Endlich eine Stimme, die zählt: Zwei Syrer berichten von erster freier Wahl in Regensburg

Von Benedikt Baumgartner · 10. Oktober 2023 um 15:00

Rund 1800 Menschen wurden in Regensburg seit der Bundestagswahl 2021 eingebürgert. Für sie war die Landtagswahl nun die erste Gelegenheit, hier ihre Stimme abzugeben. Zwei Syrer berichten vom Gefühl, erstmals demokratisch wählen zu können. Ihr Kreuzchen setzten sie ganz unterschiedlich.

Schnell muss es gehen, will Mohamad Alyamani seine Stimme noch abgeben. Er muss am Wahlsonntag kurzfristig in der Arbeit einspringen, Sicherheitsdienst von 5 bis 17 Uhr. 15 Minuten, bevor die Wahllokale schließen, macht er seine Kreuzchen. Noch in Arbeitskleidung, so sehr hat er sich beeilt. „Das Gefühl, dass ich wählen konnte, war sehr schön“, sagt Alyamani am Montag nach der Wahl. „Das habe ich das erste Mal erlebt, dass meine Stimme gezählt wird.“

Seit März ist der aus Syrien stammende 23-Jährige eingebürgert, bei der Landtags- und Bezirkswahl durfte er erstmals wählen. Für Alyamani, der 2015 als 15-Jähriger mit einem älteren Bruder über die Türkei und Griechenland Richtung Deutschland floh, war es generell die erste Wahl seines Lebens, die Scheinwahlen in Syrien kennt er nur von seinem Vater. In Idlib arbeitete der in einer Behörde. Nicht wählen gehen? Dann wären Nachfragen gekommen, es wäre gefährlich geworden. „Es wurde ganz genau hingeschaut, wen man wählt.“ Es gab nur eine Option: Präsident Assad bestätigen.

Scheinwahlen in Syrien

Maen Soufan, 29 Jahre alt, ebenfalls aus Syrien und seit November eingebürgert, hat die Erfahrung einer unfreien Wahl gemacht. „In Deutschland hat man das Recht zu wählen, in Syrien die Pflicht“, erzählt er. Sonst droht die Festnahme. Als er in Damaskus in das Wahlbüro kam, war sein Stimmzettel bereits angekreuzt. Natürlich bei Assad. Auch die anderen Wähler dort haben auf ihn nicht den Eindruck gemacht, als gingen sie aus freien Stücken an die Wahlurne.

„Das war wie ein Theaterspiel“, lautet sein Fazit. „Jetzt habe ich die demokratische Seite, die richtige Seite kennengelernt.“ Auch Soufan konnte am Sonntag erstmals bei einer Wahl in Deutschland frei abstimmen. Große Bedeutung hat das für ihn gehabt. „Ich durfte hier an der Demokratie aktiv teilnehmen. Ich war sehr stolz.“

Seit 2015 ist Soufan in Deutschland. Aus Amberg kam er nach Regensburg, um an der OTH Betriebswirtschaft mit technischer Ausrichtung zu studieren. Seit August hat er seinen Abschluss in der Tasche, bald tritt er seine erste Stelle an. Er ist angekommen, Regensburg und Bayern bezeichnet er als zweite Heimat. Die kann er jetzt als Wähler politisch mitgestalten.

Die entscheidende Frage: Wen wählen?

Soufan ging mit seiner Mitbewohnerin zur Stimmabgabe, Alyamani hat zuvor bei einem Freund nachgefragt, wie wählen überhaupt funktioniert. Auch die Wahlhelfer haben ihm geholfen, sie seien interessiert und offen gewesen. Bleibt die entscheidende Frage: Wo das Kreuz setzen? Soufan wünscht sich, dass es mehr Informationsveranstaltungen für neue Mitbürger vor einer Wahl gibt. „Wir sind seit acht Jahren da, wir sind jetzt Teilnehmer an der Gesellschaft“, sagt er. Die Mehrheit seiner syrischen Freunde hat zwar gewählt, durch gezielte Aufklärung über den Ablauf einer Wahl und die verschiedenen Parteien könnte aber noch mehr Teilhabe geschaffen werden. Alyamani erzählt, dass er unter seinen syrischstämmigen Bekannten die Ausnahme sei, die sich für deutsche und bayerische Politik interessiere und an der Wahl teilnehme.

Aktiv politisch gebildet hat sich Soufan im Monat vor der Landtagswahl. Der Wahl-O-Mat hat ihm eine grobe Orientierung verschafft. Seine Wahlentscheidung hat er nach Austausch mit Freunden, Nachfragen an Infoständen von Parteien, der Teilnahme an einer Diskussionsrunde mit Politikern gründlich abgewogen. Durch sein Engagement bei Campus Asyl kannte Soufan den ein oder anderen Kandidaten persönlich. Wichtige Themen sind für ihn der Umgang mit Migranten und mit der Umwelt.

Die Wahl bleibt geheim

Auch Mohamad Alyamani hat sich die Entscheidung, wem er seine Stimme geben will, nicht leicht gemacht. Er hat nachgelesen, wofür die Parteien stehen, Programme studiert. „Ich habe nicht nachgeschaut, welche Partei am offensten mit Flüchtlingen umgeht, sondern welche Partei es am besten für Deutschland und für Bayern macht. Und diese Partei habe ich dann gewählt“, erklärt Alyamani. Besonderes Gewicht misst er den Themen Wirtschaft und Erhalt der Sicherheit bei.

Wen er gewählt hat, rutscht ihm nicht über die Lippen. Die freie und geheime Wahl, für Alyamani ist sie keine Selbstverständlichkeit und daher umso kostbarer. Nur so viel: Mit dem Ergebnis der Landtagswahl ist er zufrieden. Anders ist die Gefühlslage bei Maen Soufan, als er die Hochrechnungen sieht. „Ich war ein bisschen traurig“, sagt er. Des einen Freud’, des anderen Leid, auch das gehört zur Demokratie. Und auch bei Soufan überwiegen Stolz und Freude, dass er seine Stimme zählen lassen konnte.

Zahlen zum Thema

Erstwähler: Rund 1800 Menschen wurden in Regensburg seit der Bundestagswahl 2021 eingebürgert und konnten bei der Landtagswahl somit erstmals ihre Stimme abgeben. Die Gesamtzahl der Erstwähler betrug 6795.

Teilhabe: 125529 Regensburger waren wahlberechtigt zur Landtagswahl. Wie viele eingebürgert sind, ist nicht zu ermitteln. Rund 28500 Erwachsene mit ausländischer Staatsbürgerschaft sind in Regensburg gemeldet. Sie dürfen nicht wählen.