„Seit 61 Jahren unfallfrei“ am Steuer – und doch zum Senioren-Pflichttest?

Von André Baumgarten · 15. November 2023 um 19:00

Die EU diskutiert weiter, doch eine Regensburgerin will sich nicht zu Führerschein-Tests zwingen lassen. Mit 82 Jahren sitzt sie noch immer täglich am Steuer. Und die einst erste weibliche Straßenbahnfahrerin Münchens vertritt ihre Meinung.

Sollen Senioren ab 70 Jahren alle fünf Jahre zum Pflicht-Führerscheintest? Diese Pläne diskutiert die EU-Kommission. „Das ist eine Sauerei und reine Geldschneiderei“, schimpft Eleonore Schafberger-Holzinger. Seit Mai 1962, weit mehr als 61 Jahre, hat die 82-Jährige ihre Fahrerlaubnis „und bis heute noch nie einen Unfall, geschweige denn einen Strafzettel“ gehabt. In ihrem Cabrio ist sie täglich unterwegs und will sich das nicht verbieten lassen. Doch was sagen die Statistiken? Sind Senioren bei Unfällen vorne dran? Und wäre sowas überhaupt rechtlich möglich?

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Im März präsentierte die EU-Kommission erstmals ihre Pläne, wie Europas Straßen sicherer werden sollen. Ein Punkt wird heiß diskutiert – neue Regeln für Senioren am Steuer. Menschen über 70 Jahren sollen wahlweise einen Test ausfüllen oder sich ärztlich untersuchen lassen. Die Regensburger Verkehrswacht sieht das kritisch: Man sollte eher auf Freiwilligkeit und Einsicht älterer Verkehrsteilnehmer setzen. „Von älteren Verkehrsteilnehmern geht laut Statistik bis zum 75. Lebensjahr kein erhöhtes Risiko im Straßenverkehr aus“, sagte Vorsitzender Herrmann Hirsch. Erst danach steige das Risiko kontinuierlich an.

Unfall-Statistik eindeutig: Senioren unauffällig

Das bestätigt ein Blick auf die Unfallzahlen. „Statistisch tauchen Senioren als Verursacher nicht häufiger auf als andere Altersgruppen“, sagte Polizeisprecher Claus Feldmeier. Laut der Verkehrsstatistik des Polizeipräsidiums verursachten Senioren (ab 65 Jahren) im vergangenen Jahr oberpfalzweit 2300 von knapp 35 000 Unfällen. Hauptursachen seien bei älteren Menschen Vorfahrt (313), Abbiegen oder Wenden (285) und Abstand (247) – wie in allen anderen Altersgruppen auf. „Da gibt es keine Auffälligkeiten.“ Überhöhte Geschwindigkeit käme bei Senioren jedoch deutlich seltener vor.

Eleonore Schafberger-Holzinger nutzt ihr Auto für Besorgungen oder Arzttermine, aber auch für Familienbesuche in Oberbayern – dann ist die 82-Jährige mit ihren Opel Cabrio gern auch schneller unterwegs. „Wenn ich darf und es geht, nutze ich es aus“, sagt sie. „Gern auch mal mit 200 auf der Autobahn.“ Senioren zu Tests zu zwingen, sehe sie als Eingriff in ihre Rechte. Sie habe schließlich die Fahrprüfung bestanden. Und: Die einst erste Straßenbahnfahrerin Münchens fährt täglich, hat einen reichen Erfahrungsschatz.

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Ein Punkt, den auch die Verkehrswacht betont: Altersbedingten Defiziten stünden lange Fahrerfahrung und Routine gegenüber, sowie eine defensive und vorausschauende Fahrweise. „Körperliche Einschränkungen werden dadurch kompensiert“, sagte Hirsch. Statt verpflichtender Tests sollten ältere Menschen ermutigt werden, ihre körperliche und psychische Verfassung selbstkritisch einzuschätzen. Die Verkehrswacht biete daher Fahrfertigkeitstrainings für alle Altersklassen an. Ein weiterer Aspekt sei wichtig: „In unserer modernen Gesellschaft ist Mobilität Ausdruck und Merkmal von Lebensqualität, die es möglichst lange zu erhalten gilt“, betonte der Vorsitzende der Kreisverkehrswacht.

Mobilität ganz wichtig gegen die Einsamkeit

Auch Bürgermeisterin Astrid Freudenstein sieht das als gewichtigen Punkt: Führerschein und Auto seien für ältere Menschen „ganz wichtig, um sich selbst versorgen zu können und Kontakte zu pflegen“. Senioren seien im Straßenverkehr erfahren, umsichtig und meist ohne Eile unterwegs. Als zweite Bürgermeisterin ist Freudenstein für Senioren zuständig, kennt das Ganze aber auch aus dem privaten Umfeld. Ihre Mutter fährt mit 87 Jahren ebenfalls Auto: „Keine längeren Strecken, aber zu Arzt, Einkauf oder Apotheke – und auch für sie ist das wirklich wichtig.“

Wie die Verkehrswacht lehnt auch Freudenstein Pflicht-Tests für über 70-Jährige ab. „Es gibt keinen Grund, da was zu ändern“, betonte sie. MZ-Leserin Eleonore Schafberger-Holzinger sagt ebenfalls klar: „Ich fahr, solange ich fahren kann.“ Erst wenn es konkreten Anlass gebe, sollte aus ihrer Sicht geprüft werden, „ob jemand fahrtüchtig ist“. Da sei aber jeder Einzelne und der gesunde Menschenverstand gefragt. Neue Gesetze brauche es dafür nicht, so die 82-Jährige.

Seit sechs Jahren ist die rüstige Seniorin mit ihrem Cabrio in Regensburger unterwegs und hat täglich großen Spaß daran. Foto: Baumgarten