Schuhplattler: Gedenkstätten-Leiter sieht keine Entwürdigung

Regensburg. Der Vorsitzende des Trachtenvereins hat sich entschuldigt, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde nahm die Entschuldigung an: Die schuhplattelnden Trachtler am Dani-Karavan-Kunstwerk haben nach einem Bericht der MZ bundesweite Beachtung gefunden. Dabei stellte sich die Frage: Wie gehen wir mit Erinnerungskultur im öffentlichen Raum um? Das sagt der Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg und Direktor des Zentrums für Erinnerungskultur, Jörg Skriebeleit, dazu.
Wie haben Sie die Debatte um Schuhplattler auf dem Dani-Karavan-Denkmal wahrgenommen?
Jörg Skriebeleit: Dani Karavan hat seine Kunst sehr dezidiert nicht als Gedenkkunst, sondern als Installation im öffentlichen Raum verstanden. Das Kunstwerk am Neupfarrplatz ist kein Friedhof, und die Synagoge war auch nie ein solcher. So, wie der Künstler das Synagogen-Denkmal konzipiert hat, hätte er sich vielleicht sogar über die Darbietung gefreut. Aber: Wenn sich die jüdische Gemeinde verletzt sieht, dann hat man das so zu akzeptieren. Die Frage lautet: Ist es ein Unterschied, ob man dort sein Eis ist, wie der Künstler das ja durchaus wollte, oder ob man darauf schuhplattelt?
Viele empfanden die Tanzdarbietung in dem Kunstwerk als Grenzüberschreitung. Können Sie das verstehen?
Skriebeleit: Man müsste mal die Schuhplattler fragen, was sie sich gedacht haben. Ich glaube, sie wussten überhaupt nicht, was das für ein Kunstwerk ist. Insofern finde ich es gut, dass über dieses Denkmal nun wieder diskutiert wird. Denn die Touristen, die dort ihren Rucksack abstellen und ihre Trinkflasche rausholen, entwürdigen diese Skulptur auch nicht.
Gibt es einen Unterschied, was man in dem Dani-Karavan-Denkmal darf und was nicht?
Skriebeleit: Für mich ist es ein Unterschied, ob man dort gedankenlos etwas aufführt, oder ob man den Ort entwürdigt. Ich glaube, die Schuhplattler haben sich dazu keine großen Gedanken gemacht. Für mich ist die Nachzeichnung der Synagoge eine Skulptur, die sich dem öffentlichen Raum anbietet. Anders verhält es sich für mich mit dem Gedenkstein in Stadtamhof. Kann man da Gläser abstellen oder sogar, wie geschehen, Pferde anbinden? Der Gedenkstein ist eben keine Skulptur, sondern er hat eine Inschrift. Er ersetzt einen Grabstein. Er definiert damit dort auch den öffentlichen Raum. Das ist ein Gedenkzeichen und vielleicht ein stellvertretender Epitaph, also ein Grabzeichen, das durch zwei Informationstafeln ergänzt wurde. Eigentlich ist unübersehbar, was es ist und ich empfinde es als komplett nachvollziehbar, dass sich Menschen darüber aufregen, wenn dieser Ort so gedankenlos genutzt wird.
Wie divers sollte Gedenkkultur sein?
Skriebeleit: Ich finde, so divers und offen wie möglich. Gedenkkultur sollte nichts Statistisches sein. Gedenkkultur hat sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr stark verändert. Jede Generation definiert sie für sich. Deshalb gibt es auch Gedenkstätten, die heute so nicht mehr funktionieren. Am Evangelischen Friedhof gab es ein großes Denkmal für die in Stadtamhof verstorbenen KZ-Häftlinge. Das hat man nach Flossenbürg verlegt in den 50er Jahren, eben weil es als Gedenkort nicht mehr funktioniert hat. Viele Kriegerdenkmäler stehen herum, man läuft einfach vorbei und bekommt gar nicht mit, dass es eine Gedenkstätte ist. Erinnerung ist in sich immer heterogen. Und ich finde sogar, wenn man das ernst nimmt, dass man auch Erinnerungszeichen konzipieren könnte, die nur temporär im öffentlichen Raum stehen.
Wie könnte so eine temporäre Gedenkstätte funktionieren?
Skriebeleit: Beispielsweise, indem man eine Gedenkstätte installiert und dann nach Unterstützern sucht. Man würde schon in der Schaffung eines Denkmals die gesellschaftliche Debatte anlegen. Das würde Möglichkeiten der Aktualisierung schaffen, etwa durch eine digitalisierte Konzeption. Erinnerung findet auch heute schon im digitalen Raum statt. Sie wird aber niemals ausschließlich digital stattfinden. Ich sitze gerade in Flossenbürg und wir reden gerade von Stadtamhof: Diese Orte sind ganz wichtige Markierungen, weil sich hier Geschichte – in diesem Falle Gewaltgeschichte – ereignet hat. Um daran zu gedenken, braucht es die Orte. Wir haben aber beispielsweise eine digitale Lernplattform entwickelt, an der sich Studierende und Schüler beteiligen können. Wir sind für den Grimme-Online-Award mit dem Projekt „Keeping Memories“ in die letzte Runde gekommen. Gerade angesichts des Endes der Zeitzeugenschaft kann diese Form der Erinnerung immer wichtiger werden.
Wird das Wissen weniger über die schlimmen Ereignisse des Nationalsozialismus?
Skriebeleit: Einerseits ja, das liegt aber auch daran, dass die Zeit immer weiter in die Vergangenheit rückt. Aber: Das Interesse an dem Thema ist nachweisbar vorhanden, das sehe ich auch an unseren Schülergruppen, die bei uns vorbeikommen. Das ist also die gesellschaftliche Aufgabe: Das Wissen zu erneuern und auf das Interesse an dieser Zeit aufzusetzen. Dabei kann man auch neue Perspektiven einnehmen. Im Moment wird beispielsweise das Interesse an queeren Opfern größer, sie rücken mehr in den Fokus. Wir müssten also das Wissen auch über die Dani-Karavan-Skulptur auffrischen und dann schauen, wie sich die Deutung der Skulptur derzeit erneuert.

