Krankenhausreform: Neumarkter Mediziner befürchten drastische Folgen

Von Petra Schlierf · 4. Juni 2023 um 17:00

Für Verständnislosigkeit und zum Teil sogar Wut sorgt die geplante Krankenhausreform bei der Neumarkter Ärzteschaft. Das wurde beim Fachgespräch am Freitag deutlich. Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek stellte sich den Fragen der Mediziner.

Hans Tylla, Vorsitzender des Ärztenetzes, skizzierte zu Beginn düstere Zukunftsaussichten für die regionale Ärztelandschaft: „In den letzten Jahren nehmen immer weniger Ärzte die Möglichkeit einer Niederlassung wahr. Erschwerend kommt die Überalterung der niedergelassenen Kollegen hinzu.“ Laut der Kassenärztlichen Vereinigung gebe es derzeit acht nicht besetzte Hausarztsitze im Landkreis Neumarkt. Trotzdem gelte die Region aktuell als noch nicht unterversorgt. Entsprechend hoch sei die Arbeitsbelastung für die übrigen Kollegen, verbunden mit längeren Wartezeiten auf Termine für die Patienten.

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Nach Corona, Energiekrise und Krieg in der Ukraine „laufen wir jetzt sehenden Auges in eine Gesundheits- und Pflegekrise“, schlug Orthopäde Wolfgang Bärtl, Geschäftsführer des Ärztehauses, in die selbe Kerbe. Der tatsächliche Bedarf vor Ort stimme nicht mehr mit der Bedarfsplanung überein. Ohne bessere Finanzierung der niedergelassenen Praxen seien zeitnahe Termine nicht mehr zu gewährleisten.

Holetschek übt Kritik an Einteilung der Krankenhäuser in Level

Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) ist ein scharfer Kritiker von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) und speziell seiner Krankenhausreform. Das war nicht nur am Tag zuvor bei den Beratungen in Berlin deutlich geworden, sondern auch in Neumarkt.

Insbesondere die Einteilung der Krankenhäuser in verschiedene Leistungskategorien, so genannte Level, lehnt er ab, denn: „Die geben aus meiner Sicht ein falsches Versprechen. Wenn suggeriert wird, dass nur höhere Level auch gut sind, wird irgendwann das Ausbluten der anderen beginnen.“ Vielleicht sei das sogar das Ziel, argwöhnte der Minister, und man wolle auf diesem Weg kleine Krankenhäuser gezielt unrentabel machen, um sie später schließen zu können.

Die Ärzteschaft komme aus seiner Sicht in der Reform viel zu wenig zu Wort. Denn wenn in den Kliniken mehr Eingriffe ambulant durchgeführt werden sollen, treffe das auch die Niedergelassenen. Um die Versorgung aufrechtzuerhalten, will Holetschek Teamarztpraxen und Medizinische Versorgungszentren fördern, aber gleichzeitig Investoren zurückdrängen, die Arztsitze aufkaufen. Außerdem gehöre die Gebührenordnung der Ärzte aus den 90ern längst angepasst.

Viele Patienten erscheinen nicht zu Terminen

Die zahlreichen Mediziner im Publikum zeigten sich anschließend sehr diskussionsfreudig und verschafften dem Minister viele Einblicke in die Praxis. Hausärztin Ingrid Schwarz-Aldorf berichtete, dass die Patienten schon jetzt fast „blutig aus dem Krankenhaus entlassen werden“. Den Verbandswechsel übernehme der Hausarzt, ohne dafür zusätzlich Geld zu bekommen. Aber: „Was nichts kostet, ist auch nichts wert.“ Die Patienten müssten verstehen, dass gute medizinische Versorgung nicht zum Nulltarif zu haben sei.

Die Patienten selbst könnten dazu ihren Beitrag leisten. Wegen einem Leiden in einer Woche zu vier verschiedenen Ärzten? Das sei in aller Regel unnötig, waren sich die Mediziner einig. Und nicht zu vereinbarten Terminen zu erscheinen, verlängere die Wartezeiten für andere Patienten ohne Not. 40 Prozent der Patienten, die einen Besuch über die Terminservicestelle vereinbart hätten, tauchen nicht auf, sagte Wolfgang Bärtl.

Finanzminister Füracker: „Geld effizienter verteilen“

Mehrere Mediziner berichteten, wie schlecht es schon heute um die Finanzierung ambulanter Operationen stehe, die nach Lauterbachs Plänen künftig noch ausgebaut werden sollen. Oft würden solche Eingriffe quersubventioniert, weil sie für sich genommen nicht kostendeckend bezahlt würden. Ein Beispiel von HNO-Arzt Tobias Kupfer: „Es kann einfach nicht sein, dass ich 2500 Euro draufzahle, nur weil ich ein Kind operiert habe.“

Das Geld sei das eine, qualifizierter Nachwuchs das andere, erinnerte der junge Urologe Tobias Jordan. Der Beruf müsse attraktiv bleiben, damit sich wieder mehr junge Mediziner niederlassen. Viele Studienplätze allein reichten dafür nicht aus. Der ständige Kostendruck sei dabei aber nicht hilfreich.

Es sei „überall so viel Geld im System wie noch nie“, sagte Finanzminister Albert Füracker nach rund einer Stunde Diskussion, trotzdem reiche es nicht. „Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir das Geld effizienter verteilen.“