Hält das Kelheimer Netz den E-Boom aus? Experte Frank Wirtz im Interview

Viele fürchten, das Stromnetz könne der Belastung durch Elektroautos nicht standhalten. Frank Wirtz vom Bayernwerk ist Verantwortlicher für genau dieses Thema im Landkreis Kelheim. Im Interview erklärt er, ob es Grund zur Sorge gibt, wie viel Ausbau nötig ist und was das alles mit dem Alien „Alf“ zu tun hat.
Immer mehr Autos, Busse und Züge fahren elektrisch. Ist unser Stromnetz stabil genug, um diese Mehrbelastung zu stemmen?
Frank Wirtz: „Zum heutigen Stand ist das Stromnetz tatsächlich sehr stabil ausgebaut. Wir haben knapp 200.000 Elektroautos in Bayern, die können wir sehr gut versorgen. Aber wir erwarten bis Anfang der 2030er-Jahre einen Anstieg auf zwei Millionen. 2040 können es über sechs Millionen sein. Das sind dann schon Mengen, auf die unsere Netze nicht ausgelegt sind. Da gibt es einiges zu tun.“
Was zum Beispiel?
Wirtz: „Kelheim ist ein großer Landkreis, auch hier wird das Stromnetz angepasst werden müssen. Wir haben in den vergangenen 15 Jahren schon die Niederspannungsnetze verstärkt, in erster Linie für Photovoltaik. Das kommt uns jetzt zugute. Wir gehen aber davon aus, dass wir unter anderem rund 90 Prozent der Ortsnetzstationen, der Trafostationen, bis 2040 verstärken müssen. Das ist ein enormer Handlungsbedarf, im Kreis Kelheim wären circa 900 Ortsnetzstationen betroffen.“
Stromverbrauch steigt durch Elektroautos
Seit 15 Jahren sinkt der Stromverbrauch Deutschlands. Rechnen Sie durch die Elektromobilität wieder mit einem Anstieg?
Wirtz: „Wir gehen tatsächlich davon aus. Man kann das ja für 2030 überschlagen: Zwei Millionen Elektroautos in Bayern, die jährlich 14.000 Kilometer fahren – das macht fünf bis sechs Terawattstunden pro Jahr, die allein durch die Elektromobilität hinzukommen werden. Das ist so ungefähr die Hälfte der jährlichen Stromproduktion des Kernkraftwerks Isar 2. Dazu kommt nochmal ein ähnlicher Strombedarf durch Wärmepumpen. Bis zum Erreichen der Klimaneutralität 2040 kommen so bis zu 25 Terawattstunden dazu. Bei einem Stromverbrauch in Bayern von derzeit rund 80 Terawattstunden ist das schon eine Größenordnung.“
Haben Sie die US-Serie „Alf“ geschaut?
Wirtz: „Ha ha, ja habe ich, das war genau meine Zeit.“
In der Serie explodiert Alfs Heimatplanet Melmac, weil alle Bewohner gleichzeitig ihre Föns einschalten. Ein ähnliches Horrorszenario für das Stromnetz fürchten Kritiker, sollte jeder Deutsche gleichzeitig sein E-Auto laden. Wie realistisch ist diese Sorge?
Wirtz: „Alf würde jetzt wahrscheinlich sagen: Null Problemo. Aber nein, das müssen wir etwas differenzierter betrachten. Es ist grundsätzlich sehr unwahrscheinlich, dass alle gleichzeitig ihren Fön einschalten und auch sehr unwahrscheinlich, dass alle gleichzeitig ihr Elektroauto laden. Wir haben herausgefunden: Wenn man in einem Ortsnetz mehrere hundert Ladepunkte hat, laden nie mehr als 40 Prozent gleichzeitig. Noch geringer wird die Gleichzeitigkeit, wenn man ein Umspannwerk für zehntausende Personen dimensioniert.“
Also muss man nicht für den absoluten Extremfall bauen?
Wirtz: „Wichtig für die Dimensionierung der Netze ist die maximale Leistung, die übertragen werden muss. Wenn man es mit dem Straßennetz vergleicht, wäre es der Stau in der Rush Hour, der für uns relevant ist. Das ist zum Beispiel die typische Mittagsspitze, wenn die Industrie produziert und in Haushalten gekocht wird. Jetzt kommt eben ein neues Verhalten, eine neue Spitze, durch die Elektromobilität hinzu: Wenn viele nach Hause kommen und ihr Elektrofahrzeug anstecken. Aber auch hier gilt: Der eine kommt früher heim, der andere später, der Zweitwagen hat vielleicht mittags schon geladen. Dann ist der eine schon mit Laden fertig, wenn der andere erst anfängt. Und viele laden ja auch gleich auf der Arbeit. Solange dieser Schwarm ungesteuert ist, gibt es weniger Staus im Stromnetz.“
Was meinen Sie mit einem ungesteuerten Schwarm?
Wirtz: „Es kann in Zukunft auch sein, dass Elektroautos zum Beispiel auf Strommarkt-Signale reagieren, auf einen spezifischen Strompreis. Das würde dann natürlich dazu führen, dass alle intelligenten Elektroautos gleichzeitig merken: ‘Ach, jetzt ist der Strom günstig, jetzt fange ich an zu laden.‘ Bei so großen Gleichzeitigkeiten müssten dann entweder die Netze angepasst werden oder – was schon in der Diskussion ist – bei Engpässen steuernd eingegriffen werden.“
Eingegriffen? Dass einige Stationen keinen Saft bekommen?
Wirtz: „Bis der nötige Netzausbau erfolgt ist, könnte es in der ‘Rush Hour‘ zu Begrenzungen der Ladeleistung kommen. Abschaltungen sind nicht vorgesehen oder nur für den Störungsfall denkbar. Aber bis es so weit kommt, ist unser Netz im besten Fall schon intelligent.“
Wie kann ein Stromnetz denn intelligent sein?
Wirtz: „Elektromobilität ist ja ein wunderbares Beispiel: In Zukunft ist es nicht mehr einfach nur ‘Einstecken und Laden‘, sondern in Form von bidirektionalem Laden kann Strom wieder an die Netze abgegeben werden. So werden E-Autos zu mobilen Speichern, die im Netz herumfahren und es auch stabilisieren können. Daher ist unser Ziel, unsere Netze soweit zu digitalisieren, dass Elektroautos flexibel agieren können. Meist stehen sie ja nur herum, da ist es egal, ob sie um 17 Uhr laden, um 1 Uhr nachts oder vormittags. So können wir auf der einen Seite Engpässe vermeiden und auf der anderen Seite unnötigen Ausbau verhindern. Der ist schließlich teuer.“
Aber auf Baustellen muss man sich im Landkreis Kelheim trotzdem einstellen?
Wirtz: „Wir werden die Netze ausbauen müssen. An manchen Stellen werden neue Ortsnetzstationen gebaut werden müssen. Und ja – wir werden auch Leitungen zusätzlich verlegen müssen. Das muss uns klar sein, wenn wir mit der Energiewende voranschreiten wollen. Aber natürlich bauen wir sinnvoll und mit Weitblick: Es sollte nicht so sein, dass wir alle drei Jahre kommen und an derselben Stelle neue dickere Kabel verlegen.“
Interview: Daniel Pfeifer
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