Total zugedröhnt – das war einmal Lukas’ Leben in Kelheim

Von Beate Weigert · 9. Mai 2023 um 07:00

Gras, Spice, Ecstasy, Meth, Speed, Kokain, Medikamente, Lachgas: Ein 21-Jähriger aus dem Landkreis Kelheim kämpft sich nach multipler Drogensucht zurück ins Leben. Die MPU ist nur eine Prüfung von vielen.

Lukas D. hat viele Drogen durch. Er rauchte, schnupfte und schluckte „alles, was knallt“. Erst machte ihn das glücklich und euphorisch. Dann zogen ihm die Drogen den Boden unter den Füßen weg. Total zugedröhnt floh er im Auto vor der Polizei und wurde gestellt. Er hatte Drogen zum Dealen und eine Waffe dabei. Heute sagt er: „Gut, dass das passiert ist“.

Er stand vor Gericht, verlor seinen Führerschein und er bekam die Chance – Therapie statt Haftstrafe. Der Neuanfang startete holprig. Doch seit gut zwei Jahren kommt Lukas, der im echten Leben anders heißt, von einem Ziel zum nächsten.

Er war tief unten. Der massive Konsum hatte ihm beinahe das Existenziellste geraubt. Seine Sprache. „Ich habe so viel konsumiert, ich konnte keine Sätze mehr sagen, nur Worte, die keinen Sinn ergaben.“ Es brauchte ein Jahr, bis das wieder anders war.

Suchtberatung: Hilfe gibt es bei der Caritas in Kelheim

Katharina Pfaff von der Caritas in Kelheim begleitet Lukas seit gut eineinhalb Jahren. Die Zeit hat er ohne Rückfall geschafft – und so einiges andere.

Der 21-Jährige kommt zur Nachsorge zu ihr. Aber auch auf die MPU, die medizinisch-psychologische Untersuchung, bereitet die Sozialpädagogin den jungen Mann aus dem südlichen Landkreis Kelheim vor. Die muss er bestehen, wenn er seinen Führerschein zurückhaben will.

Aktuell wartet Lukas noch auf das „Go“ vom Landratsamt. Sonst hat er viel erreicht, sagt er. Er hat sein Leben umgekrempelt. Sein starker Wille und seine Strategien für sein neues Leben stammten aus der Therapie.

Den Kontakt zu seinen alten Freunden hat er abgebrochen. Er ist umgezogen. „Anders geht es nicht“, sagt Lukas. Er hat eine neue Ausbildungsstelle, neue Hobbys, neue Freunde und eine Freundin, die hat ihn unter anderem auch mit ihrem schulischen Ehrgeiz angesteckt, sagt er und lächelt.

Seine Ausbildung zum Metallbauer macht ihm Spaß, er hat Pläne für seine Zukunft. „Bis jetzt läuft alles super.“

Früher habe er vollkommen zugedröhnt von der Berufsschule und auch sonst null mitbekommen. Der nächste Kick bestimmte sein Denken. Doch die „Scheißgefühle“ waren nicht weg, nur verdrängt. Das weiß er heute.

„Selbst tote Freunde sind einem scheißegal“

Fünf seiner Freunde seien wegen der Drogen gestorben. „Nicht einmal das, hat dich früher vom Konsumieren abgehalten“, erinnert ihn Katharina Pfaff. „Das ist einem einfach scheißegal, das Verlangen ist stärker als alles andere“, sagt Lukas über sein Suchtverhalten vor der Therapie.

Sein Leben hat auch jetzt Höhen und Tiefen, harte und gute Tage. Doch er hat gelernt mit Problemen, negativen Gefühlen und Stress anders umzugehen, sagt Lukas.

Gegen den Suchtdruck ist er allerdings nicht gefeit. „Daran wird Lukas ein Leben lang arbeiten müssen. Er weiß, dass das nie weggeht.“ Denn in seinem Suchtgedächtnis sind all die Situationen gespeichert, in denen er konsumierte. Je mehr Glücksgefühle ausgeschüttet wurden, desto größer das Verlangen.

Wenn der Druck kommt, „ist Sport gut“, sagt der 21-Jährige. Liegestütze etwa oder auch eine spezielle Atemtechnik. „Man muss sich ablenken können.“

Für MPU Abstinenz nachweisen

Für die MPU muss Lukas zwölf Monate Abstinenz nachweisen. „Ab Juli 2023 werden es für andere Betroffene sogar 15 Monate sein“, sagt Katharina Pfaff. Auch sie kosten Geld. Ein Haartest an die 200 Euro, eine Urinkontrolle knapp 100 Euro. Viele, die eine MPU brauchen, hatten Probleme mit Alkohol. In dem Fall muss man alle drei Monate eine Haarprobe abgeben. Also bislang vier Stück im Jahr.

Der Vorbereitungskurs, den auch Lukas bereits hinter sich hat, besteht aus sechs Gruppensitzungen und einem Einzelgespräch. Sorgen müssten sich betroffene nicht, dass Details publik werden. „Wir unterliegen der Schweigepflicht“, sagt Pfaff.

Die MPU selbst hat drei Teile. Eine medizinische Untersuchung soll Aufschluss geben über den körperlichen Zustand, ein Leistungstest am PC über die Reaktionsfähigkeit. Am meisten fällt das psychologische Gespräch ins Gewicht. „Dabei geht es darum, das man sein Problem verstanden und sein Verhalten verändert hat. Man muss beweisen, dass man stabil ist“, sagt Katharina Pfaff. Lukas ist guter Dinge, dass er das kann.

Medizinisch-psychologische Untersuchung

Betroffene:Laut der Auskunft des Kelheimer Landratsamts mussten im vergangenen Jahr circa 180 Männer und Frauen aus der Region zur MPU antreten, um ihren Führerschein wiederzuerlangen. MPU bedeutet, dass ein medizinisch-psychologisches Gutachten angeordnet worden ist. Die häufigsten Gründe dafür sind Alkohol- sowie Drogenauffälligkeiten.

Erfolgsquote:Ob die meisten, die eine MPU nachweisen müssen, diese beim ersten Mal bestehen, kann laut Landratsamt „statistisch nicht beurteilt werden“. Dies sei abhängig von der jeweiligen MPU-Vorbereitung. Oft erhalte das Landratsamt keine Kenntnis darüber, da die Personen nicht verpflichtet sind, das (negative) Gutachten bei der Fahrerlaubnisbehörde vorzulegen.

Vorbereitung:Vorbereitungskurse gibt es bei der Caritas in Kelheim. Der nächste startet am 15. Juni. Infos gibt es unter: Tel. 09441/5007-42. Bei der Caritas kostet die MPU-Vorbereitung 585 Euro. Für die MPU selbst (bei TÜV oder Pima in Regensburg) werden nochmals 500 bis 1000 Euro fällig. Je nach behördlicher Fragestellung. Wo man hingeht, kann man sich aussuchen.

Vor der MPU müssen Betroffene ihre Abstinenz nachweisen. -Foto: Christin Klose/dpa
Sozialpädagogin Katharina Pfaff von der Caritas -Foto: Beate Weigert