Streit um Einzelhandelszentrum in Mühlhausen: Gegner und Befürworter trafen aufeinander

Von Wolfgang Endlein · 7. November 2023 um 15:00

Kannibalen, ein Bürgermeister, dem das Mikro abgedreht wird, und die 27. Sorte Marmelade, waren Teil der Infoveranstaltung der Bürgerinitiative, die sich gegen das geplante Einzelhandelszentrum wendet. Die Veranstaltung besuchten am Montag aber nicht nur Gegner, weshalb die Bruchlinien im Streit offen zutage traten.

„Was hilft uns ein Konglomerat an Geschäften am Ortsrand, wenn innerorts alles tot ist?“, fragte BI-Mitglied René Meyer eingangs im Feuerwehrsaal. Es war die Kernaussage der Gegner an diesem Abend. „Wenn das Einzelhandelszentrum kommt, wird Edeka Pirzer geschlossen“, erklärte Michael Wegele von Edeka Südbayern. Edeka sehe kein ausreichendes Umsatzpotenzial für so viele Geschäfte in Mühlhausen. Auch der Vertreter von Netto erklärte, er habe große Sorgen um den Standort.

„Ich bin gut versorgt in Mühlhausen. Ich brauche nicht eine 27. Sorte Marmelade“, kritisierte ein Bürger die Pläne für ein Einzelhandelszentrum. Er hatte zuvor gehört, wie Gabriele Ostertag die Ergebnisse des Gutachtens der Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung (GMA) vorgestellt hatte. Die im Auftrag von Edeka, Netto und Fellmeyer’s Getränkemärkte erstellte Analyse sieht das Einzelhandelszentrum kritisch.

Rewe, Aldi und dm wollen sich in Mühlhausen ansiedeln

„Mühlhausen ist bereits vorbildlich versorgt“, sagte Ostertag. Woher der Umsatz für die bestehenden Märkte plus eines Rewe, Aldi und dm kommen sollten, bleibe für sie fraglich. Die Gemeinde würde ihre Verkaufsflächen im Vergleich zu den anderen Gemeinden unverhältnismäßig aufstocken.

Mehr Verkaufsflächen will auch Berching schaffen. Im gut drei Kilometer Entfernung vom Mühlhausener Ortskern soll in Pollanten bekanntlich ein Edeka-Markt entstehen. „Wir werden bauen“, betonte Wegele mehrfach. Mehrere Bürger stellten die Frage, warum ein solcher Markt für die Geschäfte in Mühlhausens weniger gefährlich sein sollte als ein Einzelhandelszentrum im Norden der Gemeinde? Außerdem schwang die Sorge mit: Der Edeka im Ortskern könnte auch ohne ein Einzelhandelszentrum auf kurz oder lang verschwinden aufgrund eines neuen, leistungsstarken Edeka.

Das Unternehmen versuchte Letzteres zu entkräften, indem Michael Wegele einen Garantie für den für 1,5 Millionen Euro erneuerten Standort Mühlhausen aussprach – allerdings nur, wenn das Einzelhandelszentrum nicht kommt. Das Handelsunternehmen werde dann beide Märkte betreiben.

Derjenige in Pollanten werde sein Einzugsgebiet vor allem aus dem Raum Berching beziehen, heißt es im inzwischen aktualisierten GMA-Gutachten. Mühlhausen sei hingegen nicht einschneidend davon betroffen. Acht Prozent an Umsatz werde der neue Edeka aus Mühlhausen abziehen – insbesondere vom dortigen Verwandten. Kannibalisierungseffekt nannte das Ostertag. Dennoch sei das verträglich. Käme hingegen das Einzelhandelszentrum in Mühlhausen prognostiziert GMA bis zu 34 Prozent weniger Umsatz in den innerörtlichen Lagen.

Hier verlief wie schon in der Diskussion der vergangenen Monate die Bruchlinie zwischen beiden Lagern. An der Einschätzung von GMA und den Aussagen von Edeka zweifelten mehrere Bürger inklusive Bürgermeister Martin Hundsdorfer.

Geht Aldi nach Pollanten, wenn es in Mühlhausen nicht klappt?

Ein Bürger nahm Bezug auf Wegeles Aussage, dass Edeka in Mühlhausen einen 15-jährigen Mietvertrag habe. Die Frage lautete, ob Edeka auch leerstehende Märkte habe, für die es weiter Miete zahle. Wegele bejahte dies.

Die Befürworter des Einzelhandelszentrums führen ebenfalls ein eigenes Gutachten der BBE Handelsberatung ins Feld, das zu anderen Ergebnissen kommt als das von GMA. Nicht zuletzt sind es aber auch taktische Überlegungen jenseits von Zahlen und Berechnungen, die sie umtreiben.

Hundsdorfer brachte sein Szenario ins Spiel, wonach er mit einem Einzelhandelszentrum den Standort Pollanten verhindern wolle, um die Märkte in Mühlhausen zu erhalten. Er glaubt trotz anderslautender Aussagen von Edeka, dass dessen Markt in Pollanten noch kippen könnte, wenn Mühlhausen schneller ist.

Der Rathauschef verschärfte sein Szenario noch weiter: Käme das Einzelhandelszentrum in Mühlhausen nicht, werde Aldi stattdessen ebenfalls nach Pollanten gehen. Das erklärt ein Schreiben des Discounterriesen, das auch unserem Medienhaus vorliegt.

Die möglichen Auswirkungen einer solchen Bündelung auf Mühlhausen und Berching beschrieb auch Edeka-Mann Wegele als „fatal“. Allerdings betonte er, dass Edeka den Standort ohne weiteren Partner plane. Außerdem bezweifelte Wegele, dass Stadt Berching und die Landesplaner bei der Regierung der Oberpfalz einer Ansiedlung mit solchen angenommenen Auswirkungen zustimmen würden.

Befürworter eines Einzelhandelszentrums in Mühlhausen organisieren Infoveranstaltung

Hundsdorfer sah darin hingegen keinen zwingenden Hinderungsgrund. Es gebe genügend Beispiele, dass landesplanerische Einwände nicht unbedingt zu einem Stopp von Projekten führen müssten. Die Nachbarflächen am geplanten Standort in Pollanten stünden jedenfalls zum Verkauf, sagte der Bürgermeister. Der Grundstückseigentümer hatte sie zuletzt konkret für Discounter in unserer Zeitung annonciert.

Bei aller spürbaren Emotion verlief die Veranstaltung insgesamt diszipliniert. Daran änderte auch nichts, dass die Veranstalter Hundsdorfer an einer Stelle das Mikrofon leise drehten. Der Bürgermeister hatte in der Emotion trotz der Bitte um auf zwei Minuten begrenzte Fragen zu einem Exkurs über die Geschichte Edeka in Berching angesetzt.

Am Donnerstag kann sich Hundsdorfer mehr Zeit nehmen. Dann laden die Befürworter eines Einzelhandelszentrums zu einem Infotermin ein. Um 19 Uhr geht es im Sportheim in der Bahnhofstraße los.