Klassik, Jazz, Elektroklänge und Gypsymusik: Festival zeigt Lust auf Experimente

Von Marianne Sperb · 12. September 2023 um 05:00

David Weiss vom David & Danino Weiss Quartett ist einer der Künstler beim vierten Kammermusikfestival Regensburg. Start ist am 16. September. Foto: Juan Martin Koch

Wer bei Kammermusik an Biedermeier oder Barock denkt und an intime Hauskonzerte mit Streichern, liegt nicht verkehrt, aber das weite Spektrum des Genres ist da noch längst nicht erfasst.

Das Regensburger Kammermusikfestival (KMF), das eine kleine Truppe mit großer Kühnheit 2020 gestartet hatte, macht von 16. bis 24. September in zehn Konzerten alle Spielarten hörbar – von Jazz bis Gypsy, von Klassik bis zu zeitgenössischen Kompositionen und Elektromusik.

Kammermusik, das ist die Überzeugung der Festivalmacher Lorenz Kellhuber, Benedikt Wiedmann und Christoph Pickelmann, kann alles sein, was Interaktion von Musikern oder Künstlern voraussetzt, und findet überall statt, wo im Zusammenspiel von individuellen Energien und Persönlichkeiten Neues entsteht. Das muss übrigens nicht im Konzertsaal sein, wie das Festival zeigt, sondern kann auch im Spiegelsaal der Regierung oder in einer Diskothek sein.

Festival holt international gefeierte Ensembles nach Regensburg

Stilistisch lässt das Festival nichts aus. Der Horizont reicht von Haydn und Beethoven im Konzert von Trio Vivente bis zu m Mix aus Sinti-Musik und Jazz des David & Danino Weiss Quartetts. Blasmusik vom Feinsten verspricht die Kapelle So & So. Die Camerata Goltz baut eine Brücke zwischen Jazz, klassischer Streichermusik und Elektroklängen. Und Ambient Chamber Pop des Duos Fallwander verbindet sich mit dem Gesang des Ensembles Stimmgold.

Das Festival, das 2023 unter dem Motto „Höhenflug – Grenzenlos“ steht, holt international gefeierte Ensembles nach Regensburg, wie das Melt Trio aus Berlin, eines der innovativsten Jazz-Gitarrentrios der Zeit und gibt Formationen mit regionaler Beteiligung wie dem Insomnia Sextett, bei dem Tomas Skweres, Solo-Cellist am Theater Regensburg, und die Geigerin Yui Iwata-Skweres, spielen, eine Bühne, genau wie jungen Talenten der „Next Generation“, wie eins der Konzerte überschrieben ist.

Seit dem Debüt 2020 hat sich das Projekt kräftig entwickelt, neue Kooperationen gesucht und eine Reihe neuer Formate hinzugewonnen. „Zahl so viel du willst“ heißt eines. „Die Idee ist: möglichst vielen Menschen Zugang geben“, sagt Benedikt Wiedmann, „andererseits aber auch nicht die Umsonst-Mentalität in der Kultur fördern.“ Bei zwei Konzerten halten die Veranstalter die Ticketpreise niedrig. Mit einem Fünfer ist man dabei. „Wir freuen uns, wenn Besucher mehr geben.“

Ein zweites Novum: das Mitsingkonzert, offen für jeden Sänger und jede Sängerin, die in der Minoritenkirche das Brahms-Requiem aufführen möchten, mit zwei Klavieren, ohne Orchester und wenigen Proben. Das Experiment lässt sich gut an: An die 90 Menschen haben sich für den ungewöhnlichen Chor gefunden.

Im Leeren Beutel: Musik im Dunkeln erleben

Ein Experiment wagt das Festival mit „Lights out“. Die Besucher hören im Leeren Beutel das „Quartett für das Ende der Zeit“ von Messiaen in vollständiger Dunkelheit. „Ein ganz anderer Fokus entsteht, eine intensive Sinneswahrnehmung“, schildert Wiedmann, der „Lights out“ in Oslo erlebt hat.

Die Festivalmacher wollen neues Publikum und erreichen, junges vor allem. Stefan Shen, der im Team den Bereich Education und Schule übernimmt, organisiert Schulbesuche von Künstlern, auch das Dunkelkonzert wird für Schulklassen zugänglich gemacht.

Was Kammermusik alles kann, bis hin zu ihrer sozial-gesellschaftlichen Rolle, diskutieren Organisatoren, Partner und Sponsoren im Degginger. Und sogar fürs Auge gibt das Festival Futter: mit Kunst an den Konzertorten und in einer Ausstellung im Degginger.