Reichspogromnacht vor 85 Jahren: Zeitzeugin schildert, was sie damals erlebte

Sie ist den Tränen nahe, als sie sich an ihre Kindheit in Regensburg erinnert. Eine Kindheit, die sie mit Hass und Gefahr für Leib und Leben verbindet: Es ist Else Fleischmann, geborene Koller, eine Frau in ihren 60ern, die mit stockender Stimme und immer wieder unterbrochen von Schluchzern erzählt, wie sie jene Nacht des 9. auf 10. November 1938 als unschuldiges jüdisches Kind in Regensburg erlebt hat. „Ich hatte ein schönes Leben und meine Eltern eine komfortable, schöne Wohnung“, erzählt Fleischmann in dem Interview, das an ihrem neuen Heimatort im Norden von Los Angeles aufgenommen wurde. Dokumentiert hat das Interview die israelische Gedenkstätte Yad Vashem.
1996 erinnern sich noch viele Zeitzeugen an das Schreckliche, das 1938 geschehen war: Die Nazis hatten den Anschlag an den Diplomaten Ernst Eduard vom Rath in Paris, den ein 17-jähriger jüdischer Pole verübt hatte, benutzt, um ein Pogrom zu initiieren. Sie nannten es euphemistisch „Reichskristallnacht“, doch heute verwendet man den Begriff „Reichspogromnacht“. Es war nichts anderes als ein Pogrom, eine Hetzjagd auf Juden, was in jener Nacht geschah.
Else Fleischmann lebte damals mit ihren Eltern in der Roritzerstraße. 1940 musste sie mit ihrer Familie in das sogenannte Judenhaus in der Gesandtenstraße 10 umsiedeln. Die Regensburger nahmen den Juden zunächst ihr Hab und Gut, dann ihre Ehre, schließlich ihr Leben. „Mitten in der Nacht kam die Polizei herein und weckte uns auf und brachte uns zur Polizeistation.“ Danach wurde alles „ganz anders und schlecht“, erzählt die Überlebende in dem Interview. „Danach waren die nicht-jüdischen Leute, die wir kannten, nicht mehr freundlich und wir konnten zu vielen Orten nicht mehr gehen, wie ins Schwimmbad oder in bestimmte Geschäfte.“
Mit Benzin ins Gotteshaus
100 Liter Benzin seien es gewesen, wird in einem Prozess nach dem Krieg eine Zeugin berichten, die über die Bänke, Stühle und Bilder der Synagoge geschüttet und entzündet wurden. Vollzogen hatten den Befehl zum Pogrom Schergen des Nationalsozialistischen Kraftfahrtkorps (NSKK). Diese Organisation sollte auch kurz vor Kriegsende am 23. und 24. April 1945 eine Rolle in Regensburg spielen, als die NS-Terrorherrschaft letztmalig Tote in Regensburg forderte. Mehr als 100 Männer waren, die in jener Nacht von 9. auf 10. November 1938 die Synagoge zerstörten. Sie stammten vorwiegend aus Wien. Die örtlichen Nazi-Größen wollten sich offenbar nicht darauf verlassen, dass die Regensburger das Gotteshaus ihrer eigenen Nachbarn abbrennen würden. Das Feuer wurde in jener Novembertag gegen halb zwölf Uhr angesteckt.
Die Feuerwehr wurde erst um 1.15 Uhr gerufen, als das Feuer schon so gewütet hatte, dass die Kuppel der Synagoge einzustürzen drohte. Die Feuerwehr wurde angehalten, nur das Gemeindehaus zu löschen, damit das Feuer nicht auf die Altstadt übergreifen konnte.
Vor Ort stand auch NS-Bürgermeister Otto Schottenheim und der Leiter des NSKK, Wilhelm Müller-Seyffert. Er war schließlich die treibende Kraft, die wunderschöne Jugendstil-Synagoge in der Schäffnerstraße niederzubrennen. 85 Jahre ist es nun her, dass die Regensburger die Synagoge abbrennen ließen. Müller-Seyffert wurde 1951 wegen „menschengefährdender Brandstiftung“ verurteilt. Drei Jahre Zuchthaus waren die milde Strafe für diese Jahrhunderttat. Die Pogromnacht stützte sich in Regensburg wie in anderen Orten auf drei NS-Organisationen: Die SS demolierte Geschäfte wie das Kaufhaus Tietz in der Ludwigstraße oder das Konfektionshaus Manes in der Goliathstraße Die SA verhaftete jüdische Mitbürger, um sie anschließend in einem Marsch durch Regensburg zu treiben und nach Dachau ins KZ zu deportieren. Die NSKK brannte die Synagoge nieder. Heute, 85 Jahre nach dieser schrecklichen Nacht, fragen sich viele Juden hierzulande wieder, wo sie hingehen könnten, wenn ihr Leben bedroht ist.
Antisemitismus lebt weiter
Am Donnerstag findet der Gedenktag in der neuen Synagoge statt. Er erinnert daran, was vor 85 Jahren geschah. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr mit Grußworten der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, Ilse Danziger, und der Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer. Anschließend hält die Autorin Waltraud Bierwirth einen Vortrag zum Thema „Ghetto und KZ überlebt – in Regensburg ermordet. Antisemitismus in der Nachkriegszeit 1945 bis 1949.“ Denn mit dem Ende des „Tausendjährigen Reichs“ endete nicht der Antisemitismus. Heute, 85 Jahre nach dem Pogrom in Regensburg, weiß man das leider nur zu gut.
Wichtigste Quelle für diesen Artikel war die Arbeit „Geschichte der Regensburger Juden von 1936 bis 1938“ von Siegfried Wittmer.




