Autofahren im Alter: Ist eine Prüfung für Senioren am Steuer nötig?

Sind ältere Autofahrer eine Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer? Diese Frage sorgt für heftige Diskussionen − auch in Regensburg.
In Regensburg stieg die Zahl der Verkehrsunfälle mit Beteiligung von Senioren zuletzt um 18,7 Prozent. Aber wie aussagekräftig ist das? Denn eigentlich ist die Zahl zunächst nur Ausdruck dafür, dass mehr Senioren am Verkehr teilnehmen.
Bundesweit waren laut Statistischem Bundesamt ältere Menschen im Jahr 2021 – gemessen an ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung – sogar seltener in Verkehrsunfälle verstrickt als jüngere, jedoch häufig mit gravierenderen Folgen.
Fahrlehrer aus Regensburg sieht Vorschlag der EU kritisch
Die EU-Kommission will die Straßen mit neuen Verkehrsgesetzen sicherer machen. „Sicheres Fahren ist entscheidend für unsere Bemühungen, die Zahl der Verkehrstoten und Schwerverletzten bis 2030 zu halbieren“, sagte die zuständige EU-Kommissarin Adina Valean. Über verschiedene Vorschläge verhandeln die EU-Staaten und das Europaparlament jetzt. Einer davon lautet: Der Führerschein von Über-70-Jährigen soll künftig alle fünf Jahre erneuert werden müssen. Damit einher geht nun die Angst, dass die Behörden auch Tauglichkeitsprüfungen anordnen könnten.
Jens Ehbauer, Geschäftsführer der Fahrschule Drivers Point mit Filialen in Regensburg, Obertraubling und Barbing hält dieses Szenario für keine gute Idee. Die Frage, ob von älteren Autofahrern eine höhere Gefahr ausgeht, beantwortet er nur zögerlich: „Ich denke ja, aber man sollte nicht alle über einen Kamm scheren.“ Es wäre unverantwortlich gegenüber den älteren Menschen, wenn so die Möglichkeit geschaffen würde, ihnen den Führerschein zu entziehen. „Was macht ein Mensch mit 75 denn noch?“, fragt Ehbauer. „Er fährt im näheren Bereich zum Einkaufen oder vielleicht mal zum Arzt. Ich denke nicht, dass die lebensbedrohlichen, tödlichen Unfälle von dieser Personengruppe ausgehen.“ Er selbst sei 53. „Ich bin in 20 Jahren in der selben Situation. Wenn man dann nicht mal mehr zum Aldi einkaufen fahren kann, weiß ich nicht, ob das zielführend ist.“ Bis 2033 müssen alle Führerscheine ohne Ablaufdatum umgetauscht werden. Die neuen Führerscheine müssen dann alle 15 Jahre überprüft werden. „Ich denke, das ist die Vorstufe: Die Behörde kann Einfluss nehmen und die Fahrtauglichkeit eventuell anzweifeln.“
Regensburg: Fahrschule bietet keinen Selbsttest für Senioren
Aktuell bietet seine Fahrschule keinen Selbsttest für Senioren an, aber beispielsweise Überprüfungen für Menschen, die länger nicht mehr am Steuer saßen oder nach einem Unfall körperlich eingeschränkt sind. „Das kommt gut an, die Leute kommen auch freiwillig.“ Eine Fahrstunde koste durchschnittlich 70 Euro, gibt Ehbauer zu bedenken. „Ich weiß nicht, ob Rentner sich regelmäßige Überprüfungen leisten können.“
Bürgermeisterin Astrid Freudenstein, zu deren Direktorium auch das Seniorenamt gehört, sagt: „Alter allein ist kein Unfallrisiko, deshalb lehne ich Pflicht-Tests für Ältere ab.“ Im Alter könne Einsamkeit zum echten Problem werden, Mobilität sei deshalb umso wichtiger. „Senioren gehören auch nicht zu den Rasern, viele fahren sehr umsichtig.“ Ganz unabhängig vom Alter wünscht sich Freudenstein, dass Autofahrer auf freiwilliger Basis darauf achten, dass sie körperlich und geistig fit genug fürs Steuer sind.
Auch der Regensburger Seniorenbeirat erhält dazu regelmäßig Anfragen, die kontrovers diskutiert würden. „Müssten ältere Menschen den Schein in einem bestimmten Alter abgeben, wäre das diskriminierend“, sagt Vorsitzender Rupert Karl. Auf der anderen Seite hätten Senioren ja tatsächlich häufig Probleme mit dem Sehen. Sein Vorschlag: Augenärzte sollen eine Empfehlung aussprechen. Die Entscheidung soll dann aber eigenverantwortlich erfolgen. Bereits 2017 hatte es von der Stadtrats-CSU den Vorstoß gegeben, jeden Regensburger, der sich von seinem Führerschein trennt, ein Jahr gratis Bus fahren zu lassen. Jedoch sei diese laut Karl sinnvolle Aktion aufgrund mangelnder Nachfrage wieder eingeschlafen.
Unfallforscher spricht sich für Rückmeldefahrten aus
Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer, hält Tauglichkeitsprüfungen (Kosten für MPU: bis zu 750 Euro) schon wegen der Leistbarkeit für verfassungswidrig. Außerdem rät er zu einer Unterscheidung: „Im Alter zwischen 65 und 75 liegt meist noch eine gute Zeit. Ab 75 schaut es laut Statistik anders aus.“ Senioren seien im Auto eher die Verursacher von Unfällen. Das wird auch durch Zahlen des Statistischen Bundesamtes von 2021 bestätigt: In 68,2 Prozent der Fälle trugen Senioren hinter dem Steuer bei Unfällen die Hauptschuld. Bei den mindestens 75-Jährigen wurde drei von vier Fahrern die Hauptschuld zugewiesen (75,9 Prozent).
Neben den hohen Kosten eines Tests sieht Brockmann auch die Schwierigkeit, dass dieser mit hoher Wahrscheinlichkeit zutreffend sein müsste. Zur Verbesserung des Fahrverhaltens älterer Menschen spricht er sich stattdessen für Rückmeldefahrten mit einem Profi ab dem 75. Lebensjahr aus: „Man muss sie zwar machen, aber das Ergebnis bleibt unter vier Augen.“ Die Kosten für eine Fahrstunde seien nicht so hoch, wie für eine Tauglichkeitsprüfung. Und ein klares Feedback von einem Experten könne man nicht einfach wegschieben. Außerdem würden Betroffene es meist besser aufnehmen als Anmerkungen aus der eigenen Familie.
Die politische Diskussion gebe es seit Jahrzehnten, sagt Franz Schmalzl. Der Polizeihauptkommissar ist im Sachbereich Verkehr tätig und kümmert sich auch um die Unfallstatistik für Regensburg. Immer wieder würden Prüfungen für Senioren gefordert. Es gebe ein Für und Wider. Dabei hätten beide Seiten gute Argumente. Bei den 400 Unfällen in Regensburg, an denen Senioren (ab 65) im vergangenen Jahr beteiligt waren, waren sie in 252 Fällen auch Verursacher (63 Prozent). Zum Vergleich: Bei den jungen Erwachsenen gab es 486 Unfälle, bei denen diese Gruppe in 229 Fällen Verursacher war (47 Prozent). „Bei älteren Fahrern ist die Zahl also ein bisschen größer“, sagt Schmalzl. „Aber: Wir haben hier auch viele Radfahrer, die alleinbeteiligt stürzen.“ Der Anstieg der Zahlen liege seiner Einschätzung nach im Normalbereich. „Wenn man Unfallzahlen vor Corona anschaut, waren diese viel höher.“ 467 Unfälle mit Senioren waren es 2019.
.