit seiner Tochter über die Steine. „Disgusting“, ekelhaft, sei es aber, wenn die Gedenkstätte beschmiert wird. Als Fried zum ersten Mal einen Polizisten die jetzige Synagoge bewachen sieht, ist er schockiert, dass so etwas nötig ist. „Ich fühle mich als Jude in Deutschland sicherer als in den USA“, sagt Fried. 1970 ist er in Chicago geboren, 25 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Viele amerikanische Juden würden bis heute niemals erwägen, nach Deutschland zu reisen, erzählt Fried.

Gräuel unter der Oberfläche

Mittlerweile macht er seine Wege durch die Altstadtgassen allein, Hamilton ist im September gestorben. Vorbei am früheren Wohnhaus von Oskar Schindler spaziert er zur Steinernen Brücke. Auch an Regensburgs Wahrzeichen sieht Fried die Geister der Vergangenheit. Und hört sie. 400 Gefangene des KZ-Außenlagers Colosseum, die in hölzernen Schuhen über die Steinerne Brücke marschieren. Wie muss das geklungen haben? Was haben die Anwohner gedacht? Diese Fragen treiben Fried um, auf dem Weg zum mittwöchlichen Markt in Stadtamhof.

Während Menschen mit vollgepackten Beuteln an ihm vorbeimarschieren, blickt Fried auf den Colosseum-Schriftzug. Seine Ex-Frau hat als Studentin in dem Haus gewohnt, wo 1945 über 400 KZ-Häftlinge eingepfercht waren. „Nie vergessen, nie wieder“, mit diesen Worten endet „The Walk“. In Zeiten der Hamas-Attacke auf Israel und der neuerlichen Eskalation des Nahostkonflikts sei diese Botschaft besonders drängend, sagt Fried. Er steht an den Informationstafeln zum Colosseum. Dutzende rote Häuschen markieren die Außenlager des KZ Flossenbürg. Hier, wo seine Faszination über die jüdische Geschichte seinen Anfang genommen hat, endet an diesem Vormittag sein Spaziergang auf den Spuren der Nazis.

„The Walk“ in Regensburg:

Premiere: Am 26. November wird „The Walk“ erstmals in Deutschland gezeigt. Die Premiere findet um 17 Uhr im Andreasstadel statt. Nach dem Film findet ein Austausch mit Regisseur und Produzent Adam Fried statt.

US-Tour: In Chicago, Ohio, New York und Los Angeles hat Fried seinen preisgekrönten Kurzfilm fünf Mal aufgeführt, der Film lief im Programm von Festivals.

Projekte: Im Frühjahr 2024 erscheint „Everything’s Kosher“ über Frieds Familiengeschichte und den Versuch, ein jüdisches Delikatessengeschäft in Regensburg zu öffnen. Mit „Ebensee“ wird eine Kurzdoku über das gleichnamige österreichische KZ-Außenlager erscheinen.