Ein Regensburger zu Preissteigerungen: „Das ist sozialer Sprengstoff“

Maria W. räumt in einem Einkaufsmarkt im Stadtsüden Gurkengläser ins Regal. „Es ist alles unfassbar teuer geworden. Natürlich sind die hohen Lebenshaltungskosten ein Problem“, sagt sie. Bei der Kleidung könne man sich einschränken. „Aber Essen, Wohnen und Energie sind Grundbedürfnisse. Da wird es dramatisch.“
Der 62-Jährigen geht es wie vielen Deutschen. Das zeigt eine repräsentative Befragung der R+V Versicherung zu den Ängsten der Bürger, die im Oktober vorgestellt wurde. An erster Stelle steht in diesem Jahr die Furcht, das Leben nicht mehr bezahlen zu können (65 Prozent). „Die Menschen spüren an der Supermarktkasse, dass sie für ihren Euro immer weniger bekommen“, sagt Studienleiter Grischa Brower-Rabinowitsch.
Miete spielt eine große Rolle
Seit über 30 Jahren befragt R+V die Bevölkerung. Heuer hat sich die Stimmung verschlechtert. Das spiegelt der Angstindex wider, der durchschnittliche Wert aller gemessenen Ängste, der auf 45 Prozent zugelegt hat (Vorjahr 42 Prozent).
Die Verkäuferin Maria W. muss auf vieles verzichten. Das gehe bis zu den sozialen Kontakten. „Wir leben in einer total schönen Stadt, wo man gerne in einem Café draußen sitzt oder wie die Touristen in ein Museum geht“, sagt die Mutter dreier erwachsener Kinder. „Aber wenn alles knapp ist, spart man daran.“ Einer Veröffentlichung ihres vollen Namens stimmt sie nicht zu, weil sie viel über ihre Lebenssituation verrät.
Die Sorge um eine bezahlbare Wohnung folgt in der R+V-Studie an zweiter Stelle. 60 Prozent der 2400 Befragten äußerten sie. Supermarkt-Verkäuferin Maria W. sagt: „Die Wohnung wechseln ist fast unmöglich geworden.“ Es gebe zwar Apartments im Dörnbergviertel. „Aber die sind mir zu teuer.“
Ihre alleinstehende Kollegin (46) betrachtet die Miete als das größte Problem. Die erwachsene Tochter ist mit dem Freund zusammengezogen. „Die haben eine ganz kleine Wohnung und finden keine bezahlbare größere.“ Kein Wunder: Regensburg ist unter den bayerischen Großstädten mit einigem Abstand nach München die zweitteuerste. Für Neubauwohnungen wird diesen Herbst eine durchschnittliche Kaltmiete von 14,50 Euro verlangt, bei sehr guter Ausstattung und Lage sind es 16,50 Euro.
Die 46-Jährige Verkäuferin spart bei den Lebensmitteln. „Ich bin keine große Esserin. „Ein paar Tomaten und Mozzarella reichen mir.“ Sie war Filialleiterin bei Birkenstock. Damals reichte ihr das Geld. Doch der Schuhhändler verließ Regensburg. Die Verkäuferin bezweifelt, dass sie wieder eine leitende Stelle finden wird.
14 Prozent der Regensburger haben weniger als 60 Prozent des Durchschnitteinkommens
Knapp 14 Prozent der Regensburger leben laut Paritätischem Wohlfahrtsverband an der Armutsschwelle. Sie verfügen über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Haushalte. Bei einer Familie mit zwei kleinen Kindern sind das rund 2405 Euro netto monatlich, bei einem Single 1145 Euro. Der Sozialverband betrachtet die gesamte Gesellschaft, nicht nur Berufstätige. Betroffen seien vor allem große Familien, Bürgergeld-Empfänger, Rentnerinnen, Alleinerziehende und Teilzeitkräfte.
Laut Jobcenter beziehen in Regensburg knapp 4500 Haushalte mit beinahe 8000 Personen Bürgergeld (Stand Juni 2023), rund 1740 davon sind ukrainische Geflüchtete.
Das Bayerische Landesamt für Statistik erhebt die Einkommenssituation: Demnach verdienen etwa 22.500 Stadtbewohner ein Jahresbruttoeinkommen zwischen 10.000 und 30.000 Euro.
Im Regensburg-Plan 2040 schreibt die Stadt, die Zahl der Working Poor, der arbeitenden Armen, nehme zu. Das sind Berufstätige, die ihren Lebensunterhalt kaum selbst bestreiten können, besonders, wenn sie Kinder versorgen. Einen Niedriglohn erhalten oft Friseurinnen, Gebäudereiniger, Lebensmittelverkäuferinnen oder Paketfahrer.
Rentner Georg H. genießt in einer Bäckerei am Arnulfsplatz eine Schwarzwälder-Kirsch-Torte und einen Kaffee. „Strom und Heizung sind Irrsinn“, schimpft er. Der frühere Elektriker und seine Frau sparen. Sie haben sich 49-Euro-Tickets zugelegt und lassen das Auto in der Garage stehen. Im Juli hat das Ehepaar einen Holzofen gekauft. „Vorher habe ich mit Gas geheizt, jetzt schüre ich Holz ein“, sagt der 75-Jährige. Lebensmittel hat er schon immer „bewusst eingekauft“. Georg H. stellt einen Speiseplan zusammen. Seine Frau und er kochen abwechselnd. „Heute habe ich Schnitzel gebraten.“ Scharf kritisiert der Rentner, dass die Ampel zu wenig für die Mittelschicht tue.
Dass Menschen mit kleinem Geldbeutel befürchten, in die Armut abzurutschen, ist verständlich. Doch in Deutschland und dem wohlhabenden Regensburg geht es der Mehrheit trotz der Preisexplosion gut. Warum klagen 65 Prozent?
Alles auf einmal – „Angesichts der vielen aktuellen Krisen rücken individuelle Sorgen in den Fokus“
Politikwissenschaftlerin Isabelle Borucki hat die R+V-Studie als Beraterin begleitet. „Die Menschen sind ängstlich, weil alles auf einmal passiert", sagt sie, und meint damit Inflation, hohe Energiepreise und Ukraine-Krieg. „Angesichts der vielen aktuellen Krisen rücken individuelle Sorgen in den Fokus: die Angst vor Wohlstandsverlust oder um die eigene Existenz.“
Der Regensburger Kinderarzt J. Peter Gutdeutsch lässt sich auf einer Bank am Bismarckplatz nieder, um auf seine Tochter zu warten, die im Cello-Unterricht ist. Er müsse Gottseidank keine Angst vor steigenden Lebenshaltungskosten haben, sagt der 54-Jährige. „Ich sorge mich um die Menschen, die das nicht stemmen können. Das ist sozialer Sprengstoff.“ Die AfD nutze das aus.