Ganz Ohr: Vier Musiker zeigen in völliger Finsternis ihren sechsten Sinn

Von Gerhard Dietel · 22. September 2023 um 16:00

Blindes Vertrauen: Miguel Pérez Iñesta und Matthias Halvorsen (von links), zwei der vier Mitglieder des Ensembles Lights out, das jetzt beim Kammermusikfestival Regensburg gastierte Foto: Anna-Julia Granberg

Musik hören und alle anderen Eindrücke ausblenden: Das Ensemble Lights out hat das Dunkelkonzert entwickelt. Jetzt gastierte es beim Kammermusikfestival Regensburg – im stockfinsteren Leeren Beutel.

„Es ist nicht schwer, Musik zu hören, es sei denn, man hört wirklich zu“, so ein John Cage zugeschriebenes Zitat. Aber wie soll man bei der Begegnung mit Klängen ganz Ohr werden, wenn andere, zumal optische Reize die Aufmerksamkeit ablenken? Ganz einfach: Der Augensinn muss ausgeschaltet werden. So die Idee des Ensembles Lights out, das in den letzten Jahren das Dunkelkonzert entwickelt hat und das Modell nun im Rahmen des Kammermusikfestivals beim Jazzclub im Leeren Beutel präsentierte.

Unsicher tastend betritt man den nur von spärlichen Kerzen erleuchteten Saal auf der Suche nach einem Sitzplatz, bis sich die Augen allmählich an das Dämmerlicht gewöhnt haben. Dann werden auch die letzten Lichter gelöscht. Wer meint, wenigstens die vier Künstler bedürften einiger Leuchten, wird verblüfft. Miguel Pérez Inesta (Klarinette), Mathias Johansen (Cello), Magnus Boye Hansen (Violine) und Mathias Susaas Halvorsen (Klavier) musizieren ebenfalls in der Finsternis. Wie sie es schaffen, ihre schwierigen Partien auswendig – besser: inwendig – zu beherrschen, blind die richtigen Griffe auf ihren Instrumenten zu finden und mit sechstem Sinn einander zu spüren, ohne Blickkontakt in einem Geiste zusammenzuwirken: Es bleibt ein Wunder und ein Rätsel.

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„Durch die vollständige Blockierung der Sicht erleben die meisten Menschen bereits in den ersten fünf Minuten, wie ihr Gehör zum Leben erwacht“, verspricht das Programmheft. Dass diese Verheißung sich erfüllt, liegt auch an der präsentierten Musik, die fordernd in existentielle Tiefen lotet. Olivier Messiaens von der biblischen Apokalypse inspiriertes „Quatuor pour la fin du temps“ ist so wenig leicht zu spielen wie aufzufassen. Durch angsteinflößende Visionen des Weltendes, doch auch in sphärische Regionen schicken die Musiker ihre Zuhörer: Kantiges Unisono formen sie in der wahrhaft „steinernen“ Musik des „Danse de la fureur“, lassen jedoch als tröstliches Gegengewicht lebendige Vogelstimmen erschallen und schier unendliche, jedes Zeitgefühl aufhebende Cello-Kantilenen. Beklemmend wirkt es, wenn dazwischen, im „Abime des oiseaux“, Klarinettentöne aus dem Nichts entstehen und sich bis zur Schmerzgrenze steigern.

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Dann entschweben, im wiederum wie der Zeit enthobenen Schlussteil, die letzten Töne der Violine, zart grundiert vom Klavier, in himmlische Höhen. Lange Stille folgt. Was tun in dieser ungewohnten Situation? Endlich wagt jemand zu applaudieren, das Konzert-Ritual bricht sich Bahn. Und doch nicht ganz. Während eine Kerzen-Notbeleuchtung wieder etwas Helle verbreitet, entwickelt sich ein reges Gespräch zwischen Publikum und Musikern über das Erlebte. Falls es ein Anliegen der Festival-Veranstalter ist, eingefahrene Gewohnheiten aufzubrechen: Mit dieser zweiseitigen Kommunikation ist es gelungen.

Matthias Johansen und Magnus Boye Hansen (v.l.) vom Ensemble Lights out Foto: Anna-Julia Granberg