Geldtransporter-Überfall in Cham: Liebe, Lügen und die große Lücke im Plan

Von André Baumgarten · 21. Oktober 2023 um 10:53

Mehr als eine Million Euro verschwinden am 17. April aus einem Geldtransporter in Cham. Noch am selben Tag observiert die Polizei drei Verdächtige, die seit Freitag in Regensburg vor Gericht stehen. Was die Zivilfahnder nicht wissen: Die Beute fuhren eine 52-Jährige und ihre Tochter (28) vor deren Augen spazieren.

Nicht der einzige Moment im Prozess gegen einen Regensburger und seine mutmaßlichen Komplizinnen, der Zuhörer staunen ließ. Es ging um Liebe, Lügen und die große Lücke im Plan: Denn, wohin mit der Millionen-Beute, hatte sich keiner vorher überlegt.

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Der Fahrer des Geldtransporters, seine Pseudo-Lebensgefährtin und die Tochter der 52-Jährigen müssen sich in Regensburg wegen gemeinschaftlichen Diebstahls mit Waffen verantworten. Zum Prozessauftakt am Landgericht hat das Trio gestanden. Doch der 55-Jährige belastete seine mutmaßlichen Komplizinnen schwer. Er habe aus Liebe zu ihr mitgemacht. „Ich habe ihr blind vertraut – ich war verliebt.“ Die beiden Frauen sagten das Gegenteil.

So lief der dreiste Coup ab: Als die zwei Kollegen des Regensburgers, der seit Jahren für die Sicherheitsfirma arbeitete, an jenem Montag den Geldtransporter verlassen hatten, soll er der 28-Jährigen die Tür geöffnet und die Millionenbeute in eine Sporttasche gepackt haben. Danach soll die junge Frau zum Fluchtwagen gegangen sein, in dem ihre Mutter wartete. Der war laut Anklage einige hundert Meter entfernt geparkt. Erst mit einiger Verzögerung wurde dann die Polizei alarmiert und es lief ein beispielloser Großeinsatz samt Suche per Polizeihubschrauber an.

Doch es kamen früh Zweifel an den Angaben des 55-Jährigen auf. Ein Verdacht, der sich bald bestätigte: Nur neun Tage nach dem Coup am helllichten Tag wurden der Mann und die Frauen verhaftet. Im Haus von Mutter und Tochter im Landkreis Straubing-Bogen waren am Tattag knapp 90.000 Euro sichergestellt worden. Später tauchten rund 820.000 Euro in einem rosa Reisekoffer auf – den hatte ein Zeuge Wochen später selbst zum Amtsgericht in Regensburg gebracht. Ihm war klargeworden: „Ich häng da volle Kanne drin.“ Die 52-Jährige hatte das Geld noch am 17. April bei ihm hinterlegt. Wenige Tage später fuhren sie und der Zeuge ins Wellnesshotel.

Das soll die Angeklagte auch mit dem Regensburger getan haben. Mehr als eine Stunde ließen die Strafverteidiger Helmut Mörtl und Prabhlin Sidhu den 55-Jährigen erzählen: Monatelang hätte sie ihn ausgehorcht. Akribisch soll sie ihm vorgegeben haben, wie das funktionieren könne. Mehr noch: Er will die Mutter zu Wellnessurlauben eingeladen, ihr Geld gegeben und sogar drei Schönheits-OPs der Tochter gezahlt haben. Sie seien ein Paar gewesen, gab sich der Mann überzeugt. Dass die 52-Jährige mit anderen Männern urlaubte, habe er erst danach erfahren. Handy-Chats sollen belegen, dass die Frau gleichzeitig Beziehungen zu acht Männern unterhielt.

Dazu äußerte sich die Mitangeklagte nicht, ließ ihren Anwalt Michael Frank die Vorwürfe aus der Anklage aber einräumen. Drahtzieherin sei sie aber nicht gewesen – sondern es wäre genau andersherum. Der Regensburger habe das Ganze seit langem geplant und nur auf die passende Gelegenheit gewartet. Sie habe sich überreden lassen, erklärte der Anwalt. Bei der Kripo klang das noch völlig anders: Nach langem Bestreiten war da von Bedrohungen, später sogar von Vergewaltigung die Rede. „Es kam immer wieder irgendeine Version, die dann doch nicht die Wahrheit war“, erklärte ein Ermittler.

Wie im Prozess bekannt wurde, wurde das Trio bereits wenige Stunden nach der Tat von Zivilfahndern observiert. Nach der Tat hatten die Frauen den 55-Jährigen aus dem Krankenhaus abgeholt – der war bei der Tat nämlich so aufgeregt, dass er sich einnässte und vom Notarzt mit Medikamenten ruhiggestellt wurde. Was niemand ahnte: Die Millionenbeute lag im Kofferraum des Fahrzeugs, als die Polizei jeden Schritt von Mutter und Tochter überwachte. Das ist im Prozess deshalb so wichtig, weil ein Teil des Geldes bis heute fehlt – es geht um etwa 130.000 Euro, zu denen alle Angeklagten schweigen.

Die Tochter der 52-Jährigen will erst am Sonntagabend vor dem Überfall von der Tat erfahren haben. Wie Strafverteidiger Martin Ondrasik für die Influencerin aus Niederbayern erklärte, habe sie getan, was ihr vom 55-Jährigen gesagt wurde. Sie habe sich wegen der von ihm gezahlten Rechnungen für die OPs in Salzburg verpflichtet gefühlt, zu helfen. Ob das aber für eine deutlich mildere Bewertung als Beihilfe reicht, ist offen. In einem Rechtsgespräch hatte sich Staatsanwalt Roland Kugler gleich zu Beginn positioniert: Auf ungefähr fünf Jahre taxierte der Anklagevertreter die Strafe laut Gericht.

Das Interesse an dem Prozess war riesig: Im Zuhörerraum waren durchgehend fast alle Plätze belegt; auch von Angehörigen des Trios. Die siebte Strafkammer am Regensburger Landgerichts hat drei Verhandlungstage geplant. Ob die ausreichen, wird sich zeigen müssen: Am 27. Oktober wird mit weiteren Zeugen fortgesetzt; am 3. November würde nach aktueller Planung bereits das Urteil fallen.

Mehr als eine Stunde ließen die Strafverteidiger Helmut Mörtl (li.) und Prabhlin Sidhu den 55-jährigen Angeklagten erzählen. − Foto: Baumgarten