Piepsen, Pluckern, Prickeln: Ganz neue Töne unter dem Label Kammermusik

Das Melt Trio gastierte mit seiner originellen Musik beim Regensburger Festival im prächtigen Spiegelsaal – ein bewusst gesuchter Kontrast. Ein wenig Club-Atmosphäre hätte vielleicht doch nicht geschadet.
Haben wir beim Kammermusikfestival Regensburg recht gehört? Besinnt sich da gerade eine junge Musikergeneration auf die Historie der elektronischen Musik? Klang es beim Duo Fallwander im Sonntagskonzert mit StimmGold mitunter so, als würden die Synthie-Sounds der frühen 1980er genussvoll wiederentdeckt, so schien beim Melt Trio die noch einmal ein paar Jahrzehnte ältere analoge Klangsynthese fröhliche Urständ zu feiern. Gitarrist Peter Meyer jedenfalls entlockte im Spiegelsaal der Regierung der Oberpfalz seinem Mischpult so manches Piepsen, Pluckern und Prickeln, das an die Pionierzeiten der elektronischen Avantgarde eines Stockhausen oder Ligeti erinnerte. Im Kontext eines im weitesten Sinne dem Jazz zugehörigen Trios mit Bass und Schlagzeug bekam das dann aber doch eine ganz andere Färbung: Zufall und Improvisation statt Berechnung und Festlegung.
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Interessant wurde das vor allem dort, wo diese spontan ausfransenden, leider auch etwas hermetisch wirkenden Passagen sich schließlich in rhythmische oder motivische Muster konkretisierten und festere, zumindest entfernt songartige Strukturen anstießen. Dann nämlich schlug die Stunde des Melt Trios als Kollektiv. Bernhard Meyer am Bass steigerte und verdichtete sein federndes E-Bass-Spiel zu flächigem Groove, über dem sich Peter Meyers sphärische Gitarrensoli erhoben; Moritz Baumgärtner am Schlagwerk stellte jegliches rhythmisches Sicherheitsgefühl aber auch sofort wieder in Frage. Mit überbordender Kreativität entlockte er seinem Set nebst zahllosen weiteren Klangerzeugern eine Fülle perkussiver Lautäußerungen, die den artifiziellen Saitenverzerrungen und -verfremdungen der Meyer-Brüder eine angenehme Körperlichkeit und Haptik verpasste.
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Einer dieser Klangerzeuger, ein Megaphon, diente einer Nummer namens „Mondberg“ als mehr sicht- denn hörbares Requisit. Baumgärtner gab zu, sich bei jedem Konzert eine neue Geschichte auszudenken, um den Songtitel zu erklären. Diesmal sollte das Publikum sich offenbar auf die uns abgewandte Seite des Mondes versetzt fühlen, neuen Klängen lauschend oder eigene ins All aussendend. Gerne doch.
Die Festivalmacher rund um den Jazzpianisten Lorenz Kellhuber, der mit Moritz Baumgärtner im eigenen Trio spielt, legen den Kammermusikbegriff bewusst weit aus und wollen Genregrenzen auch durch neue Präsentationsformen und ungewöhnliche Konzertorte als durchlässig markieren. Das Melt Trio im prächtigen, hell erleuchteten Spiegelsaal auftreten zu lassen, sollte deren originelle, oftmals unerhörte Musik wohl nobilitieren und bewusstes Zuhören statt intuitives Abtauchen befördern. Leider unterstrich das gediegene Klassik-Ambiente eher die an diesem Abend ein Stück weit selbstreferenziell wirkende, in den Steigerungsverläufen sich durchaus mal wiederholende Seite des Trios. Ein wenig Club-Atmosphäre hätte vielleicht doch nicht geschadet.