„Nur ein Suchtkranker versteht“: Das steckt hinter der neuen Selbsthilfegruppe „Live Clean“

Von Daniel Pfeifer · 22. Oktober 2023 um 19:00

Mit „Live Clean“ gibt es für Suchtkranke in Regensburg eine neue Anlaufstelle im Kampf gegen die Abhängigkeit. Simon Lauser gründete die Selbsthilfegruppe im September aus seinem eigenen Lebensweg heraus und hofft nun, dort Betroffene erreichen zu können. Aber wozu braucht es so eine Gruppe?

Nun, immer wieder hört man von den Schicksalen Suchtkranker, liest in der Zeitung davon, bekommt vielleicht sogar Fälle aus dem Bekanntenkreis mit. Doch zwischen „mitbekommen“ und „verstehen“ liegt ein großer Unterschied. Davon zumindest ist Lauser überzeugt.

Der 37-Jährige war bis vor viereinhalb Jahren noch alkohol- und drogenabhängig und weiß, wie schwer es für Nicht-Betroffene ist, sich in seine Lage zu versetzen und die Tücken der Sucht zu verstehen. Daher gründete er „Live Clean“. Dort sollen sogenannte „politox“-Abhängige eine ungezwungene Möglichkeit zum Austausch erhalten, ohne Programmpläne und Regelbücher.

Kampf gegen Sucht: „Es war brutal schwer“

Polytox (kurz für Polytoxikomanie) bezeichnet Menschen, die mit mehreren Abhängigkeiten gleichzeitig zu kämpfen haben. Bei Simon Lauser war es Alkoholismus sowie Kokain- und Amphetaminsucht. Dieser gefährliche Mix wurde schlimmer und schlimmer, bis 2019 dann „gar nichts mehr ging“, erzählt er. Doch er schaffte, die Kontrolle wiederzuerlangen. „Es war brutal schwer“, sagt er, “ich hatte riesiges Glück.“

Aus seiner Heimat Baden-Württemberg zog er nach Regensburg, hat hier einen festen Job und eine Freundin, die ihn unterstützt. „Ich kann mit ihr über alles reden“, schwärmt Lauser, fügt aber hinzu: „Aber sie kommt aus einem behüteten Elternhaus. Sie versteht mich, aber nicht in einer Weise, wie nur ein Suchtkranker versteht.“

Und so suchte Lauser damals als „Zugezogener“ in Regensburg nach einer Selbsthilfegruppe, nach einer Möglichkeit, mit Leidensgenossen über die dunkle Vergangenheit zu sprechen. Und er wurde fündig. Er stieß mit „DALI Politox“ auf eine Gruppe, die viele Jahre lang in Regensburg aktiv war und die genau für solche mehrfach Betroffenen wie ihn gedacht war. Doch die Freude war kurz: Der Verein steht aktuell vor der Auflösung, nachdem der engagierte DALI-Leiter Peter Birzer vor kurzer Zeit gestorben ist.

Und so entschloss sich Lauser kurzerhand, die Sache in die eigene Hand zu nehmen. Er kontaktierte KISS Regensburg, die Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen. Dort erhielt er Ratschläge und den Kontakt zum Krankenhaus Barmherzige Brüder, das einen Meeting-Raum für die „Live Clean“- Gruppentreffen stellt. Diese Nähe zwischen „Live Clean“ und der Klinik ist durchaus naheliegend. Eine medizinische Therapie können solche Gruppen natürlich nicht bieten – Simon Lauser hat auch gar keine derartigen Qualifikationen. Als Unterstützung der behandelnden Ärzte jedoch können sie sehr hilfreich sein, sagt Norbert Wodarz, der Chefarzt des Zentrums für Suchtmedizin am medbo Bezirksklinikum Regensburg.

Chefarzt sieht positive Rolle bei Therapie

Selbsthilfegruppen könnten die medizinische Therapie unterstützen und Betroffene motivieren, erklärt Wodarz: „Das Wissen, dass man einen festen Termin hat, eine eigene Gruppe, dass man Menschen kennenlernt, kann einen guten Beitrag leisten.“

Politoxikomanie sei schwer zu behandeln, sagt er. Seine Patienten, darunter auch oft Menschen unter 30 Jahren, stellen oft die „eher komplizierten Fälle“ unter Suchtkranken dar, sagt er. „Die Behandlung ist schwieriger, wenn man von allen Abhängigkeiten wegkommen will.“ Denn eine Therapie, die bei Alkohol funktioniere, könne bei Meth oder Kokain wiederum kaum anschlagen.

Eine schwere Suchtkrankheit bildet für Viele auch eine große Hürde, Hilfe zu suchen und überhaupt zu akzeptieren, dass man ein Problem hat. Bei „Live Clean“ trauten sich inzwischen die ersten Teilnehmer zum Treffen. Eine davon sagte, sie hätte wochenlang den Flyer zuhause gehabt und mit sich gerungen, hinzugehen. Am Ende habe sie sich doch getraut und sei sehr froh darüber.

„Live Clean“ trifft sich Montags alle 14 Tage von 19 bis 21 Uhr in der Klinik Barmherzige Brüder. Interessierte können sich unter live.clean@web.de oder per Telefon an 0941/ 599388610 melden. Das nächste Treffen ist am 30. Oktober.

„Das Wissen, dass man einen festen Termin hat, dass man Menschen kennenlernt, kann einen guten Beitrag leisten.“ - Norbert Wodarz, Chefarzt Foto: medbo KU Matthias Eckel