Neumarkter Beratungsstelle hilft Menschen mit Behinderung bei der Wohnungssuche

Von Mittelbayerische Zeitung · 8. November 2023 um 11:00

Selbstständig wohnen trotz Behinderung – das bleibt für viele Menschen nur ein Traum. Denn die Wohnungssuche gestaltet sich für sie besonders schwer. Eine neue Beratungsstelle in Neumarkt steht Menschen mit Handicap jetzt zur Seite – und bringt auch Vermietern Vorteile.

Die perfekte Wohnung für sich und die eigenen Bedürfnisse zu finden, das ist in einem schwierigen Mietmarkt wie dem in und um Neumarkt fast so etwas wie ein Hauptgewinn. Noch dazu, wenn der Mieter eine körperliche oder psychische Beeinträchtigung hat. Insofern passt der Name der jungen Beratungsstelle WohnGewinn. Seit April hilft das kleine Team Menschen mit Behinderung bei der Suche nach einem neuen Zuhause, aber auch potenziellen Vermietern.

Um günstige Wohnungen konkurrieren nicht nur in Neumarkt viele Personengruppen. Menschen mit Behinderungen tun sich da besonders schwer, denn „Sie haben keine Lobby“, bedauert Alica Lachmann, die das Projekt WohnGewinn leitet. Seit April gibt es die Beratungsstelle. Seitdem durfte das kleine Team schon einige Vermittlungserfolge verbuchen. Aber: „Der Bedarf ist sehr groß“, sagt Lachmann. Nicht selten seien Menschen mit Behinderung viele Monate oder gar Jahre auf der Suche.

Zusammenarbeit mit Maklern aus dem Landkreis Neumarkt

Das Nadelöhr, um diese Nachfrage befriedigen zu können, sei bislang noch das Angebot, erklärt sie. „Viele Vermieter haben es einfach noch gar nicht auf dem Schirm, dass sie auch an Menschen mit Behinderung vermieten können. Und ein weit verbreiteter Irrtum ist es auch, dass die Wohnungen dafür immer barrierefrei sein müssen.“ Das ist nämlich nicht der Fall, schließlich gibt es auch Menschen, die gut zu Fuß sind, dafür aber andere Bedürfnisse haben.

Genau diese Bedürfnisse sind es, die Projektleiterin Lachmann im Gespräch mit ihren Klienten ermittelt. Nicht für jeden kommt eine Wohnung in den Gemeinden in Frage. Wer auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen ist, tut sich auf dem Land nicht selten schwer, wenn er zum Arzt, zum Einkaufen oder zur Arbeit muss.

Für acht Menschen sucht WohnGewinn derzeit nach einer Wohnung. Doch die Beratung ist keine Einbahnstraße, erklärt die Projektleiterin: „Wir zeigen den Menschen einerseits, wie und wo sie selbst suchen können, aktivieren parallel aber auch unser eigenes Netzwerk.“ WohnGewinn hat nämlich in den vergangenen Monaten schon fleißig bei Maklern Klinken geputzt. Neben dem Netzwerkpartner Immobilienzentrum Bayern gebe es bereits einige Makler, die Vermieter bei geeigneten Objekten gezielt ansprechen, ob sie sich auch einen Mieter mit Behinderung vorstellen könnten. Ernten sie ein Ja, stellen sie den Kontakt zu WohnGewinn her, noch bevor die Wohnung auf den regulären Immobilienmarkt kommt. Vorausgesetzt die Wohnung liegt baulich und preislich im passenden Rahmen.

Melden kann sich jeder, der eine körperliche oder geistige Behinderung hat oder eine erworbene Hirnschädigung hat. „Jeder, der in ein normales, in ein eigenständiges Leben will oder zurück will“, erklärt Alica Lachmann. Selbstbestimmung ist nämlich das große Ziel, das man den Menschen ermöglichen will. Manch einer bleibe derzeit in einer Betreuungseinrichtung oder bei den Eltern, obwohl er auch alleine leben könnte und möchte.

Vorteile für den Vermieter

Wer in der eigenen Wohnung bleiben kann, profitiert von der Wohnungsanpassung, die WohnGewinn ebenfalls beratend anbietet. Künftig soll es außerdem Seminare geben, zum Beispiel den Mieter-Führerschein, kündigt Gudrun Faltus an. Dort lernen ihre Klienten, was in einer eigenen Wohnung alles zu tun ist – vom regelmäßigen Lüften bis zum Mülltrennen.

Wo Bedarf besteht, vermittelt die Beratungsstelle auch einen ambulant begleitenden Betreuungsdienst. Ein Vorteil auch für die Vermieter, findet Alica Lachmann: „Er kann sich sicher sein, dass die Wohnung gut erhalten wird, weil regelmäßig jemand kommt und schaut, ob die Wohnung in Ordnung ist.“ Außerdem komme die Miete immer regelmäßig und pünktlich, wenn diese ein Sozialleistungsträger übernimmt. Damit sich diese Vorteile mehr herumsprechen, sollen auch die Bürgermeister im Landkreis eingebunden werden. Leider befürchten viele Vermieter immer noch eher Nachteile, wenn sie Menschen mit Behinderung einziehen lassen, dabei sei das gar nicht nötig, erklärt Lachmann: „Es gibt kein gesondertes Mietrecht für Menschen mit Behinderung. Bei einer Eigenbedarfskündigung müssen auch sie ausziehen.“

Für drei Jahre ist das Projekt derzeit finanziert: die Personalkosten trägt die Aktion Mensch, Büro und Ausstattung hat die Regens-Wagner-Förderstiftung finanziert. Bis 2026 ist erst einmal alles in trockenen Tüchern. Doch was ist danach? Andreas Fersch, Gesamtleiter der Regens-Wagner-Stiftung, sähe es gern, wenn der Bezirk dann in die Finanzierung einsteigt. Dafür hatten er und seine Mitstreiter drei Vertreter nach Neumarkt eingeladen, um ihnen das Projekt und dessen Nutzen zu erklären.

Das ist WohnGewinn

Beratung: WohnGewinn ist eine Beratungs- und Koordinierungsstelle für alle Menschen mit Behinderung aus dem gesamten Landkreis Neumarkt. Sie bietet Beratung und Assistenz bei der Suche und Vermittlung von geeignetem Wohnraum für Menschen mit Behinderung. Die Beratung ist kostenlos, trägerneutral und kann bei Bedarf auch zu Hause stattfinden.

Weitere Angebote: Die Beratungsstelle informiert auch zur Finanzierung von Wohnraum und zu Fördermöglichkeiten. Künftig soll es auch Seminare geben.

Für Vermieter: WohnGewinn informiert auch private und gewerbliche Vermieter unverbindlich darüber, wie sie geeigneten Wohnraum zur Verfügung stellen können und welche Fördermöglichkeiten es gibt.

Kontakt: Wer die Dienste von WohnGewinn in Anspruch nehmen möchte oder eine Wohnung zur Vermietung anbieten will, kann sich unter Tel. (09181)40627270 oder wohngewinn.neumarkt@regens-wagner.de melden. Die Beratungsstelle befindet sich in der Dr.-Schrauth-Straße 11e in Neumarkt.

Zu Besuch bei der Beratungsstelle WohnGewinn in Neumarkt: (v.l.) Thomas Kammerl und Marje Mülder vom Bezirk Oberpfalz, Projektleiterin Alica Lachmann sowie Gudrun Faltus und Gesamtleiter Andreas Fersch (beide Regens Wagner Lauterhofen). F.: Schlierf