Neutraublinger Anwohner sind verärgert: Hin und Her bei der Nahwärme

Die Oder-Neiße-Straße in Neutraubling ist seit Jahren ein Problemfall: Eigentlich sollte die marode Straße längst saniert sein, passiert ist nichts. Jetzt gibt es für Anwohner einen weiteren Grund zum Ärgern.
Nachdem es lange hieß, im vorderen Teil der Straße könne keine Nahwärme verlegt werden, kam plötzlich der Umschwung. Jetzt ist die Rewag auf Akquisetour – zu spät für Anwohner wie Reinhardt Finger.
Er hat gerade das Fundament für seine neue Wärmepumpe betonieren lassen. Der Ingenieur lebt schon immer in der Oder-Neiße-Straße. Gerade saniert der 55-Jährige sein Elternhaus. Im Zuge der Renovierung wird auch die 30 Jahre alte Ölheizung ersetzt. Vor einem Jahr habe er die Auskunft erhalten, Nahwärme sei nicht möglich, erzählt er. „Dann sind im hinteren Teil der Oder-Neiße-Straße plötzlich Werbeplakate der Rewag für Nahwärme aufgetaucht.“ Da habe er nochmals nachfragt. Die Antwort: wieder negativ.
Neutraublinger Anwohner: „Schlag ins Gesicht“
Daraufhin entschied er sich für eine Wärmepumpe. Am 1. April dieses Jahres erhielt er die Auftragsbestätigung dafür. „Zwei Tage später kam ein Brief von der Rewag“, erinnert sich Finger. Nahwärme sei doch möglich, habe es darin geheißen, aber nur, wenn Anwohner dafür einen Streifen ihres Grundstücks abtreten. „Da war ich sauer“, sagt Finger. Er sei nicht bereit gewesen, Grund abzugeben. „Die Sache war für mich erledigt.“
Vor ein paar Wochen, Ende September, sei erneut Post von der Rewag gekommen, so der Ingenieur. Ob er nicht Interesse an Nahwärme hätte, lautete wieder die Frage. Von Grundstücksabtretungen war keine Rede mehr. Wie einen „Schlag ins Gesicht“ habe er das empfunden. „Die Investitionskosten wären für mich mit Nahwärme auf jeden Fall günstiger gewesen als bei der Wärmepumpe.“ Da hätte er zum Beispiel die alten Heizkörper behalten können. Inzwischen gibt es für Finger kein Zurück mehr. Das Fundament für die Wärmepumpe ist bereits betoniert. „Wären wir etwas früher informiert worden, hätte ich vielleicht noch was ändern können.“ Sowohl Stadt als auch Rewag waschen ihre Hände in Unschuld. Roland Scherzer, Rewag-Projektleiter, bestätigt, dass es aus der gesamten Oder-Neiße-Straße Anfragen gab, ob Nahwärme möglich sei. Mehrmals sei untersucht worden, was technisch machbar sei. Zunächst sei man davon ausgegangen, dass im westlichen Teil kein Platz für eine Wärmeleitung sei und diese nur im östlichen Teil verlegt werden könne, so Scherzer.
Stadt Neutraubling: Kanal muss komplett neu gemacht werden
Inzwischen habe sich seitens der Stadt herausgestellt, dass der Kanal komplett neu gemacht werden muss. Dadurch gebe es mehr Platz und somit sei in der gesamten Oder-Neiße-Straße Nahwärme möglich. Derzeit erkunde die Rewag das Interesse, man sei in der Akquise. Danach folge die Wirtschaftlichkeitsprüfung, „da wird genau gerechnet“. Scherzer ist zuversichtlich: Er geht davon aus, dass die Rewag den Anwohnern in etwa vier Wochen ein Angebot machen könne. Im Frühjahr könnten die Arbeiten starten. Insgesamt müssten in der Oder-Neiße-Straße 600 Meter Wärmeleitung verlegt werden.
Der Neutraublinger SPD-Stadtrat Markus Pesth, der auch in der Oder-Neiße-Straße wohnt, berichtet, er sei von mehreren Anliegern angesprochen worden: „Viele sind sauer. Wir waren alle wie vor den Kopf gestoßen.“ Er habe seit einem halben Jahr eine Wärmepumpe, eben weil es immer hieß, es gebe keine Nahwärme-Option. Bei ihm sei das Thema also durch. Dass Anlieger zwischendurch Grundstücksteile abgeben sollten, sei für ihn ein taktisches Manöver gewesen. „Es war klar, dass daraus nichts wird.“ Seit Jahren gehe in der Oder-Neiße-Straße nichts voran, obwohl eine Sanierung immer wieder angekündet worden sei, kritisiert er. „In Neutraubling geht es viel um Bling-Bling und dann ist kein Geld für eine marode Straße da.“
Neutraublings Bürgermeister Harald Stadler ist überrascht
Als Pesth in der letzten Stadtratssitzung das Hin und Her zur Sprache brachte, entgegnete Bürgermeister Harald Stadler: „Es ist ärgerlich, aber weder Stadt noch Rewag können was dafür.“ Das Ganze sei nicht absehbar gewesen. Auch er sei überrascht gewesen, so Stadler.
Reinhardt Finger empfindet sowohl die Nahwärmegeschichte als auch die schon ewig aufgeschobene Sanierung der Oder-Neiße-Straße als „chaotisch“. „Als Anwohner erfährt man nix.“ Im Februar soll seine neue Wärmepumpe geliefert werden. Er hofft, dass nicht genau dann eine Baustelle seine Zufahrt blockiert. Laut Stadler soll die Sanierung gleich im Frühjahr beginnen – „wenn nichts Unvorhergesehenes dazwischenkommt“.
Nahwärme-Versorgung in Neutraubling
Trassen: Nah- oder Fernwärme meint das Gleiche: Die Übertragung von Wärme über relativ kurze Strecken. In Neutraubling gibt es zwei Haupttrassen. Die Leitungen sind etwa fünf Kilometer lang. Eine Anbindung ist laut Rewag nicht überall möglich, zum Beispiel wenn zu viele Leitungen im Boden liegen oder die Hauptleitung weit weg ist.
Ausbau: Als Nächstes wird das Netz in Richtung Gewerbegebiet Nord erweitert. Noch heuer soll dort ein Biomassekraftwerk entstehen, ein weiterer Einspeisepunkt. Auch in der Bayerwald und der Dresdner Straße gibt es laut Rewag Potenzial. Mehrfamilienhäuser sind demnach interessanter als Einfamilienhäuser.