Wummernde Beats und verwobene Stimmen beim Kammermusikfestival Regensburg

Die drei Auftaktkonzerte des Festivals überraschten mit neuen Klängen. Noch bis 24. September sind in Regensburg Konzerte zu erleben, die Hörgewohnheiten herausfordern – eines davon sogar in vollständiger Dunkelheit.
Tobias Preisig hat den Bogen beiseite gelegt und hält seine Geige wie eine E-Gitarre unterm Arm. Der verstärkte Sound, wenn er darauf Akkorde schrummt, zeigt in Richtung Dancefloor – wie die Schnecke seines Instruments.
Die Momente, in denen sich Preisig und die Streicher der Camerata Goltz dem Überwältigungskitsch dieser diskotauglichen Neoklassik konsequent hingaben, waren die ehrlichsten und somit überzeugendsten beim Crossover-Konzert des vierten Kammermusikfestivals Regensburg im Altstadt-Club Heart. Der Komponist und Improvisator gab als etwas erhöht postierter Stehgeiger mit harmonisch schlichten Motivschleifen die Stimmung vor; digitale Beats, ein wummernder Synthiebass, Echo- und Halleffekte taten ein Übriges. Es muss ja nicht immer subtil sein.
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Eingeschoben in die von Michel Gsell für die große Streicherbesetzung orchestrierten Showpieces waren die kammermusikalisch ambitionierten Sätze des ursprünglich für Streichquartett komponierten Zyklus „Break away“ von Jessie Montgomery. Die postmodern an Bartók und Britten sich orientierende, im Zusammenspiel durchaus heikle Musik hätte eine sorgfältigere Einstudierung vertragen können. Als Kontrast zum süffigen Preisig-Sound funktionierte das aber. Der große Erfolg beim durchaus jungen Publikum in der passenden Location gab den Machern jedenfalls recht.
Jugendlich hatte der Festival-Sonntag auch begonnen. Eine Matinee im Haus der Musik bot Nachwuchsensembles aus Regensburg und Nürnberg ein Podium, das diese mit Verve zu nutzen verstanden. Das Trio Tremolo mit Heiko Giel (Violine), Johanna Schiekofer (Cello) und Aeneas zum Kolk (Klavier) stürzte sich temperamentvoll in den Kopfsatz von Mendelssohns erstem Klaviertrio und traf auch die Stimmung von Piazzollas „Invierno porteño“ gut.
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Mit Earl Vasanthakumar (Violine), Jamie Hutterer (Viola) und Annabel Blaschke (Cello) bildet Heiko Giel außerdem das Next Generation Quartet, das nach dem Finale aus Haydns „Reiterquartett“ eine veritable Uraufführung mit Bravour meisterte: Der Jazzpianist Paul Bernewitz, der zuvor mit seinem Trio (mit Loreen Sima am Bass und Jonas Sorgenfrei am Schlagzeug) eigene Stücke mit Anklängen an Wayne Shorter und Thelonious Monk präsentierte, hat ein beachtliches, mit knapp 30 Minuten allerdings zu lang geratenes Streichquartett komponiert.
Die dominierende Stimmung eines in enger Lage in nachdenklichem Choralgestus sich verströmenden Kollektivs wird bisweilen rhythmisch belebt und durch melodische Hoffnungsgesten in höheren Lagen aufgehellt. Ob im Jazz oder im „ernsten Fach“: Den Namen Paul Bernewitz darf man sich merken.
Hellwache Sachwalter neuer Klänge
Längst einen Namen hat sich das Vokalensemble StimmGold gemacht, nicht zuletzt durch sein Engagement in Sachen zeitgenössische Musik. So standen beim Eröffnungskonzert des Festivals in der Dreieinigkeitskirche wieder drei Finalwerke des Regensburger Kompositionswettbewerbs auf dem Programm, wobei sich das schließlich mit dem 2. Preis ausgezeichnete „Herzzeit“ von Arsen Babajanyan knapp, aber verdient den im Laufe des Abends ermittelten Publikumspreis holte. Unmittelbar einleuchtend, ohne plakativ zu werden, teilt der Komponist hier Auszüge aus dem Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan auf die Frauen- und Männerstimmen des Ensembles auf – ein vielfach ineinander verwobener, vom Hauch der Zeit durchwehter Dialog als Zeugnis einer komplizierten Beziehung.
Wie das in seiner Dauererregung etwas eindimensionale „A cloud full and straight“ von Sissi Makropoulou (3. Preis) bezieht auch das „De Profundis“ von Daniel Toledo Guillén (1. Preis) die Möglichkeiten des Duos Fallwander mit ein: Teresa Allgaiers Violine und Theresa Zarembas Elektronik bilden neben dem Vokalklang weitere Ebenen in einem Stück, dem ein wenig der Fokus fehlt.
Sympathisch in ihrem Retro-Synthie-Sound waren die Verfremdungen, mit denen Fallwander die sechs Vokalisten in drei Reger-„Reminiszenzen“ umspielten. Bei den Reger-Originalen aus dessen Opus 39 hatten Lucia Boisserée, Christina Müller, Marlene Kraft, Christoph Schäfer, Marlo Honselmann und Jakob Steiner bisweilen mit der vertrackten Chromatik zu kämpfen. Dafür waren sie aber hellwache, kompetente Sachwalter der neuen Klänge, die uns das Kammermusikfestival Regensburg dankenswerterweise zum Auftakt servierte.