Hohe Kosten und Fachkräftemangel: Ambulante ärztliche Versorgung in Gefahr

„Wir arbeiten am Limit“, sagt der Orthopäde Wolfgang Bärtl. Die Ärzte im Landkreis Neumarkt seien an einem Punkt, „wo es nicht mehr geht“. Die ambulante Versorgung werde von der Politik „kaputt gespart“, die Leidtragenden seien die Patienten. Für die Zukunft zeichnet Bärtl ein düsteres Szenario.
Die Stimmung ist aufgeheizt, die Facharztpraxen „brennen“, sagt Wolfgang Bärtl, Vorsitzender des Bayerischen Facharztverbandes und Orthopäde in Neumarkt: „Wir brennen für unsere Arbeit, aber uns brennt der Hut.“ Überbordende Bürokratie und hohe Kosten auf der einen Seite, Budgetierung und fehlende Honorarerhöhungen auf der anderen Seite – einhergehend mit eklatantem Fachkräftemangel: „Die ambulante Versorgung im ländlichen Raum ist in Gefahr. Die Leidtragenden sind die Patienten“, warnt Bärtl.
Aktuelles Beispiel sei die Aufgabe der kurativen Mammographie in Neumarkt. Wie hier könnte es bald in vielen weiteren Facharztpraxen gehen, prophezeit der Facharztverbands-Vorsitzende: Ärztliche Leistungen könnten künftig aus Rentabilitätsgründen und Personalmangel einfach nicht mehr angeboten, ambulante Operationen nicht mehr vorgenommen, Facharztsitze nicht mehr besetzt werden.
Bei den Hausärzten und Gynäkologen ist das bereits der Fall: Laut Hausarzt Hans Tylla aus Berngau sind in der Region Neumarkt aktuell acht Hausarztsitze vakant und die Situation werde sich weiter verschärfen. Denn 40 Prozent der praktizierenden Allgemeinmediziner seien über 60 Jahre.
Bei den Frauenärzten seien es mindestens zwei Sitze, die nicht besetzt werden können, weiß Werner Ecca, Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe in Postbauer-Heng. Das Durchschnittsalter der Gynäkologen liegt laut Versorgungsatlas der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB) bei 53,8 Jahren.
Honorierung nicht mehr kostendeckend
„Wir arbeiten am Limit“, sagt Bärtl. Die Ärzte seien an einem Punkt, „wo es nicht mehr geht“: Der Kostendruck steige, die Honorierung sei aber längst nicht mehr kostendeckend.
Mit Blick auf die derzeit laufenden Honorarverhandlungen kritisiert er: „Die ambulante Versorgung durch niedergelassene, grundversorgende Fachärzte wird von der Ampelpolitik und Krankenkassen in unerträglicher, respektloser Art diskreditiert und kaputtgespart.“ Damit schade die Bundesregierung den Patienten. Die Praxen müssten sparen, berichtet Bärtl weiter.
Probleme durch elektronische Krankschreibung und E-Rezept
Das Fachpersonal laufe weg, weil es in anderen Sparten besser verdient. Die Digitalisierung im Gesundheitswesen funktioniere nicht – ohne einheitliche Strategie sei die elektronische Krankschreibung eingeführt worden und die Umsetzung des E-Rezepts geplant: „Das sind Sachen, die uns Nerven kosten und uns von unserer eigentlichen Arbeit abhalten.“
Viele Facharztpraxen sähen sich inzwischen gezwungen, ihre Sprechstundenzeiten und die telefonische Erreichbarkeit zu reduzieren, da das noch vorhandene Personal dringend für die Assistenz in den Sprechstunden, im OP oder beim Röntgen gebraucht werde. Inzwischen fielen ganze Operations-Segmente aus.
Hundehalter zahlt für Ultraschall fünfmal so viel
Bärtl stellt gleichzeitig klar, selbstverständlich würden Notfälle immer behandelt. Das unterstreicht auch Gynäkologe Ecca. Er könne in seiner Praxis für 2023 keine neuen Patienten mehr annehmen, sagt er und übt wie der Facharztverbands-Vorsitzende deutliche Kritik an der Honorierung: Es könne nicht sein, dass ein Hundehalter beim Tierarzt für einen Ultraschall fünfmal so viel zahle, wie ein Mediziner für die gleiche Untersuchung beim Menschen bekommt.
„Wir Ärzte arbeiten selbstständig. Wir müssen schauen, dass es sich rechnet“, heißt es aus einer anderen gynäkologischen Praxis in Neumarkt. Die Frustration nehme zu. Kinderärztin Nadja Bösel, die ihre Praxis vor fünf Jahren übernommen hat, stellt fest, dass die hohen Ausgaben die Einnahmen zunehmend auffressen. Das könne sie nur ausgleichen, indem sie mehr Patienten behandle. So schildert auch Kinderkardiologe Johannes Weichsel die Situation.
Lange Wartezeiten für gehörerhaltendes Operationen
Hans Ebert, Hals-Nasen-Ohrenarzt (HNO) in Neumarkt, rechnet vor: „Das Honorar für ambulante Eingriffe wie die Entfernung von Polypen ist niedriger, als eine Stunde Belegung des OP-Saals kostet.“ Hinzu komme, dass viele Kliniken ambulante Belegungen nicht mehr erlaubten. Die Folge sei, dass viele HNOs (in Neumarkt gibt es drei Praxen mit fünf Arztsitzen) nicht mehr operierten. Inzwischen betrage die Wartezeit für „gehörerhaltende OPs“ wie die Polypenentfernung bei Kindern bis zu einem Jahr, lässt Ebert wissen. Das habe dramatische Folgen, weil es zu bleibenden Gehörschäden und Verzögerungen bei der Sprachentwicklung führe.
Ebert befürchtet, Praxen im ländlichen Raum würden verwaisen. Hier sei der Anteil an Leistungen, die privat abgerechnet werden können, geringer als in städtischen Praxen und somit gebe es keinen Ausgleich für defizitäre Behandlungen. Das mache es für künftige Mediziner zunehmend unattraktiver sich in ländlichen Gegenden niederzulassen.
„Das will keiner machen“
Gynäkologe Ecca ergänzt, junge Ärzte müssten für eine Praxis erst immens investieren, trügen ein hohes finanzielles Risiko: „Das will keiner machen.“ Ein düsteres Szenario zeichnet Facharztverbands-Vorsitzender Bärtl: All die negativen Entwicklungen zusammen führten verstärkt dazu, dass ältere Mediziner ihre Praxen früher aufgeben, jüngere weniger bereit seien, eine Praxis zu übernehmen und stattdessen ein Angestelltenverhältnis bevorzugten.
In Zukunft werde es nicht mehr den klassischen Praxisinhaber geben, der zwölf Stunden und mehr am Tag arbeite. Deswegen werde es für einen Arzt, der aufhört, mindestens 1,5 brauchen, um das Arbeitsvolumen aufzufangen. Dafür bräuchte es aber bessere Rahmenbedingungen, so Bärtl.
„Lücke zwischen numerischer und tatsächlicher Versorgung“
Aktuell sind laut KVB-Pressesprecher Martin Eulitz alle Facharztsitze im Raum Neumarkt formal besetzt. Er erläutert, dass „freie Vertragsarztsitze“ bedeute, wie viele Ärzte sich noch niederlassen könnten, bevor der Planungsbereich per Gesetz als gesperrt gilt (bei einem Versorgungsgrad von 110 Prozent).
Für den Bedarfsplan an Fachärzten werden nicht die Landkreisgrenzen, sondern Raumordnungsregionen zugrunde gelegt. Neumarkt zählt aufgrund dessen mit zur Region Regensburg. Da in Regensburg eine hohe Zahl an Fachärzten angesiedelt ist, ergibt sich laut KVB-Versorgungsatlas rein rechnerisch in allen Fällen ein Versorgungsgrad von zum Teil weit mehr als 100 Prozent.
Der Landkreis habe nur wenig Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen, sagt Sprecher Michael Gottschalk. Man appelliere deshalb über den regionalen Planungsverband an die KVB, die Regionen kleinräumiger zu unterteilen, damit die Situation des ländlichen Raums besser abgebildet werde. Ansonsten „klafft eine große Lücke zwischen numerischer und tatsächlicher Versorgung“, so Gottschalk.
Private Investoren übernehmen zunehmend Praxen
Als Problem sehen er und Klinikvorstand Markus Graf, dass zunehmend Arztpraxen von privaten Investoren übernommen werden und sich dann oftmals die Leistungen auf die lukrativeren Tätigkeitsfelder beschränkten. Gering vergütete Leistungen würden dann nicht mehr angeboten. Dem versuche man dadurch entgegenzuwirken, dass das Klinikum Arztpraxen übernehme und ärztliche Praxiszentren schaffe.
Entsprechende MVZs gibt es im Raum Neumarkt und Parsberg für Allgemeinmedizin, Anästhesie, Chirurgie, Gastroenterologie, Kardiologie, Neurologie und Pädiatrie. Das Klinikum verstehe sich als Versorger der Region und werde sich engagieren, wo es sinnvoll ist. Doch entscheide letztlich der Preis, der für die Praxen aufzubringen ist.