Die Kaiserkrippe Wilhelm II. kehrt aus Abensberg nach Potsdam zurück

Weihnachten wie zu Zeiten Kaiser Wilhelms II. Ein Zufall führte den Kastellan des Neuen Palais in Potsdam jetzt nach Abensberg zu einer ganz besonderen Weihnachtskrippe.
Sie ist ein Highlight in der Dauerausstellung des Abensberger Stadtmuseums und Ziel vieler Krippenfreunde. Und sie ist so besonders, dass man sich sogar in Potsdam um sie bemüht. Weihnachten wie zur Zeit Kaiser Wilhelm II. – Ein Zufall führte den Kastellan des Neuen Palais nach Abensberg Es geht um die sogenannte Kaiserkrippe aus dem Atelier Sebastian Osterrieders, die heuer in der Vorweihnachtszeit an ihren Ursprungsort zurückkehren soll – in das Neue Palais in Potsdam, einst Wohnsitz von Kaiser Wilhelm II.
Damit schließt sich quasi ein Kreis. Wenn auch, wie Jörg Kirschstein sagt, „ein dunkler Fleck“ bleibt. Kirschstein, Buchautor und ausgewiesener Hohenzollern-Experte, ist der Leiter des Schlossbereichs Neues Palais der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg. „Wir wissen sehr genau, wie Wilhelm II. und seine Familie Weihnachten gefeiert hat“, sagte Kirschstein unserer Zeitung.
Kirschstein beschreibt das Dilemma so: „Wir haben den Saal, aber kein Interieur“. In der jetzt anstehenden Weihnachtszeit soll das anders sein. Der Abensberger Krippenverein, dem die Kaiserkrippe gehört und der sie als Dauerleihgabe an das Abensberger Stadtmuseum gegeben hat, leiht die Krippe nach Potsdam aus.
Ein Zufall führte ans Ziel
„Ich wusste, dass es eine Krippe gegeben hat“, sagt Jörg Kirschstein. So gibt es beispielsweise eine von Hand gezeichnete Skizze aus dem Jahr 1909, in der der Standort einer Krippe im weihnachtlich geschmückten Grottensaal eingezeichnet ist – vor einem Fenster an der Gartenseite. Aber der originalen Krippe, die seit mittlerweile über 20 Jahren im Abensberger Stadtmuseum gezeigt wird, ist er erst heuer auf die Spur gekommen. Eine Kollegin habe in einem Buch über die Krippe gelesen und ihm den Hinweis gegeben, sagt Kirschstein. So kam es, dass er beim Abensberger Krippenverein anklopfte.
Bereits in der Vergangenheit hatten andere Museen beim Krippenverein angefragt, die Kaiserkrippe leihweise zu bekommen – ohne Erfolg. Denn es gibt einen Beschluss des Vereins, dieses Kunstwerk nicht auszuleihen. „Aber die Krippe an ihren Ursprungsort zurückkehren zu lassen, ist doch etwas Besonderes“, so Peter Hübl vom Krippenverein.
Wenn die Formalien abgeschlossen sind, wird ein fachliches Team der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten nach Abensberg kommen, um die Krippe fachmännisch zu verpacken und nach Potsdam zu überführen.
Mit der Rückkehr der Krippe an ihren Ursprungsort für kurze Zeit bleibt aber eine Frage nach wie vor unbeantwortet: Wo befand sich die Krippe, nachdem Kaiser Wilhelm II. 1918 abgedankt hatte und ins Exil gegangen war? „Das ist noch ein dunkler Fleck“, sagt Jörg Kirschstein zur Historie des Kunstwerkes, „wir wissen nicht, was mit ihr passiert ist.“ Der offenbar letzte Nachweis war eine Abbildung der Krippe im Deutschen Volksblatt vom 21. Dezember 1912. Bekannt ist, dass die Krippe in den 1970er Jahren in die Region gekommen war. Der damals auf Schloss Adlhausen lebende Kunsthändler Johann Kurt Trützschler hatte sie auf einer Auktion in Köln ersteigert.
Eine Lücke bleibt in der Historie der Kaiserkrippe
2000 berichtete die Mittelbayerische darüber. Im Jahr darauf gründete sich der Krippenverein mit dem Ziel, die Krippe dauerhaft nach Abensberg zu holen und den Ankauf der Krippe zu finanzieren. Die Stadt konnte diesen Betrag selbst nicht stemmen. Es ging um 56000 Euro.
Unwahrscheinlich ist, dass Kaiser Wilhelm II. die Krippe mit ins Exil genommen hat. Kirschstein hat auf Schloss Amerogen und Haus Doorn in den Niederlanden recherchiert. Sein Ergebnis: Es wurden keinerlei Listen gefunden, die eine Krippe verzeichneten. Eine Hoffnung hat Kirschstein noch: Für das Neue Palais, für das er zuständig ist, gibt es ein zehnbändiges Inventarverzeichnis. Acht Bände hat er bereits durchgearbeitet, zwei hat er noch vor sich. „Vielleicht finde ich da die Krippe ja noch.“
Die Kaiserkrippe wird bei den Weihnachtsführungen im Neuen Palais in Potsdam gezeigt
„Kaiserliche Weihnachten“ finden seit einigen Jahren im Neuen Palais in Potsdam statt. Die Führungen enden im weihnachtlich geschmückten Grottensaal, in dem einst die Familie des Kaisers in den Jahren 1889 bis 1917 Weihnachten gefeiert hat. Wie das ausgesehen hat, gibt diese Überlieferung wider: „Ein einzigartiges Bild bot der Grottensaal am Heiligen Abend. Das Kerzenlicht der Kronleuchter und Wandbranchen brachte die mit Kristallen und edlen Steinen dekorierten Wände zum Funkeln.
Prinzessin Victoria Luise, die Tochter Kaiser Wilhelms II., schrieb in ihren 1967 erschienen Erinnerungen: „Das Weihnachtsfest bedeutete für uns Geschwister den Höhepunkt des Jahres.“
Die Weihnachtsführung mit Glühwein und Punsch findet ab Ende November jedes Wochenende bis Weihnachten, in den Weihnachtsferien und bis ins neue Jahr statt. Die Weihnachtsführung mit Schlossleiter Jörg Kirschstein am 20. Dezember ist bereits ausgebucht.
Info: spsg.de/aktuelles
Im Abensberger Stadtmuseum gibt es eine umfangreiche Osterrieder-Sammlung
Der gebürtige Abensberger Sebastian Osterrieder (1864 –1932) gilt als der Erneuerer der künstlerischen Krippenkultur. Weltweit sind um die 120 Osterrieder-Krippen bekannt, unter anderm auch in Schweden, Mexico und den USA. Das Abensberger Stadtmuseum beherbergt die wohl umfassendste Sammlung zu Osterrieder. 2005 hat Renate Vogel, die Enkelin Sebastian Osterrieders, der Stadt Abensberg den Nachlass Sebastian Osterrieders als Dauerleihgabe übergeben.
Darunter befinden sich zahlreiche Figuren, Modeln, Musterbuch und Halbfertigprodukte. Ein Teil davon ist im Stadtmuseum zu sehen und ermöglicht einen Einblick in das künstlerische wie handwerkliche Schaffen Osterrieders. Er goss seine Figuren in dem von ihm selbst entwickelten „Französischen Hartguss“ aus Hasenleim, Champagnerkreide und Gips. Er bettet die Szene der Geburt Jesu gerne in eine Ruinenlandschaft, auch bei der sogenannten Kaiserkrippe. Diese ist auch „ohne Kontext“ allein wegen ihrer Größe etwas Besonderes im Abensberger Museum, sagt dessen Leiterin Beatrice Wichmann. Die umfangreiche Osterrieder-Sammlung zieht auch immer Besucher und Gruppen aus Fachkreisen an.
Und wie ist Kaiser Wilhelm an die Krippe gekommen? Dazu gibt Hermann Vogel, der Ehemann der Osterrieder-Enkelin in seinem 2009 erschienen Buch „Sebastian Osterrieder – der Erneuerer der künstlerischen Weihnachtskrippe“ Auskunft. Vogel zitiert zeitgenössische Zeitungen. Demnach habe Osterrieder 1907 einen Teil seiner Krippe im Berliner Schloss aufgebaut, wo Kaiserin Auguste Victoria Osterrieder empfing. Da er damals über einen Förderer verfügte, habe er die Krippe der kaiserlichen Familie gestiftet. Und er nutzte die Bezeichnung „Krippe Sr. M. Kaiser Wilhelm II.“ marketingtechnisch in seinen Werbedrucken aus.



