Anklage nach Raubüberfall: Wurde Senior (97) aus Sinzing zum Sterben eingesperrt?

Zwei Männer sollen Bluttat in Sinzing (Landkreis Regensburg) lang geplant haben. Wegen versuchten Mordes hat die Staatsanwaltschaft nun Anklage erhoben. Die beiden Beschuldigten, die aus Nachbarorten im Landkreis Regensburg stammen, belasten sich gegenseitig schwer.
Spähten die Täter den Senior aus? Sahen sie vermeintlich fette Beute und wollten ihn deshalb umbringen? Nach dem Raubüberfall auf einen 97-Jährigen in Sinzing liegen die Akten nun bei Gericht. Die Regensburger Staatsanwaltschaft hat gegen die beiden Hauptverdächtigen sowie einen Helfer Anklage erhoben – unter anderem wegen versuchten Mordes. Die Kripo rekonstruierte minutiös, was in jener Nacht Ende März passiert sein soll: Dreimal kam ein 27-Jähriger wohl an den Tatort zurück – zuletzt, um den Tresor abzuholen.
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Dass in Kohlstadt Schlimmes passiert sein muss, hatte sich abgezeichnet: Am 28. und 29. März befragten Bereitschaftspolizisten Nachbarn, während über den Dächern des Ortsteils von Sinzing ein Polizeihubschrauber kreiste. Die Kripo sicherte Spuren in einem etwas abseits gelegenen Wohnhaus und der Umgebung. Das riesige Polizeiaufgebot sorgte in dem Dorf im Westen des Landkreises Regensburg für Gesprächsstoff. Was am letzten Montag im März vorgefallen war, gaben die Ermittler aber erst am Donnerstag preis – nachdem zwei Männer verhaftet waren.
Sie sollen den Raubüberfall auf den Senior geplant und ausgeführt haben. Der 97-Jährige war niedergeschlagen und im Keller des Hauses eingesperrt worden. Gut zwei Stunden dauerte es, bis es dem zurückgezogen lebenden Mann gelang, sich zu befreien. Er bat einen Nachbarn um Hilfe, der dann den Notruf wählte. Beute machten die Räuber am Tattag jedoch nicht – aber nur vorerst. Sie kamen in der Nacht darauf zurück, brachen in das von der Kripo versiegelte Haus ein und verschwanden mit dem schweren Tresor aus dem Keller.
Fanden Polizeitaucher auch die Tatwaffe in der Donau?
Über Monate hinweg versuchte die Kripo, den großen Tresor zu finden, der an jenem 29. März aus dem schon versiegelten Tatort in Sinzing verschwunden war. Ende Juni dann konnte die Ermittler schließlich den Erfolg vermelden: Polizeitaucher holten die Waffen bei Bad Abbach aus der Donau. Dort hatten die Täter sie offenbar entsorgt; vom Tresor selbst fehlt bis heute jede Spur. Unter den Fundstücken auf dem Grund des Flusses soll sich auch das mutmaßliche Tatwerkzeug, ein langes Brecheisen, befinden.
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Die zwei Männer, denen die Staatsanwaltschaft die Tat zuschreibt, sollen das Opfer gekannt haben: Bei einem 28-Jährigen schloss der Senior wohl am 10. März einen neuen Telefonvertrag ab. 13 Tage später sollen er und ein 27-Jähriger im Haus gewesen sein, um die nötige Technik zu installieren – dabei sahen sie den Tresor und glaubten wohl, dass bei dem 97-Jährigen richtig viel zu holen wäre. Tatsächlich aber waren darin Schusswaffen, die der Senior legal besaß. „Die Anklage geht davon aus, dass die Männer den Raubüberfall gemeinsam planten“, erklärte Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher auf Nachfrage.
Am 27. März soll nur der Jüngere der beiden am Tatort gewesen sein – um ein Kabel auszutauschen. Als der Senior ihn in den Keller führte, trafen das Opfer laut eigenen Angaben wuchtige Hiebe am Kopf. Selbst als der 97-Jährige am Boden war, soll weiter auf ihn eingeprügelt worden sein – insgesamt sechsmal, wie ein Spurengutachten ergab. Tatwaffe soll ein Brecheisen sein, das der 27-Jährige mit Kabel, Gipserbeil und einer Flasche voller Benzin gekauft haben soll. Nach dem Angriff soll er das Opfer zum Sterben eingesperrt und den mutmaßlichen Komplizen informiert haben. Der 28-Jährige war zu der Zeit im Fitnessstudio – womöglich für sein Alibi. Mit ihm hatte der Senior nämlich den Telefonvertrag abgeschlossen.
Laut MZ-Recherchen will der ältere der beiden mutmaßlichen Täter nichts davon gewusst haben, dass das Opfer wohl getötet werden sollte. Der 28-Jährige stellte sich der Polizei und verriet alles. Dieser zweite Mann wiederum belastete den anderen – er habe auf dessen Anweisung gehandelt und sei gezwungen worden. Der 27-Jährige räumte aber ein, in der Tatnacht zweimal nach Sinzing zurückgekehrt zu sein. Da waren Retter und Polizei aber bereits vor Ort. Um tags darauf an den Tresor zu kommen, soll er einen 21-Jähriger als Helfer engagiert haben. Dieser Mann wird sich aber wohl nur wegen Wohnungseinbruchsdiebstahls vor Gericht verantworten müssen, hieß es.
Verteidiger fechten die Anklage gegen den 28-Jährigen an
Den beiden anderen Männern dagegen wird versuchter Mord vorgeworfen – bei dem Älteren „durch Unterlassen“, wie Rauscher sagte. Dagegen aber gehen dessen Strafverteidiger Annette von Stetten (München) und Michael Haizmann (Regensburg) vor: „Wir haben Antrag auf Nichteröffnung des Verfahrens gestellt.“ Zudem sei die Aufhebung des Haftbefehls gegen den 28-Jährigen beantragt worden. Man sehe nach Auswertung der äußerst umfangreichen Akten keinen dringenden Tatverdacht. „Unser Mandant hat nichts Strafbares getan“, sagte Haizmann.
Darüber muss nun letztlich das Regensburger Schwurgericht entscheiden. Wie Landgerichtssprecherin Britta Wankerl bestätigte, liegt der Kammer die Anklage vor. Wann und ob es zu einem Prozess kommt, sei derzeit nicht abzusehen. Im Falle einer Verurteilung droht den beiden Hauptbeschuldigten lebenslänglich.


